Theo Rauch: Entwicklungspolitik. Theorien, Strategien, Instrumente. Braunschweig 2009. 384 S.

Theo Rauch gehört zu den Wenigen, die den Spagat zwischen Wissenschaft und Praxis immer aufrecht erhalten haben und die deshalb einerseits über ein enormes Erfahrungswissen verfügen, anderseits aber auch die Fähigkeit zur kritischen Reflexion nie aufgegeben haben. Dieser Hintergrund lässt weder eine normativ aufgeladene „Gutmenschenfibel“, noch einen gängigen Verriss der Entwicklungszusammenarbeit nach dem Motto „die hilflosen Helfer“ erwarten, sondern eine Art selbstreflexive Bilanz.

Theo Rauch wäre nicht Theo Rauch, wenn er nicht über 40 Jahre entwicklungsorientierter Arbeit sowohl an Hochschulen, aber vor allem auch als Berater und Gutachter in der technischen Zusammenarbeit vor Ort in einer systematischen Reflexion zusammenfassen und auf den Begriff bringen sowie dabei gleichzeitig noch ein zukunftsfähiges Handlungskonzept für professionelle Entwicklungszusammenarbeit entwickeln würde.

Das Buch setzt sich im ersten Teil mit dem Wandel in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit auseinander. Hier werden kenntnisreich und durchaus auch kritisch Geschichte, Begründungszusammenhänge, Formen und Umfang der internationalen Entwicklungszusammenarbeit diskutiert. Es gelingt ihm, die Vielfältigkeit und Widersprüchlichkeit des Themenfeldes in seinen verschiedenen Dimensionen in einer Weise abzubilden, die den Studierenden eine sehr gute Orientierung erlaubt, die aber gleichzeitig so inhaltstief ist, dass auch Fachleute das Werk nicht gelangweilt beiseite legen. Rauch sieht Entwicklungszusammenarbeit dabei als Teil globaler Strukturpolitik (global governance), die sozial- und entwicklungsverträgliche Prozesse anstrebt und unterstützt.
Es „sollen die Grundlagen für eine demokratisch legitimierte Eigenverantwortung, für  situationsgerechte und nachhaltige Problemlösungen und für effektives Durchführungsmanagement in den Partnerländern geschaffen werden“ (118). Die mit dem Zitat angedeutete und von Rauch natürlich souverän beherrschte „Entwicklungsrethorik“ formuliert hier in brillianter Weise eine eurozentristische Emanzipationsperspektive, deren Krise in den Partnerländern nicht erst durch die pragmatische Politik der VR China deutlich geworden ist.

Im zweiten Teil des Buches werden Strategien und Instrumente nun nicht mehr der Entwicklungszusammenarbeit, sondern der Entwicklungspolitik dargestellt. Hier entwirft der Autor sein Rahmenkonzept des multidimensionalen Mehr-Ebenen-Ansatzes. Diese Ebenen sind als Akteurs- oder Interventionsebenen gedacht und reichen von der globalen über die nationale und regionale bis hin zur lokalen Ebene. Als relevante Dimensionen werden die ökonomische, ökologische, politisch-institutionelle und die gesellschaftliche Dimension genannt und anschließend kapitelweise abgehandelt. Jedes Kapitel behandelt die generelle Problemstellung, mögliche Erklärungsansätze und die dazugehörigen entwicklungspolitischen Strategien, die möglichst alle vier Ebenen erfassen sollen. In der Konsequenz gelingt dem Autor damit ein sehr anschauliches Strukturierungsschema, in dem quasi alle Probleme der Entwicklungszusammenarbeit systematisch verortet werden können, was insbesondere der Zielgruppe der Studierenden entgegen kommt. Ein Schelm, wer sich an Ergebnisse der  subsumtionslogischen Veranstaltungen zur zielorientierten Projektplanung (ZOPP) der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) erinnert fühlt.

