Michael Fahlbusch: Grenze als Kampfraum

Rezensionsartikel:

Thomas Müller: Imaginierter Westen. Das Konzept des „deutschen Westraums" im völkischen Diskurs zwischen Politischer Romantik und Nationalsozialismus. Bielefeld 2009. 429 S.

Die Westgrenze und Deutschlands Westpolitik ist in vielen Detailstudien untersucht worden. Häufig wurden jedoch entweder Frankreich oder die Benelux-Staaten als Untersuchungsgegenstand gewählt, wodurch sich eine zu fokussierte Forschungsperspektive ergab.1  Eine grundsätzliche Untersuchung über Raumkonzepte und Grenzdiskurse, die sich mit den Räumen und Grenzen von der Nordseeküste bis zur Schweiz befassen, stellte ein Desiderat dar, welches nun mit der vorliegenden, an der RWTH Aachen eingereichten Dissertation abgedeckt wird.

Müller unterteilt seine Dissertation in sechs Kapitel: Die „westliche Grenzfrage" im 19. Jahrhundert, das Konzept der politischen Geographie seit Friedrich Ratzel, die „Westmark" der Alldeutschen, das Konzept der Geopolitik, das Jungkonservative „Westland". Abschließend diskutiert er die um die Befassung mit der Westgrenze herausgebildete Semantik des „Westraumes" im Nationalsozialismus. Der Schwerpunkt der Arbeit Müllers liegt eindeutig auf den letzten beiden Kapiteln.

Der Wandel der Definition von Grenzen als Naturgrenzen hin zu anthropozentrisch determinierten Grenzen durchzieht nicht nur geographische Fachdiskurse und -paradigmen, sondern schlägt sich auch mehr oder weniger reduziert in den politischen Diskursen nieder: einerlei ob sie völkisch, alldeutsch, geopolitisch oder nationalsozialistisch angefärbt sind. Die daraus abgeleiteten „Grenzräume" und Raumkonzepte werden zu „Dispositiven der Macht" (48). Die Vorstellung von Grenzen degenerierte, so Müller, zum „Ort perpetuierter Gewalt und suspendierter Normen" (18). Die Leistung Müllers, anhand von Diskurszusammenhängen über mehr als ein Jahrhundert die Transformationen der Stereotypen, Differenzen sowie Kontinuitäten von völkischen Raumkonzepten herausgearbeitet zu haben, macht dieses Buch auch für die an historisch-politischen Fragestellungen interessierten Geographen zu einem unerläßlichen Kompendium.


1  'Germanomanen' und die Westgrenze

Müller leitet das Kapitel über die Definition der Westgrenze durch den deutschen Nationalismus mit den Ansichten von Ernst Moritz Arndt, Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Ludwig Jahn zur Zeit des Deutschen Bundes ein. Die Väter des deutschen Patriotismus gingen noch von einer Sprachgrenze aus, die mit Naturgrenzen von Gebirgskämmen oder Flüssen übereinstimmen sollte. Diese Grenzen stellten nach deren Auffassung sowohl sprachliche wie militärische Barrieren dar, die in optimalen Grenzlinien exakt bestimmt werden konnten. (Allerdings fiel dieses Konzept wenige Jahre später bereits zugunsten der „Sprachgrenze".) Diese optimalen Grenzen sollten mittels Umsiedlungen anderssprachiger Bevölkerungen oder Assimilation konkretisiert werden. Sie seien bereits zu diesem Zeitpunkt von den Protagonisten (Arndt) durchaus in Erwägung gezogen worden, um die „balance of power" zwischen den europäischen Staaten zu gewährleisten. Mit Begriffen wie „Grenzland" und „Grenzmarken" für die rückwärtigen Schutzzonen wurden erste Raumkonstrukte in den Diskurs nach dem Zweiten Pariser Frieden 1815 aufgenommen (65ff.). Erst die durch den konservativen Historiker Wolfgang Menzel im Verlaufe der Rheinkrise 1840 ins Spiel gebrachte Ausweitung der mittelalterlichen Reichsgrenze nach Westen an das Pariser Becken und ins Burgund habe den Grenzdiskurs radikalisiert, welcher jedoch erst wieder 90 Jahre später von den jungkonservativen Völkischen aufgenommen worden sei. Aufschlußreich ist auch die Feststellung Müllers, daß Menzels Ausführungen weitestgehend in Vergessenheit gerieten und erst 1929 – irrtümlicherweise die Urheberschaft Helmuth von Moltke zuschreibend – durch Ernst Niekisch im Widerstand-Verlag neuaufgelegt worden sind (78). Der nationalistische Historiker und Vertreter alldeutscher Expansionsbestrebungen, Heinrich von Treitschke, forderte schließlich eine ethnische Dekomposition Frankreichs, die er zusätzlich mit dem demographischen Argument der rückläufigen französischen Bevölkerung ergänzte, um eine Verkleinerung Frankreichs zugunsten Deutschlands und Belgiens zu erreichen (100ff.).

