Jane Kelly u. Sheila Malone (Hg.): Ecosocialism or Barbarism. London 2008. 2., erw. Auflag. 162 S.

Wenn es um die tiefer liegenden systemischen Verursachungs- und Verschärfungszusammenhänge der Umweltzerstörung geht, sind analytische Kategorien wie Kapitalismus, Kapitalakkumulation, Verwertungs- und Wachstumszwang im bürgerlichen Lager noch immer weitgehend tabu. Genau diese stehen im Zentrum des vorliegenden Sammelbands. Der Grundtenor der 16 Texte aus den Jahren 1989 bis 2007 lautet, dass Ökosozialismus die einzige und drängende Alternative zum destruktiven Kapitalismus darstellt.

Die Hg. gruppieren die Beiträge führender Ökosozialisten – oft Wiederabdrucke zuvor in Monthly Review oder Capitalism, Nature, Socialism erschienener Aufsätze – um das Positionspapier »Savage Capitalism« (2007) der britischen trotzkistischen Organisation Socialist Resistance, mit dem diese sich explizit ökosozialistisch profiliert hat.

Die Beiträge stimmen in den zentralen Aussagen überein: der Kapitalismus sei inhärent zerstörerisch, er könne die von ihm verursachten (ökologischen) Probleme nicht mehr lösen, weder sozialdemokratische noch staatssozialistische Ansätze böten Auswege, die produktivistischen und autoritären Aspekte des Marxismus (die den Staatssozialismus kennzeichneten) seien zu überwinden; zugleich nähmen die Widerstände gegen dieses obsolete System zu – sowohl in den Zentren als auch vor allem im globalen Süden, sowohl in der Arbeiter- als auch in der Umweltbewegung – und diese seien zu verknüpfen, um den Kapitalismus zu überwinden. Exemplarisch ist hier das »Ecosocialist Manifesto« (2001) von Joel Kovel und Michael Löwy: »We believe that the present capitalist system cannot [...] solve the ecological crisis because to do so requires setting limits upon accumulation – an unacceptable option for a system predicated upon the rule: Grow or Die! And it cannot solve the crisis posed by terror and other forms of violent rebellion because to do so would mean abandoning the logic of empire, which would impose unacceptable limits on growth and the whole ›way of life‹ sustained by empire.« (122)

Diese Thesen werden in den Beiträgen konkretisiert. Daniel Tanuro, Sheila Malone und Phil Ward kritisieren das Kyoto-Protokoll und Alice Cutler und Ward die Atomenergie als vermeintliche Lösung, mit der ökologische Schäden und kapitalistische Konzentrationsprozesse verbunden seien und der es an gesellschaftlicher Kontrolle mangele (41ff). Positiv erwähnt wird zu Recht Kuba, das auch in internationalen wissenschaftlichen Vergleichen – trotz zahlreicher Probleme – als fortgeschrittene zukunftsfähige Gesellschaft angesehen wird: »few Third World countries can match the legislative, planning and educational efforts that Cuba is applying in its battle for environmental sustainability« (Dick Nichols, 111). Löwy geht den Wurzeln des Ökosozialismus bei ausgewählten marxistischen Autoren nach und defi niert ihn als »current of ecological thought and action that appropriates the fundamental gains of Marxism while shaking off its productivist dross« (5). Ökosozialisten lehnen sowohl »the market’s profi t logic« als auch »the logic of bureaucratic authoritarianism within the late departed ›actually existing socialism‹« ab, denn beide seien »incompatible with the need to safeguard the natural environment« (ebd.). John Bellamy Foster analysiert die prominente Studie Great Transition (2002) der Global Scenario Group und stellt fest, dass dort selbst das fortschrittlichste Zukunftsszenario (»New Sustainability Paradigm«) zwar gegen die zügellose kapitalistische Hegemonie angeht, aber vor einer wirklichen sozialen Revolution halt macht. Dagegen könne eine »global ecological revolution [...] only occur as part of a larger social – and I would insist, socialist – revolution« (69). Eine solche »would necessarily draw its major impetus from the struggles of working populations and communities at the bottom of the global capitalist hierarchy« (ebd.).

Der Band weist auch Defizite auf. Die meisten Texte dienen eher der Selbstvergewisserung statt der Überzeugung weiterer Kreise. Zwischen der Auflistung und dringlich angemahnten Notwendigkeit der Lösung bedrohlicher Krisen und dem Aufzeigen konkreter Handlungsmöglichkeiten und Strategien klafft eine immense Lücke. Da hilft auch die Rede von notwendigen »Massenbewegungen« nicht weiter (Ward, 39 u. 151) – es werden kaum Brücken zur komplexen und widerständigen gesellschaftlichen Realität gebaut, keine  Überzeugungsarbeit für alternative Vorgehensweisen geleistet, kaum Wege zu den Alternativen aufgezeigt. Interessenlagen, Motivationen, Mobilisierungsansätze,  Handlungsressourcen, Reform- oder gar Revolutionschancen werden nicht erörtert, Dispositionen in unterschiedlichen sozialen Milieus nicht refl ektiert, Erfahrungen mit Alternativstrategien nicht diskutiert. Selbst ein Unterkapitel mit dem vielversprechenden Titel »Building a Movement against climate change« beschränkt sich auf zwei Aussagen: Sozialisten sollten die Potenziale für sozialen Wandel durch den Kampf gegen Klimawandel erläutern und das unverschämte Konsumverhalten der Reichen sollte skandalisiert werden, denn es seien zwar Wenige, aber ihnen würden Viele nacheifern (Ward, 40). Das klingt holzschnittartig und wenig einladend zum Weitermachen. Hier trifft die kritische Beobachtung von Ernst Bloch aus Erbschaft dieser Zeit (1935) zu: »Die Rechten sprechen betrügend, aber zu den Menschen; die Linken sprechen wahr, aber zu den Sachen.« Der Band lässt aber erahnen, welch revolutionäres Potenzial in den ökologischen Herausforderungen steckt, wenn sie z.B. mit sozialer Gleichheit verknüpft werden, wenn also zeitgemäßer Ökosozialismus konzipiert, propagiert und umgesetzt wird. Insofern sollte er als weiterer Schritt in diese Richtung genutzt werden.
Edgar Göll

Quelle: Das Argument, 52. Jahrgang, 2010, S. 141-142

 

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