Unter der ökonomischen Dimension (Einkommen, Beschäftigung und Ernährung) wird ein Mangel an Existenzmöglichkeiten in einer globalisierten Marktwirtschaft als zentrales Problem gesehen. Die dazugehörige Theorie der Peripherisierung liefert dann die Basis der entsprechenden Enwicklungsstrategie, der armutsorientierten Wirtschaftsförderung. Dabei geht es um nicht weniger als die sozialverträgliche Steuerung der globalen, nationalen, regionalen und lokalen Märkte sowie der dahinter stehenden angebots- und nachfrageorientierten Strukturen. Das in Bezug auf die Entwicklungspolitik außerordentlich kenntnisreich geschriebene Kapitel bietet einen umfassenden Überblick über alle aktuell relevanten Interventionsstrategien und damit eine ausgezeichnete
Einführung für Studierende. Die ökologische Dimension (nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen) stellt Bodendegradation, Wasserverknappung, Walddegradation, Biodiversität, Klimawandel und Naturkatastrophen als zentrale Problemfelder vor und verweist knapp auf Erklärungsansätze der sozialen- und politischen Ökologie, der Institutionenökonomik sowie des Verwundbarkeitskonzepts. Breiten Raum nehmen dann die entsprechenden Politikfelder und Interventionsstrategien ein, illustriert mit anschaulichen Beispielen aus der Praxis.

Im Kapitel zur politisch-institutionelle Dimension (Macht und Kapazitäten, Regeln und Services) wird als Kernproblem die schlechte Regierungsführung identifiziert und als Erklärungsansätze auf Rent-seeking und Klientelismus der Staatsklassen verwiesen. Als Gegenstrategien werden Good-Governance-Ansätze, Privatisierung und Dezentralisierung vorgestellt, wobei Letzteres mit zahlreichen Beispielen und Erläuterungen die besondere Kompetenz des Autors in diesem Feld verdeutlicht. Abschließend wird die gesellschaftliche Dimension (Problemlösungsfähigkeit und empowerment) behandelt. Hier sieht Rauch als entscheidendes Problem, dass weder das marktwirtschaftliche noch das traditionelle solidarwirtschaftliche System ausreichen, um die soziale Kohäsion der Gesellschaften im Zeitalter der Globalisierung zu gewährleisten. Als Erklärungsansätze führt er die  Strukturationstheorie, den Verflechtungsansatz, den Livelihood-System-Ansatz und Sozialkapitalansätze auf. Dementsprechend fokussieren die Strategieansätze auf Bürgerbeteiligung, Partizipation und die Unterstützung zivilgesellschaftlicher Elemente. Auch hier illustrieren zahlreiche Praxisbeispiele die Aussagen. In seinem Fazit betont der Autor nochmals die anhaltende und auch zukünftige Bedeutung der
Entwicklungszusammenarbeit und unterstreicht damit indirekt auch die Notwendigkeit und bedeutende Rolle der professionellen (aufgeklärten) Experten (wenn nicht wir, wer dann?). Es ist auch diese interne „Expertenperspektive“, die das Werk insgesamt charakterisiert, denn der Autor will motivieren. Zwar werden alle Kritikpunkte am Dienstleistungsgewerbe Entwicklungszusammenarbeit vor allem im ersten Teil abgearbeitet, aber sie werden stets systemimmanent im Sinne von Verbesserungsmöglichkeiten betrachtet.

Abschließend sei darauf verwiesen, das die Reihe „Das Geographische Seminar“, in deren Rahmen der Band erscheint, für den Bachelor-Studiengang konzipiert ist und diesem Anspruch wird die Arbeit auch mehr als gerecht. Der anschauliche und flüssige Schreibstil des Autors sowie seine übersichtliche und klare Gliederung erlauben die Nachvollziehbarkeit auch komplexerer Zusammenhänge durch den unerfahrenen Leser. Allerdings geht das Buch weit über diesen Anspruch hinaus und legt Zeugnis ab von den entwicklungspolitischen Erfahrungen eines theoretischen Praktikers oder praktischen Theoretikers, der „trotz alledem“ um eine positive Perspektive ringt und diese auch den nachfolgenden Generation vermitteln möchte. Warum das Buch den Titel „Entwicklungspolitik” und nicht  „Entwicklungszusammenarbeit” trägt und warum auf dem Cover ausgerechnet Istanbul abgebildet wurde, das sind Fragen, die wohl nur der Verlag beantworten kann. Unabhängig davon gehören die Inhalte des Buches zu dem Besten, was man gegenwärtig im deutschen Sprachraum zur Thematik findet.
Walter Thomi

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 54 (2010) Heft 3-4, S. 254-255

 

lesen Sie auch die Rezension von Ulrich Scholz

 

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