Mit der Einführung der Sprachstatistik durch den Preußischen und Reichsstatistiker Richard Boeckh, dem Mitbegründer des später so genannten Vereins für das Deutschtum im Ausland, wird schließlich eine neue Phase der Auffassung von linearen Sprachgrenzen eingeläutet, die sich nicht mehr an natürlichen Grenzverläufen orientierte. Boeckhs europäische Sprachenkarten mit ihren „Sprachinseln" und „Übergangszonen" wurden 1994 wieder gedruckt und gehören als völkisch-nationalistische Dokumente heute zum Kanon neokonservativer und rechtsextremer Kreise (90f.).

Müller hebt hervor, daß mit Riehls ethnographischen Entwürfen zur Bestimmung einer „Westgrenze" im Vorfeld des deutschfranzösischen Krieges 1870/71 eine systematische völkische Grenzlandforschung begann, die sich nicht mehr in der Festlegung von militärischen Grenzlinien erschöpft, sondern sich auf den Nachweis der Verbreitung deutscher Stämme und Landschaften konzentrierte und somit zur Auffassung der Entlinearisierung der Grenzen von der Nordseeküste bis in die Schweiz beitrug. Somit schließt sich der Kreis mit dem bereits erwähnten Heinrich von Treitschke, indem sich die Entlinearisierung der Staatsgrenzen zugunsten der Volkstumsgrenzen als Grenzlandschaften zu Beginn des Kaiserreiches niederschlägt (97f.).


2  Nationalisierung der Westgrenze

Wie seit der Reichsgründung die „Grenzen" umdefiniert wurden, wird im Kapitel „Konzept der politischen Geographie seit Friedrich Ratzel" verdeutlicht. Müller leitet seine Ausführungen ein mit einem Abriß über die bekannte Entwicklung des „geozentrischen Weltbilds" in der Geographie im 19. Jahrhundert, die das Land und nicht den Staat in den Vordergrund stellte. Durch seine darwinistische Sichtweise eines „organischen Raumes" und dessen gesetzmäßigen Wachstums hatte Ratzel die „Grenzlinien" in natürliche „Grenzsäume" aufgelöst (107-112) und diese Begrifflichkeiten einer permanenten Dynamisierung unterzogen. Daß Ratzel die Schweiz im Nachgang ihrer 600-Jahrfeier als „Bruchstücke" neben anderen Kleinstaaten bezeichnete, die „unser Land" von der Mündung und den Quellen nicht immer trennten, spricht für ein völkerrechtlich fragwürdiges Selbstverständnis des Mitbegründers des Alldeutschen Verbands (121), welches er mit Karl Lamprecht, Dietrich Schäfer, Gustav Kossinna, Paul Langhans und anderen teilte. Zweifelsohne, möchte ich als Rezensent anführen, schlug sich der Zeitgeist der Industrialisierung wie auch des ausufernden Kolonialismus genauso wie der verbreitete Antisemitismus im Bildungsbürgertum des Kaiserreichs nieder. Ratzel setzte in seiner Politischen Geographie Juden, Zigeuner, indigene Völker Afrikas und „zahllose ähnliche Existenzen" der Klasse „Landlose Völker in zerstreuter Verbreitung" gleich. Ratzel postulierte in seiner Politischen Geographie, daß diese 'kulturarmen' Völker zwangsläufig den überlegenen Kulturen weichen müßten und seiner eigenen Definition nach zum Untergang verurteilt seien.2  Damit stand er Heinrich von Treitschke 1899 nicht nach, dem zufolge das „Völkerrecht ... zur Phrase [werde], wenn man dergleichen Grundsätze auf barbarische Völker" anwenden wollte.


