Heinz Fassmann: Stadtgeographie I. Allgemeine Stadtgeographie. Braunschweig 2009. 2., neubearb. Aufl. 256 S.

In der Einleitung zur „Allgemeinen Stadtgeographie" steht die eindeutige konzeptionelle Aussage: Die Bände I und II der Stadtgeographie unterscheiden sich durch „die klare Trennung von allgemeinen Aussagen und konkreten Beispielen". So soll sich Band I „den allgemeinen theoretischen Ansätzen und grundsätzlichen Konzepten der Stadtstruktur und Stadtentwicklung" widmen (S. 11) und in Band II deren Unterschiede in den Kulturräumen der Erde aufgezeigt werden.

Leider wird dieses – zugegebenermaßen nicht leicht umsetzende – Prinzip nicht eingehalten, am ehesten noch in den Kapitel 1, 2, 4.2, 6 und 7. Ansonsten orientieren sich die Ausführungen an den aus Europa (vor allem West- und Mitteleuropa) und Nordamerika (USA) bekannten Stadtstrukturen und Entwicklungskomponenten, wobei nicht nur bei den Beispielen der Großraum Wien leicht überrepräsentiert erscheint.

In einer Allgemeinen Stadtgeographie ist es jedoch fast unverzeihlich, die generellen Strukturen und Entwicklungsphasen bzw. -komponenten für die Städte in den „less developed regions" mit fast dreiviertel der städtischen Weltbevölkerung (UN 2009) außer Betracht zu lassen, z.B. die Parameter für das explosionsartige Stadt-/Großstadtwachstum, die (zunächst) randstädtischen Marginalviertel, die sich in den Strukturkomponenten widerspiegelnde Dimension von Informalität, Armut, sozialer Vulnerabilität etc. Die zweimaligen, jeweils recht kurzen Hinweise auf die „Squattersiedlungen der Ärmeren" als Teil des „funktionalen Patchworks in den Außenzonen der Stadtregion" (S. 121) und auf die „informellen Wohnsiedlungen am Rande der großen Städte" in den Ländern des Südens (S. 169; nein: aller dortigen Städte!) können in diesem Zusammenhang überhaupt nicht befriedigen. Hinzu kommt, dass bei den Begriffsbeispielen für diese Siedlungen („Slums, Squatter-Siedlungen, Shanty Towns, Barrios, Favelas", S. 169) zwischen regionalen Bezeichnungen und strukturellen Termini nicht unterschieden wird. Insgesamt geht es um die (fehlende) Herausstellung dieser Phänomene als konstitutive urbane Strukturelemente und Entwicklungsparameter für den überwiegenden Teil der Städte auf diesem Planeten!

Neben dieser konzeptionellen „Schieflage" fallen aber auch inhaltliche Schwächen auf, die oft auf nicht kohärente Aussagen, in einigen Fällen auch wohl auf Fehlinterpretationen von stadtstrukturellen und Stadtentwicklungsprozessen zurückzuführen sind. Als Beispiele bieten sich u.a. an: Das Vorhandensein von Central Business Districts in allen (?) us-amerikanischen, wohlfahrtsstaatlichen und sozialistischen Städten (es gibt sie auch in den Großstädten der Entwicklungsländer!), die Datierung der Entwicklung von Massenverkehrsmitteln in den großen Städten Europas schon die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, die generöse Übertragung des eigentlich nur für Wien anwendbaren Begriffs des Munizipalsozialismus auf die Städte in den damaligen europäischen Industrieländern, die als gartenstadtähnlich bezeichnete Gestaltung vieler Wohnblock-Innenhöfe, die für die Phase der „Industriellen Stadtentwicklung" (nicht zutreffender: Stadtentwicklung während der Industrialisierung?) widersprüchlichen Aussagen über die Errichtung der Werksiedlungen in unmittelbarer Nachbarschaft der Fabriken und dann der Fabriken in unmittelbarer Nähe der Arbeiterhäuser, die diffuse Vorstellung einer Metropolregion oder Megalopolis als eine vielkernige urbane Landschaft ohne deutlich
ausgeprägte Funktionskerne, etc.

Leider bleiben auch formal einige Wünsche offen: So finden sich im Text keine Hinweise auf die sehr zahlreichen Abbildungen. Zwar stehen sie fast unmittelbar vor, neben oder hinter dem diesbezüglichen Textteil, aber ergeben sich nicht auch an anderen Stellen Hinweise auf vorherige der später folgenden Abbildungen? Ferner: Ein Inhaltsverzeichnis ohne Seitenzahlen wird schon bei Seminar- und Abschlussarbeiten negativ „angekreidet". Dass aber bei mehreren Karten der Maßstab fehlt und/oder die Legenden unvollständig sind, ist noch schwerwiegender.

Fazit: Eine gut gegliederte, „Industriestaaten-lastige" Einführung mit vielen wertvollen, aber eben auch mit einigen, z.T. nur bedingt zutreffenden oder nicht kohärent genug formulierten Informationen. Hervorzuheben ist die didaktisch recht ansprechende Gliederung der einzelnen Kapitel, die mit einer Einleitung beginnen und mit einer Zusammenfassung schließen, der wichtige, kurz kommentierte Literaturhinweise „zum Einlesen" folgen sowie die Nennung von thematischen Gesamtübersichten.

Wenn der Autor im Vorwort zur zweiten, neu bearbeiteten Auflage anführt (S. 9): „So wie ein guter Rotwein mit dem Alter an Bouquet gewinnt, so wird ein Lehrbuch mit der Auflagenzahl inhaltlich ausgereift", so kann dementsprechend für diesen „Fall" nur gefolgert werden: Es wird wohl noch einige Auflagen bis zur endgültigen Reife bedürfen.

Günter Mertins

Quelle: Erdkunde, 64. Jahrgang, 2010, Heft 1, S. 87-88

 

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