Ralph Lützeler: Ungleichheit in der global city Tokyo. Aktuelle sozialräumliche Entwicklungen im Spannungsfeld von Globalisierung und lokalen Sonderbedingungen. München (Monographien aus dem Deutschen Institut für Japanstudien 42) 2008. 467 S.

In der internationalen Stadtforschung ist vor dem Hintergrund zunehmender sozialer Gegensätze von einer Verschärfung sozialräumlicher Segregation in Metropolen die Rede. Dies gilt insbesondere seit der epochalen Studie von Saskia Sassen über The Global City: New York, London, Tokyo (1991, 2. Auflage 2001) als Schaltzentralen einer globalisierten Wirtschaft. Die Polarisierungsthese Sassens hat einerseits viel Anklang gefunden, andererseits aber auch fundamentale Kritik ausgelöst. Ihre weltweite Gültigkeit wird hinterfragt: nicht nur für die Metropolen Europas, wo eine überwiegend soziale  Marktwirtschaft extreme soziale Gegensätze verhindert, sondern auch für die Metropolen Japans, wo die These des developmental state als Blockierer eines ungehemmten Kapitalismus, ja sogar die Gegenthese einer weitgehend konfliktfreien Stadtgesellschaft vertreten wird.

Vor dem Hintergrund dieser Diskussion verfolgt Ralph Lützeler in seiner Bonner Habilitationsschrift jüngere sozialräumliche Wandlungsprozesse in Tokyo seit den 1980er Jahren bis zum Beginn unseres Jahrhunderts unter folgenden Fragen: Lässt sich das Ausmaß sozialer Ungleichheit in Tokyo mit dem in westlichen Metropolen vergleichen, oder stellt die japanische Hauptstadt unter den Metropolen der industrialisierten Welt einen Sonderfall dar? Stimmt das herkömmliche Bild eines einzigartigen homogenen, sozialräumlich weitgehend konfliktarmen Japan am Beispiel seiner Metropole? Welchen Beitrag leistet die Einbindung Japans in die internationale Debatte über die neue soziale Fragmentierung der Städte? Wie überzeugend sind „westliche“ Theorien und Modelle bezüglich ihrer universalen Anwendbarkeit? Zunächst werden Forschungsergebnisse zur sozialen Polarisierung in den Großstädten allgemein und in Japan speziell vorgestellt sowie gesellschaftliche Ungleichheiten im Vergleich Japan – Tokyo gewichtet. Im Rahmen der global-city-Hierarchie wird die aktuelle Stellung Tokyos erörtert und auf die wichtigsten gesamtpolitischen Rahmenbedingungen hingewiesen, die als Modifikatoren oder Filter der  Globalisierungseinflüsse auf Tokyo angesehen werden können, unter Einschluss eines Modellentwurfs zur residenziellen Segregation im Spannungsfeld zwischen Globalisierung und lokalen Sonderbedingungen (S. 60). Schließlich werden in einem ausführlichen empirischen Teil die sozialräumlichen Disparitäten Tokyos analysiert: In einem ersten Schritt auf der Makroebene der 23 Stadtbezirke (Armutssegregation, ethnische Segregation, Gentrification), eingeleitet durch historisch-geographische Exkurse, ergänzt durch eine grundlegende Diskussion zur Angebotsseite des Wohnungsmarktes. In einem zweiten Schritt wird auf die statistisch unterste, aufschlussreichste Raumeinheit der Wohndistrikte fokussiert. Als Fallbeispiele dienen drei citynahe Stadtbezirke: Shinjuku-ku (für Internationalisierung und ethnische Segregation), Minato-ku (für mögliche Gentrifizierung) und Taitô-ku (für Armutssegregation).

Ergebnisse: Japan im Allgemeinen und Tokyo im Besonderen weisen keine extrem ungleiche, ebenso wenig aber eine einzigartige egalitäre Gesellschaftsstruktur auf. Was die Einkommensverteilung für das gesamte Land betrifft, so nimmt Japan zwischen den nord- und mitteleuropäischen, durch relative Gleichheit geprägten Ländern auf der einen und den stark einkommensungleichen angelsächsischen Gesellschaften auf der anderen Seite eine mittlere Position ein. Im Vergleich zu den global cities New York und London weist die Hauptstadt Japans gegenüber dem Rest des Landes keine wesentlich stärkere Ungleichheit oder Heterogenität auf. Das Ausmaß gesellschaftlicher Ungleichheit in Tokyo lässt sich am ehesten mit dem in kontinentaleuropäischen Städten vergleichen. Entsprechend stellt weniger Tokyo einen Sonderfall dar, vielmehr sind es die großen USamerikanischen Städte, die im Sinne der (amerikazentrierten) global-city-These von Sassen als Sonderfälle bezeichnet werden können. Auf der Maßstabsebene der Stadtbezirke und Distrikte ist keine stärkere Segregation, sondern sind eher Tendenzen einer stärkeren räumlichen Gleichverteilung  festzustellen. Trotz Schwerpunktverlagerung von Wohnbauaktivitäten an die waterfront Tokyos hat sich das herkömmliche Raummuster der Hauptstadt, ihre mosaikartige Kleinteiligkeit, nicht wesentlich verändert. Ein sozialräumlich junges Phänomen ist die (relativ lockere) Konzentration von Ausländern (überwiegend südkoreanischer und chinesischer Herkunft), der Grad ihrer Konzentration jedoch nicht vergleichbar mit den ethnischen Enklaven westlicher Metropolen, die Tätigkeit dieser Ausländer nicht identisch mit einfacher Arbeit in  Dienstleistungen oder produzierendem Gewerbe, wie Sassen in ihrer Arbeit suggeriert.