3  Kulturelle Hegemonie

Die Radikalisierung der Vorstellungen über Grenzen und die damit einhergehende Abwertung der Bevölkerungen der Nachbarstaaten – romanischen oder slawischen Ursprungs – verschärften die alldeutschen Vertreter noch, denen Müller ein eigenes Kapitel widmet: „Die 'Westmark' der Alldeutschen". Pejorativ besetzte Zuschreibungen wie 'dekadente französische Kultur', Nachlässigkeit' und 'Ungenauigkeit' verweisen auf ein diesen Völkern zugeschriebenes fiktives Kulturgefälle. Gegenüber frankophonen Belgiern und Elsässern und vor allem Franzosen wurde eine kulturelle und teilweise eine „rassische „Überlegenheit" postuliert. Völkische Vertreter sprachen gar von „verwelschten Dörfern" in der Schweiz (136, 147ff.). Mit Kurd von Strantz, der sich dreißig Jahre später noch der SS anzudienen versuchte (173f.), steht ein Verfechter der Theorie des verwelschten Deutschtums in der mit Wehrbauern durchsetzten Westmark, die ihren Verlauf jenseits bisheriger Staats- und Sprachgrenzen hatte. Er habe gefordert, nicht nur deutschsprachige Bewohner der Nachbarstaaten zu infiltrieren, sondern die flämische und die wallonische Bewegung in der völkischen Politik zu berücksichtigen. So verwundert es nicht, daß einige völkische Akteure behaupteten, die „deutsche Kultur" sei im Mittelalter allen anderen, so auch der romanischen, überlegen gewesen und die unterlegenen Kulturen hätten die „Errungenschaften" der Deutschen als „Kulturträger" angenommen, wie dies bereits Julius Langbehn in seinem Werk „Rembrandt als Erzieher" postuliert hatte.


4  Die Westgrenze als organizistisches Gebilde

Luzid geht Müller in dem Kapitel über das Konzept der „Grenzräume" in der Geopolitik der Frage nach, wie Geopolitik sich in die Reihe ethnopolitischer Forderungen des „Grenzlandaktivismus" einpassen konnte. Haushofer habe nicht nur Ratzels „biopolitisches Konzept" des organischen Wachstums von Räumen weiterentwickelt, sondern auch die „Gleichartigkeit geologischer, biologischer, kultureller und politischer 'Grenzsäume'" postuliert, die als Grenzlandschaften zur „Wachstumsspitze" eines zur Expansion gedrängten „Lebensraumes" konvergierten (181). Indem Haushofer die alldeutsche Kriegszielpropaganda umging und neben Ratzels universaler Theorie der Räume internationale Ansätze – nicht nur Rudolf Kjelléns, sondern insbesondere der britischen Kolonialgeographie – adaptierte sowie dem „deutschen Volks- und Kulturboden"-Theorem einen hohen Stellenwert beimaß, wurde er auch für den völkischen Diskurs der Jungkonservativen und der Weimarer Rechten interessant, in deren Reihen er sich politisch nachhaltig engagierte. Weil er „Grenzräume" als „Grenzkörper" betrachtete und sie als Teil des „Volkskörpers" aufwertete, ließen sich beliebig auch weitere rassische und suggestive Elemente entwickeln. Es ist selbstredend und hätte hier von Müller erwähnt werden sollen, dass Karl Haushofer bereits 1927 in der Begriffsbildung des „Volks- und Kulturbodens" einen geopolitischen Versuch erkannte, wissenschaftliche Kriterien für den Aufbau von Grenzen herauszuarbeiten. Das Paradigma des „Volks- und Kulturbodens" stellte für Haushofer eine deutsche Monroe-Doktrin dar.3  


