Philippe Bovet, Philippe Rekacewicz, Agnès Sinai u. Dominique Vidal (Hg.), Atlas der Globalisierung spezial – Klima. Berlin 2008. 96 S.

Während »Klima« in den zwei Atlanten der Globalisierung von 2003 und 2006 mit einem bzw. zwei Artikeln bedacht war, erschien 2007 die französische Erstfassung des Klima-Spezialatlas. Die von gut 40 Forschern, Ingenieuren, Beratern und Kartographen erarbeitete Erstfassung wurde von weiteren zehn Mitarbeitern für die deutsche Ausgabe bearbeitet. Der Atlas gliedert sich in zwei Teile: 25 diagnostische Beiträge, vom Klimawandel als »Thema des Jahrhunderts« (8) bis zum Nord-Süd-Gefälle bei Umweltkrankheiten (56), und 18 halbe oder ganze Erfolgsgeschichten bzw. Handlungsappelle wie »Mitmachen, damit auch die Politik mitspielt« (60) oder »Die reiche Welt muss ihre Essgewohnheiten ändern« (90).

 

In mehreren Graphiken sind Fehler unterlaufen. So bescheinigt eine offi zielle schwedische Quelle zu den Arten der Stromerzeugung Deutschland keinen Beitrag aus Atomkraft, Dänemark dagegen schon (obwohl es umgekehrt ist) und Schweden wird ein zu hoher Anteil fossiler Brennstoffe zugeschrieben (68). Daneben wird eine Karte, die die nach der Stilllegung von Barsebäck – als erstem Schritt des längst geplanten schwedischen Atomausstiegs – verbliebenen schwedischen Atomkraftwerke zeigt, unterschrieben mit »Die schwedische Atomwirtschaft blüht« (69) – was aber die Botschaft im Text konterkariert, in dem von Ersetzung der Atomkraft durch erneuerbare Energien die Rede ist. Immerhin finden sich im diagnostischen Teil zwei kernenergie-kritische Artikel, die die Katastrophe von Tschernobyl (26) und die Explosion einer Urananlage im Sibiren der 1950er Jahre (28) in Erinnerung rufen.

Der Artikel »Früher Müll, heute wertvoll« ist eng als deutsche Erfolgsgeschichte geschrieben, wobei auch das früher für die Müllverbrennung abträgliche Dioxin-Thema zur Erfolgsgeschichte umgemogelt wird: Durch Abschaffung der Deponien gehörten »Giftschwaden über Deponien und Dioxin im Grundwasser [...] der Vergangenheit an« (80). Das kaum wasserlösliche Dioxin hat aber nur ausnahmsweise den Weg in Deponien gefunden und dürfte vom Grundwasser kaum weitergeleitet werden. Das Schaubild zur Reduktion der Dioxinemissionen seit 1990 auf heute fast Null ist ebenfalls irreführend, da es ausblendet, dass Dioxin noch immer in den Müllverbrennungsanlagen entsteht, dann allerdings in feste Rückstände eingebunden wird, die als Sondermüll eingelagert
werden müssen. Hier wird rhetorisch aufgerüstet für das erhöhte Abfallaufkommen, das sich u.a. aus erhöhten Verpackungsanforderungen einer globalisierten Warenproduktion ergibt.

Siedlungsstrukturelle Verzerrungen wie historisch aus den USA bekannt (23) und die globale Bereitstellung »Unnötiger Transporte auf falschen Wegen« (18) erklären, wie es zu einem zu hohen »Preis der Mobilität« (20) in Gestalt umfassender Umweltbelastungen, u.a. Treibhausgasemissionen, gekommen ist, der nicht zuletzt ein Menetekel für die Schwellenländer ist. »Die Konsumenten in den Industrieländern müssen ihre Gewohnheiten ändern« (21).Die Antwort auf den Rückgang der globalen Ölförderung (16) kann also nicht nur in einer technischen Umstellung von Öl auf nachwachsende Rohstoffe bestehen: »Treibstoffe aus Pflanzen sind noch nicht die Lösung« (70f). So wie »das beste Kraftwerk [...] gar nicht erst gebaut« werden muss (70), da viele Zwecke mit weniger Energieverbrauch erreichbar sind, würde eine Umstellung »von der autogerechten zur autofreien Stadt« (76) mit auszubauendem öffentlichen Personen-Nahverkehr auch viele Autofahrten entbehrlich machen.

Das Damokles-Schwert der Erderwärmung zwingt zum Durchdenken der chaotischen Perspektiven, die sich aus dem Überschreiten kritischer »Kipp-Punkte« ergeben: »Der Klimawandel treibt den Klimawandel voran«, denn die Kohlenstoffdeponien der Böden und der Meere »werden langsam voll« (30f). Während hier noch »vor allem die Meere« als Problem gesehen werden, wird im darauf folgenden Artikel gesagt: »Laut Klima-Prognosen wird die Vegetation etwa ab 2050 kein CO2 mehr aufnehmen. Danach werden die Wälder durch den weltweiten Temperaturanstieg und die starke Vermehrung von Parasiten so gestresst sein, dass sie von CO2-Speichern zu CO2-Emittenden werden. Die Waldgebiete funktionieren also nur wenige Jahrzehnte als Senken« (34). Berater der  Bundesregierung haben vor zehn Jahren gegen die Aufnahme der Vegetation als Senken ins Kyoto-Protokoll protestiert, da sie dies als erheblichen Unsicherheitsfaktor ansahen, während vor allem Australien und die USA die Aufnahme vorantrieben. Inzwischen hat sich das neoliberale CO2-Handelssystem mit der anzurechnenden CO2-Neutralität jeglicher energetischer Nutzung von Biomasse durchgesetzt. Dadurch wird jene zukünftige Photosynthese-Leistung von Wäldern verpfändet, die durch die globale Erwärmung hinsichtlich der CO2-Bilanz schon bald (über-)kompensiert wird. Stattdessen sollte eine schonende Bewirtschaftung von Naturressourcen angestrebt werden, wobei kapitalistische Dispositive schrittweise einzuschränken statt in neuen Klimaregimen zu erweitern wären. Auch das Klima-optimierte Bauen von »Häusern ohne Schornsteine« auf hochtechnologischem Niveau könnte hierzu beitragen.

Nach dem Scheitern der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen sind die Probleme weiter dringlich. Der reformistische Pragmatismus, wie er einleitend von Andreas Troge, bis 2009 Präsident des Umweltbundesamts, vorgetragen wird, hatte sich schon im Vorlauf der Konferenz als unhaltbar erwiesen. Seine Rede von »straffen Reduktionszielen Deutschlands und der EU«, die »eine Initialzündung in Richtung globalem Klimaschutz bewirkt« (5) hätten, war allzu voreilig. Mit Vorsicht genossen, enthält der Atlas aber notwendiges Orientierungswissen.
Rolf Czeskleba-Dupont

Quelle: Das Argument, 52. Jahrgang, 2010, S. 143-145

 

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