Dominik Siegrist, Martin Boesch und Erich  Renner: Labelregionen. Strategie für eine nachhaltige Regionalentwicklung im Alpenraum. Zürich 2009. 157 S.

Das vom Schweizerischen Nationalfonds geförderte Nationale Forschungsprogramm (NFP) 48 „Landschaften und Lebensräume der Alpen“ befasste sich mit der Zukunft des Alpenraums als lebensfähiger und lebenswerter Raum der Schweiz und in Europa. 35 Forschungsprojekte, gegliedert in 5 Forschungsschwerpunkte wurden durchgeführt, und der vorliegende Schlussbericht beleuchtet einen wichtigen Aspekt aus dem  Forschungsschwerpunkt „Raumnutzung und Wertschöpfung“.

Das Ziel war, die Grundlagen und Strategien für eine nachhaltige Regionalpolitik im schweizerischen Berggebiet zu erarbeiten und präsentieren. Als konzeptionelles Modell wurde der Alpenraum in drei Regionen eingeteilt, die im Austausch mit den außeralpinen Zentren und deren Umland stehen. In den Alpen werden Intensivregionen, Entleerungsregionen und Labelregionen unterschieden. Während die Intensivregionen im freien Markt wettbewerbsfähig sind bei kleinen politischen Transferleistungen (Beispiele: Zermatt, Davos, Oberengadin), zeichnen sich die Entleerungsregionen durch mangelnde Wettbewerbsfähigkeit bei kleiner Transferleistung aus (Beispiele: Safiental, Onsernonetal). Die Labelregionen ihrerseits können durch entsprechende Transferleistungen in ihrer Wettbewerbsfähigkeit deutlich gesteigert werden (Beispiele: UNESCO-Biosphärenreservat Entlebuch, zukünftige Naturpark-Regionen). Unter „Label“ werden die unterschiedlichsten Arten der Waren- und Handelsmarken bezeichnet, die die regionale Identität der Produkte und deren qualitative Mindestanforderungen bezeichnen. Gerade im UNESCOBiosphärenreservat Entlebuch wurde mit der Marke „Echt Entlebuch“ die Wertschöpfung klar erhöht (www.biosphaere.ch/de.cfm/economy/echtentlebuch) und andere erfolgreiche Konzepte aus dem Züricher Oberland (www.natürli.ch) und Graubünden (www.granalpin.ch) führen zur Frage, ob diese Art der Markenbewirtschaftung auch für andere Randregionen der Alpen erfolgversprechend sein dürfte. Der vorliegende Forschungs-Schlussbericht bietet einen umfassenden Einblick in die Thematik. Dank der allgemein abgefassten Kapitel werden auch die ökonomisch weniger bewanderten Leser rasch ans Thema herangeführt. Zuerst werden die Mechanismen der Wertschöpfung, Investitionen und Transferzahlungen aufgezeigt, um dann das Problem der nachhaltigen Entwicklung und die unterschiedlichen Zertifizierungssysteme für Labelregionen zu beleuchten, die alle ihre Vor- und Nachteile aufweisen. Der Befund ist denn auch recht differenziert: Die probeweise Umsetzung eines Zertifizierungssystems für die fünf Testgebiete erwies sich letztlich als wesentlich aufwändiger als ursprünglich erwartet (S. 137). Als Fazit werden zehn Thesen aufgestellt, von denen vier konkret die Labelstrategie beinhalten. Die ersten sechs sind hingegen sehr genereller Art und stützen mindestens in weiten Teilen die aktuelle Berg- und Randregionenpolitik der Schweiz. Darunter zum Beispiel These 1: „Ohne Transferzahlungen keine landschaftlichen und ökologischen Werte“.

Dies ist insofern bedeutend, als allfällige Hoffnungen, mit rein marktwirtschaftlichen Mechanismen die politisch motivierten Transferzahlungen reduzieren zu können, nicht zum Erfolg führen dürften. Aber es geht auch klar hervor, dass die Labelstrategie einen
wesentlichen Beitrag zur regionalen Identität und zur wirtschaftlichen Wertschöpfung in Alpenregionen außerhalb der touristischen Zentren beitragen kann. Während die drei Hauptpublikationen des NFP 48 nur in Buchform erschienen sind (siehe Rezensionen in früheren Ausgaben der ERDE), wurde der vorliegende Bericht als gestaltete Manuskriptarbeit gedruckt und parallel dazu als open-access-Publikation online zurVerfügung gestellt. Dies führte zwar zu einigen kleineren Inkonsistenzen, die bei einer Buchproduktion wohl behoben hätten werden können (z. B. wird in Abb. 4 das Onsernonetal ins Maggiatal verlegt und die Spider-Diagramme in Abb. 27 und 28 zeigen unterschiedliche Orientierungen und unterschiedliche Auslassungen von Indikatoren). Trotzdem kann die Lektüre jedem empfohlen werden, der sich kritisch mit Potenzial und Grenzen der Labelstrategie in Randregionen (nicht nur der Alpen) auseinandersetzt.
Werner Eugster

Quelle: Die Erde, 141. Jahrgang, 2010, Heft 1-2, S. 162-163


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