5  Adaption vorausgegangener Westgrenzphantasien

Im Kapitel über das „Westland" der Jungkonservativen widmet sich Müller den jungkonservativen Hauptvertretern wie Moeller van den Bruck (228) und Max Hildebert Boehm, die während des Ersten Weltkriegs für Armeeeinheiten arbeiteten, wobei sie die Kriegsziele der Alldeutschen legitimierten und umzusetzen versuchten.4  Aus der Kriegsniederlage entwickelten sie jedoch im Gegensatz zu den Alldeutschen eine neue politische Strategie, die deutschen Kriegsziele umzuformulieren und nunmehr als deutsche Friedensziele auszugeben, die der geänderten politischen Situation in Europa angepaßt waren (189). Diese Transformation („Modernisierung") alldeutscher Ideen fand ihren Niederschlag nicht nur in neuen völkischen Organisationen wie dem Deutschen Schutzbund, die sich der Erweckung des nationalen Bewußtseins verschrieben, sondern auch in den von völkischen Wissenschaftlern gelieferten Konzeptionen und „gewalttätigen" und „aktivistischen" Suggestivkarten (269). Müller zeigt anschaulich am Beispiel der Diskurse der grenzlandlandpolitischen Akteure Deutscher Schutzbund 1919, Jugendgrenzlandarbeit mit der Zeitschrift Volk und Raum 1921, an der auch der bekannte Kartograph der deutschen Volks- und Kulturbodenkarte, der Nationalsozialist Arnold Hillen-Ziegfeld, mitwirkte, und dem Ispertkreis der Grenzlandabteilung der Rheinischen Provinzverwaltung in Düsseldorf 1924, wie die Zusammenarbeit funktionierte und der Begriff „Westland" in einer Melange ethnographischer, sozialer bis hin zu wirtschaftlichen Fragestellungen eingesetzt wurde. Sie führten nun, so Müller, zur Einordnung des Grenzkampfs als Formierungsmodell der Grenze: dem „Westland" (240ff.). Die jungkonservative und teilweise biopolitisch aufgeladene Kategorie „Westland" ging in ein ethnopolitisch definiertes Raum- und Grenzkonstrukt über. Als Gegenbegriff zur Rheingrenze der französischen Gegenseite integrierte dieser sich geschmeidig in die gängigen Volks- und Kulturbodentopoi und Mitteleuropakonzepte. Deren propagandistische Leistungsfähigkeit verdankten sie weniger ihren geopolitischen Ursprüngen, als vielmehr den zugrundeliegenden mittelalterlichen Ordnungsmodellen und völkischen, in die urgermanische Zeit ausufernden Vorstellungen.