Armutssegregation gibt es in Tokyo bzw. Japan nicht erst seit der Globalisierung, sondern traditionell als hoch benachteiligt aber nur inselhaft verstreute diskriminierte Distrikte (Beispiel Tagelöhnerviertel San’ya als ehemaliges burakumin-Gebiet). Es gibt keine
globalisierungsbedingte Ausprägung entlohnter, prekärer Arbeitsverhältnisse à la Sassen, keine große, räumlich zusammenhängende Mieterstadt unterer Einkommensgruppen, auch keine fest umrissene Gruppe mit distinktivem Lebensstil, im Gegensatz zu den „Yuppies“ westlicher Metropolen. Seit den späten 1990er Jahren hat in Tokyo eine neue Entwicklung eingesetzt: Reurbanisierung (nach Jahrzehnten intensiver Suburbanisierung), Auffüllung des innerstädtischen „Wohnbevölkerungskraters“, Aufwertung innerstädtischen Wohnens durch zahlreiche Stadterneuerungsprojekte mit housinglinkage-Programmen, die das Leitbild einer vertikal und funktional durchmischten, aber auch geordneten, nach internationalen Maßstäben attraktiven Stadt verwirklichen sollen. Klein(st)räumige Grundstücke und wohnungsbaupolitische Maßnahmen verhindern extreme Formen sozialer Segregation und der Gentrifizierung – gated communities sind hier unrealistisch. Primäres Ziel ist aber nicht die sozial gemischte Stadt, vielmehr ein hoher Grad an Ansässigkeit innerstädtischer Wohnbevölkerung, d.h. die Vermeidung leerstehender Eigentums-Apartmentwohnungen nur als Zweitwohnsitz oder Vermögensobjekte. Das relative Zurückfallen Tokyos in der Hierarchie der global cities führte unter Premierminister Koizumi (2001-2006) zu Deregulierungsmaßnahmen auch im Bereich der Stadtplanung. Weltweit ökonomische Restrukturierungsprozesse, die auch auf Japan einwirken, relativieren die Bedeutung eines bürokratiegelenkten development state Japan, dem nachgesagt wird, dass er einen ungehemmten Kapitalismus einschränke und eine zu starke Ausprägung sozialer Ungleichheit und sozialräumlicher Segregation verhindere; sie lassen eine zunehmende Gentrifizierung Tokyos erwarten – Tendenzen, denen in dieser Studie nicht mehr nachgegangen werden konnte. Zu Recht schließt der Autor mit dem Hinweis: „Womöglich hat diese Arbeit weniger den Beginn einer neuen Entwicklung, sondern vor allem den Endpunkt eines alten sozialräumlichen Zustands beschrieben.“

Die umfassende, tiefgründige Studie von Ralph Lützeler überzeugt in verschiedener Hinsicht; erstens theoretisch: durch den Theorie- und Modell-Bezug zur residenziellen Segregation und seine (allerdings nur andeutungsweise realisierte) Rückkoppelung mit den empirischen Ergebnissen; zweitens empirisch: durch die nachvollziehbare Auswahl der Raumbeispiele, die Berücksichtigung lokaler Besonderheiten unter Einschluss der politischen Akteure, die begründete Anwendung quantitativer Verfahren und die behutsame Interpretation ihrer Ergebnisse; drittens allgemein: durch die souveräne Verarbeitung und Bewertung internationaler (darunter zahlreicher originär japanischsprachiger) Literatur und den bewertenden Vergleich mit westlichen Pendants; im Anhang ein sehr differenzierter Index, der die Suche nach Begriffen erleichtert. Alles in allem eine sehr empfehlenswerte Arbeit für Leser, die an (sozialräumlichen) Ungleichheiten nicht nur Tokyo-Japans sondern auch weltweit interessiert sind.
Winfried Flüchter


Quelle: Die Erde, 141. Jahrgang, 2010, Heft 1-2, S. 148-150

lesen Sie auch die Besprechung von Peter Meusburger


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