Sabine Dörry: Globale Wertschöpfungsketten im Tourismus. Ohnmächtige Unternehmen in mächtiger Position? Relationale Governance bei der Organisation deutscher Pauschalreisen nach Jordanien. Münster 2008 (Wirtschaftsgeographie, Band 45). 262 S.

Den Tourismuswissenschaften ist lange Zeit vorgehalten worden, dass sie relativ arm an theoretischen Konzepten und Ansätzen seien. Als relativ junge transdisziplinäre Wissenschaft wurde oftmals relativ pragmatisch an Lösungen für anstehende Syndrome gesucht und auch die Ausrichtung auf anwendungsorientierte Kontexte stellte den theoretisch-konzeptionellen Diskurs nicht in den Mittelpunkt. In den letzten Jahren ist aber eine zunehmende Inklusion von theoretischen Ansätzen in die tourismuswissenschaftliche Diskussion zu beobachten.

Dies erfolgt einerseits über die generische Entwicklung und Ableitung übergeordneter Konzepte und Modelle aus anwendungsorientierten Ansätzen heraus. Andererseits werden auch – und das ist für eine junge, im intensiven disziplinübergreifenden Austausch an den Schnittstellen mehrerer etablierter Disziplinen stehenden Wissenschaft auch nicht ehrenrührig – durch die Adaption von Konzepten, die in außertouristischen wissenschaftlichen Kontexten entwickelt worden sind.

Dieser zweiten Säule der Übertragung und Adaption von außertouristischen wissenschaftlichen Konzepten und der Bereitstellung für den Diskurs ist die Studie von Dörry zuzuordnen. Ziel ist es, das wirtschaftswissenschaftliche Konzept der Globalen Wertschöpfungsketten am Beispiel einer außereuropäischen Destination auf die touristische Leistungskette zu übertragen. Damit leistet sie einen Beitrag zur Verbreiterung der theoretisch-konzeptionellen Basis in den Tourismuswissenschaften. Die theoretischen Grundlagen und konzeptionellen Ansatzpunkte werden mit einer konzisen Vorstellung des Global value chain-Ansatzes und einer integrierten Synopse von Grundgegebenheiten im touristischen Marktsegment mit den quellmarkt- und zielmarktbasierten Akteuren überzeugend, gut nachvollziehbar und anschaulich aufbereitet. Dabei wird auch das Prinzipal-Agenten-Modell mit integriert.

Bei der Integration dieses Modells gelingt es allerdings nicht mehr ganz so überzeugend, damit in Wechselbeziehung stehende Aspekte, wie sie im institutionenökonomischen Ansatz thematisiert werden, die von legislativen Rahmenbedingungen im internationalen Austausch induzierten Unsicherheiten der Wechselbeziehungen sowie die Diskussion um Klein- und Mittelunternehmen überzeugend zu einem integrierten Gesamtkonzept zusammenzuführen. Dementsprechend werden im empirischen Teil der Arbeit auch zahlreiche Aspekte auf der Basis von Ansätzen der qualitativen Sozialforschung berührt. Dabei wird die im ersten Teil vorhandene Stringenz der Argumentation allerdings nicht mehr erreicht. Auch wenn die empirischen Befunde für sich genommen durchaus einen wertvollen Beitrag zum Verständnis der Rolle unterschiedlicher Akteure im internationalen Tourismus liefern, gelingt die Übertragung des Global value chain-Konzepts nur ansatzweise. Möglicherweise sind die im untersuchten Fall wirksam werdenden Rahmenbedingungen aber auch so komplex, dass das gewählte Beispiel eher zu dem Schluss führt, dass einerseits interkulturelle Dimensionen und andererseits tourismusmarktspezifische Aspekte eine simple Übertragung nicht erlauben.

Der Wert der Arbeit liegt damit auch im Aufweis, dass die Übertragung von Konzepten in andere Disziplinen und Kontexte kein einfach zu realisierendes Anliegen ist. Gleichzeitig wird auch gezeigt, dass idealtypische Modellannahmen im konkreten Anwendungsfall dann mit anderen Formen der Governance konfrontiert sind als im theoretischen Modell unterstellt. Die Arbeit ist damit originär geographisch; sie arbeitet klar heraus, dass kultur- und raumspezifische Einflüsse die grundlegenden allgemeinen Wirkprinzipien teilweise deutlich modifizieren und damit globale Modelle immer einen erheblichen Anteil an Unschärfe aufweisen müssen.

Als zweiter wichtiger Aspekt ist die Erkenntnis zu werten, dass im Value chain-Ansatz bislang die inhärenten Wissenssysteme weitgehend ausgeblendet worden sind. Damit kann die Erkenntnis aus den Tourismuswissenschaften zurück in die Wirtschaftswissenschaften gespiegelt werden und deren Theoriebildungsprozess stimulieren. Die Arbeit ist insgesamt – trotz kleinerer Schwächen im empirischen Teil und über den Informationsgehalt für die regional Interessierten hinaus – als wichtiges Beispiel der Integration von theoretischen Konzepten in den tourismuswissenschaftlichen Kontext eindeutig zur Lektüre zu empfehlen.
Andreas Kagermeier

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 54 (2010) Heft 3-4, S. 255-256

 


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