6  Im Western nichts Neues

Der Übergang zum Nationalsozialismus stellt in der Diskursebene keinen Bruch dar, zumal bis zur Abstimmung über das Saarland 1935 eine gewisse außenpolitische Zurückhaltung geboten war. Am Beispiel des in der Zeitschrift Volk und Reich geführten Diskurses verfolgt Müller die weitere Entwicklung des „Westland"-Begriffs, der schließlich in der ebenfalls vom gleichen Verlag herausgegebenen Zeitschrift Westland mündete (328-338). Die „Westgrenze" des neuen „Westraums" zielte nunmehr auf die bereits durch Menzel und Treitschke geforderte Verkleinerung Frankreichs (338ff.). Nicht ganz neu im völkischen Diskurs war die Einbeziehung einer germanisch-flämischen und -wallonischen Völkergemeinschaft Europas, auf deren rassische Zusammensetzung hier aus Raumgründen nicht näher eingegangen werden soll (349-367), weil diese bereits von den flämischen Nationalisten unter Mithilfe der deutschen Besatzungsverwaltung um Max Robert Gerstenhauer während des Ersten Weltkriegs lanciert worden ist. Eine während 80 Jahren kanonisierte Melange historischer, wirtschaftlicher, archäologischer, kultureller, biologischer und rassischer Stereotypen fand nun Eingang in ein Amalgam der wissenschaftlichen und politischen Publizistik. Diese Stereotypen schlugen sich in einer Anzahl von Denkschriften und Gutachten an die Reichszentralen nieder, die unter anderem in die berüchtigte Stuckart-Denkschrift vom Juni 1940 mündeten (31ff., 324-328, 377). Müller behandelt die Ziele dieser Denkschrift ausführlich, deren Ursprung Peter Schöttler 2003 nicht etwa den Westforschern und schon gar nicht dem Vorsitzenden der Zentralkommission für wissenschaftliche Landeskunde von Deutschland und der Westdeutschen Forschungsgemeinschaft (WFG), dem völkischen Geographen Friedrich Metz, zugeschrieben hatte, sondern Stuckarts Mitarbeitern im Reichsinnenministerium,5  obwohl der Nachlaß von Friedrich Metz und seine Stuckart-Denkschrift aus dem Jahr 1940 bis heute als verschollen gelten. Zudem soll es mehrere Versionen dieser Stuckart-Denkschrift gegeben haben, weil Hitler nach dem ersten ihm vorgelegten Entwurf die Erweiterung um die an Deutschland fallenden Gebiete an der Kanalküste gefordert hatte.6  Vertreter der Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften (VFG) waren bereits bei der Vorbereitung des Münchner Abkommens 1938, beim deutschrussischen Abkommen über die Grenzziehung Polens 1939, den Wiener Schiedssprüchen als auch der Aufteilung Jugoslawiens 1941 an der Ausarbeitung von Grenzvorschlägen mitbeteiligt gewesen, wie ich bereits in meiner Arbeit über die Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften 1999 dargelegt hatte.7  Warum die völkischen Wissenschaftler ausgerechnet im Westen nicht zum Zuge gekommen sein sollten, bleibt Schöttlers Geheimnis.

Friedrich Metz, der sich im übrigen nicht nur ethnopolitische, sondern auch geopolitische Denkmuster – wie andere völkische Wissenschaftler auch – zu eigen machte, hatte außerdem im Sommer 1941 eine zweite Westdenkschrift, diesmal an das Auswärtige Amt verfaßt, in der er bereits den fait accompli der Aussiedlung der französischsprachigen Bevölkerung aus dem besetzten Frankreich berücksichtigte und eine Umsiedlung von einer weiteren halben Millionen flämischsprachiger Menschen aus dem unbesetzten Frankreich in die zuvor geräumten Gebiete vorschlug. Er rannte damit wohlgemerkt beim Auswärtigen Amt offene Türen ein. Bemerkenswert ist außerdem die Entwicklung europäischer, großgermanischer Planungsvisionen in den Benelux-Staaten und die Annexion Elsaß-Lothringens, die durch ethnische Flurbereinigungen flankiert werden sollten.8


7    Resümee

Wie bei jeder größeren Arbeit schleicht sich auch Unplausibles ein, das hier nicht verschwiegen werden soll:
1.    Im Abschnitt über Wolfgang Ispert, der bei der Provinzverwaltung des Rheinlands in Düsseldorf eine von der WFG unabhängige eigenständige Abteilung Grenzland aufgebaut habe, verweist Müller auf ein Dokument, in welchem Ispert die WFG als unfähig und politisch unzuverlässig stigmatisierte, um mit Hans Joachim Beyer vom SD und dem Deutschen Ausland-Institut in Stuttgart zusammenzuarbeiten. Müller führt ferner hierzu an, daß Ispert ein eigenes Forschungsprogramm vorgeschlagen habe, welches in Konkurrenz zur WFG stand, ohne dies jedoch weiter zu belegen, wozu die Jahresberichte der WFG auszuwerten gewesen wären (296-322, hier 316ff., 377). Auch wenn Ispert behauptete, eine von der WFG unabhängige weitere regionale wissenschaftspolitische Organisation aufbauen zu wollen, so ist doch sein Mitarbeiter, Wilhelm Bodens, selbst Mitglied der WFG gewesen.9  Auch die eigenständigen Projekte von Isperts Arbeitsstelle sind vor dem Hintergrund der Ressourcenoptimierung historisch eindeutig einzuordnen: Bereits Karl Ditt hatte 1988 darauf hingewiesen, daß im Zuge der Okkupationspolitik die „Zersplitterung der Landesgeschichtsforschung im Westen" überwunden worden sei.10  Es kam im Zuge des Westprogramms schließlich zu einer Kooperation der WFG und der SS. 1943 gelangten die landeskundlichen Forschungseinrichtungen unter die Kontrolle der Reichszentrale für Länderkunde des Reichssicherheitshauptamt (RSHA) VI G.
2.    Es wäre auch wünschenswert gewesen, wenn die Pionierstudien von Emile Krier und Paul Dostert herangezogen worden wären, die auf die Verbindung der Westforscher der Rheinprovinz, Franz Steinbach und Josef Schmithüsen, bei der Okkupation Luxemburgs hingewiesen hatten, denn auch sie wollten luxemburgische Gebiete akquirieren.11

Es ist festzuhalten, daß die sachinhaltliche Gliederung zwar das Arbeiten mit diesem Werk rleichtert, sie erübrigt jedoch nicht das fehlende Index-Verzeichnis, welches die verborgenen Schätze dieser Arbeit noch stärker zur Geltung brächte, wie etwa die Tatsache, daß nicht Michel Foucault den Begriff „Biopolitik" begründete, sondern dieser Begriff durch Louis von Kohl ausgerechnet in der Zeitschrift für Geopolitik im Jahr 1933 eingeführt worden ist (14). Müller geht auf die Kontinuität der völkischen Paradigmen und ihrer Kriegsziele im Ersten und Zweiten Weltkrieg und vor allem in den Zwischenkriegszeiten 1871-1914 und 1918-1938 ein. Indem er die verschiedenen Grenzabschnitte von der Nordsee bis zu den Alpen diskutiert, zeigt er die mitteleuropäische Dimension der „Westgrenze" auf. Es ist zu wünschen, daß für die anderen „Grenzabschnitte" ähnliche Studien folgen.12


Anmerkungen

1    Nicht erwähnen möchte ich die vielen Regionalstudien. Wichtige Arbeiten zur Westfrage vgl. Alexander Demandt (Hg.), Deutschlands Grenzen in der Geschichte, München 1991; Franziska Wein, Deutschlands Strom – Frankreichs Grenze. Geschichte und Propaganda am Rhein 1919 bis 1930, Essen 1992; Burkhard Dietz u. a. (Hg.), Griff nach dem Westen. Die „Westforschung" der völkisch-nationalen Wissenschaften zum nordwesteuropäischen Raum (1919-1960), Münster 2003; Gertrude Cepl-Kaufmann u. a. (Hg.), Wissenschaftsgeschichte im Rheinland unter besonderer Berücksichtigung von Raumkonzepten, Kassel 2008. Vgl. auch die umfangreiche Diskussion des Forschungsstands in der Einleitung Müllers, S. 9-63.

2    Vgl. Friedrich Ratzel, Politische Geographie 1897, S. 35ff., 118ff., ausführlich diskutiert bei  Sven Lindqvist, Durch das Herz der Finsternis, Frankfurt a.M. 1999, S. 192ff.

3    Vgl. Karl Haushofer, Grenzen in ihrer geographischen und politischen Bedeutung, Berlin 1927, S. 36, 124, 317.

4    Moeller van den Bruck arbeitete für die Auslandsabteilung der Obersten Heeresleitung die Kriegsziele für die Annexionspläne aus. Max Hildebert Boehm wurde in einer Propagandaeinheit des Oberkommando Ost im Baltikum eingesetzt.

5    Schöttler behauptete zudem irrigerweise, Metz habe die Geopolitik abgelehnt, obwohl Metz in der Zeitschrift für Geopolitik 1926 publiziert hatte. Vgl. Peter Schöttler, Eine Art 'Generalplan West'. Die Stuckart-Denkschrift vom 14. Juni 1940 und die Planungen für eine neue deutsch-französische Grenze im Zweiten Weltkrieg, in: Sozial.Geschichte (2003) 3, S. 83-131, 104; dagegen führt Engels die Urheberschaft der Stuckart-Denkschrift auf Ergebnisse von Tagungen der WFG zurück, vgl. Marc Engels, Die „Wirtschaftsgemeinschaft des Westlandes". Bruno Kuske und die wirtschaftswissenschaftliche Westforschung zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik, Aachen 2007, S. 177, 216-235.

6    Vgl. IMT XXXVII, S. 218ff. Niederschrift der Vernehmung Hans Globkes vom 25.9. und 13.10.1945 betr. Annexionspläne im Westen zitiert in Michael Fahlbusch, Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik? Die „Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften" von 1931-1945, Baden-Baden 1999, S. 709, Fußnote 579.

7    Vgl. Fahlbusch, Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik?, S. 510. Zu Metz' Rolle als Rektor der Freiburger Universität vgl. auch Silke Seemann, Die politischen Säuberungen des Lehrkörpers der Freiburger Universität nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs (1945-1957), Freiburg i. Brg. 2002, passim.

8    Zu den Vernichtungsaktionen im Westen vgl. Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden, München 2008, S. 488-506, 557ff. Zur geschichtlichen Einordnung der bilateralen Politik vgl. Carine Germond/Henning Türk (Hg.), A History of Franco-German Relations in Europe. From „Hereditary Enemies" to Partners, Basingstoke 2008. wirtschaftswissenschaftliche Westforschung zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik, Aachen 2007, S. 177, 216-235.

9    Wie Müller an anderer Stelle erwähnte: Thomas Müller, Die Formierung des „Grenzraums". Die 'Abteilung G' des Reichsinspekteurs und Landeshauptmanns Haake, in: Burkhard Dietz u. a. (Hg.), Griff nach dem Westen, 763-790.

10    Das Zitat stammt vom stellvertretenden Leiter der WFG Ernst Zipfel aus dem Jahr 1940. Vgl. Karl Ditt, Raum und Volkstum. Die Kulturpolitik des Provinzialverbandes Westfalen 1923-1945, Münster 1988, S. 253ff. Vgl. auch meine Ausführungen zur Kooperation im Kriege im Westen: Fahlbusch, Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik?, S. 510, 586, 695,

11    Emile Krier, Deutsche Kultur- und Volkstumspolitik von 1933-1940 in Luxemburg, Bonn 1978; Paul Dostert, Luxemburg zwischen Selbstbehauptung und nationaler Selbstaufgabe. Die deutsche Besatzungspolitik und die volksdeutsche Bewegung 1940-1945, Luxemburg 1985; soeben neu erschienen: Bernard Thomas, Le Luxembourg dans la ligne de mire de la Westforschung, Luxemburg 2011.

12    Vgl. Nancy M. Wingfield (ed.), Creating the Other. Ethnic Conflicts and Nationalism in Habsburg Central Europe, New York, Oxford 2004 2nd ed., insbes. Part 3, S. 169-242.


 Quelle: geographische revue, 13. Jahrgang, 2011, Heft 1/2, S. 127-134

 

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