Femina Politica. Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft: Feministische Postkoloniale Theorie. Gender und (De-)Kolonisierungsprozesse, Bd. 18, Nr. 2. Leverkusen-Opladen 2009. 206 S.

Dass postkoloniale Studien inzwischen auch im deutschsprachigen Raum in der (kritischen) sozialwissenschaftlichen Debatte ankommen, macht eine ganze Reihe jüngerer Veröffentlichungen deutlich. Dazu gehört auch die Ausgabe 2/2009 der Femina Politica. Der von María do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan herausgegebene Heftschwerpunkt stellt feministisch-postkoloniale Debatten ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Deren Produktivität zeigt sich nicht zuletzt in der Breite des Themenspektrums, welches die im Heft versammelten Artikel abdecken.

 

Eine Reihe von Beiträgen stellt unter Beweis, dass Selbstreflexivität und die Fähigkeit, komplexe Probleme im Schnittfeld von Wissenschaft und Politik kritisch und zugleich produktiv zu thematisieren, zu den Markenzeichen postkolonial-feministischer Ansätze gehören. So diskutieren die Herausgeberinnen in der Einleitung Probleme, die sich auftun, wenn das Projekt einer „Provinzialisierung Europas“ in die intellektuelle Praxis überführt werden soll. Elisabeth Fink und Uta Ruppert wenden sich in ihrem Artikel „[p]ostkoloniale[n] Differenzen über transnationale Feminismen“ zu. Dazu stellen sie die Position Chandra T. Mohantys derjenigen Gayatri C. Spivaks gegenüber: Während erstere für auf „refl exiver Solidarität“ basierende transnationale Bündnisse von Feministinnen plädiert, ist letztere skeptisch gegenüber dieser Möglichkeit. Diese Skepsis durchzieht auch Spivaks eigenen Beitrag, eine Übersetzung eines 1996 erstveröffentlichten Textes, in dem sie selbstkritisch argumentiert, dass Frauen aus Diasporen in der Ersten Welt prinzipiell nicht auf der Seite von „Frauen des Südens“ stehen könnten. Vielmehr fordert Spivak privilegierte westliche Intellektuelle vor allem dazu auf, ihre Specher_innenposition, sowie ihre Rolle in transnationalen Interdependenzen kritisch zu reflektieren.

Jeanette Ehrmann beschäftigt sich mit postkolonial-feministischen Kritiken der Konzeption der Menschenrechte. Sie sucht nach einem neuen Ansatz, welcher verhindert, dass das  Menschenrechtsparadigma in ein eurozentrisches und neokoloniales Instrument der Beherrschung umschlägt. In Auseinandersetzung mit den Kritiken von Martha Nussbaum und Spivak schlägt sie daher vor, Menschenrechte als „reisende Ideen“ zu betrachten, die in ihrer kritischen Funktion im postkolonialen Kontext mit einer Verantwortungsethik „vernäht“ werden müssen. In ihrem zweiten Artikel wendet sich Nikita Dhawan dem Zusammenhang von Dekolonisierung und Demokratisierung zu und plädiert, wiederum mit engem Bezug auf Spivak, für den Gebrauch der Aufklärung „von unten“, um diese über die Grenzen Europas hinaus zu befördern.

Andere Beiträge zeigen in verschiedener Weise auf, wie von feministischpostkolonialen Ansätzen angeleitete Analysen den Postulaten von historischspezifischer Analyse, Kontextsensibilität und Bewusstsein für die Widersprüche postkolonialer Machtstrukturen gerecht werden können. So entkräften sie zugleich – wieder einmal – das sich hartnäckig haltende Vorurteil, postkoloniale Theorie habe zur sozialwissenschaftlichen Analyse polit-ökonomischer Strukturen von Macht und Ungleichheit wenig beizutragen. Deniz Kandiyoti diskutiert am Beispiel Afghanistan, inwiefern Errungenschaften wie Gender Mainstreaming in Kontexten bewahrt werden können, in denen „Entwicklung“ als Instrument globaler Sicherheitspolitik fungiert. Sie kommt zu dem ernüchternden Ergebnis, dass derartige Mechanismen hier kaum Einfluss auf politische Bereiche nehmen können, von denen die Ermächtigung von Frauen tatsächlich abhängt.

Shalini Randeria widmet sich auf Grundlage empirischer Forschungen im indischen Bundesstaat Gujarat den Problemen, die mit der transnationalen Zirkulation von Umweltnormen verbunden sind. Dabei kontrastiert sie die totalisierende und technokratische Perspektive der „ungebundenen Experten“ in internationalen Institutionen und NROen mit dem lokal „verwurzelten Kosmopolitismus“ von Aktivist_innen, die die Überlegenheit der Wissenssysteme lokaler Gemeinschaften für ihre jeweiligen Kontexte betonen.

Claudia Brunner und Daniela Hrzán thematisieren Praktiken der Beschneidung weiblicher Genitalien und Selbstmordattentäterinnen als „Wissensobjekte“, welche Geberpolitiken und Terrorismusbekämpfung legitimieren. Anschließend unternehmen Rirhandu Mageza-Barthel und Beatrix Schwarzer eine postkolonial-feministische Analyse der jüngeren rassistischen Ausschreitungen in südafrikanischen townships und konstatieren das „Ende der Regenbogennation“.

Insgesamt trägt das Heft somit dazu bei, wie Brunner und Hrzán formulieren, „feministische postkoloniale (Politik-)Wissenschaft in ihren Stärken – u.a. Relationalität, Hegemonie- und Imperialismuskritik, Selbstreflexivität und die Verbindung von epistemologischen, theoretischen und methodologische Fragestellungen – zu konkretisieren und weiterzuentwickeln“ (96).

Gelegentlich wäre allerdings der ein oder andere Blick über den „postkolonial-feministischen Tellerrand“ hinaus wünschenswert gewesen. Es ist das besondere Verdienst zahlreicher Beiträge, dass sie das hohe Niveau an Reflexivität verdeutlichen, welches postkolonial-feministische Debatten hinsichtlich wissenschaftstheoretischer, wissenssoziologischer und intellektuellpolitischer Problematiken erreichen. Obwohl deren Bedeutung ganz klar auch über dezidiert feministische Wissenschaft (und politische Bewegungen) hinausreicht, bleibt es zumeist dem/der Leser_in selbst überlassen, die entsprechenden Verbindungen herzustellen. Zwar ist die Femina Politica ausdrücklich eine „Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft“ – dass es aber stets ein Anliegen und eine besondere Stärke feministischer Theoriebildung war, auch im Mainstream kritisch zu wirken, kommt im Heft als Ganzes etwas zu kurz.

Auf theoretischer Ebene ist zudem kritisch zu bemerken, dass einige Texte sich weitgehend in der Affirmation vor allem Spivak’scher Überlegungen erschöpfen. Freilich gilt Spivak nicht von ungefähr als die Referenztheoretikerin des postkolonialen Feminismus; die Refl exivität, die sie gegenüber ihren eigenen Arbeiten an den Tag legt, ist beispielhaft. Dies sollte allerdings nicht ersetzen, die fundierten Analysen und aufschlussreichen Debatten, mit denen das Heft aufwartet, auch in  kritischkonstruktive Beiträge zur feministischpostkolonialen Theoriebildung zu übersetzen. Nichtsdestoweniger, handelt es sich bei der besprochenen Schwerpunktausgabe um einen überaus wichtigen und gelungenen Beitrag zur Diskussion und Etablierung postkolonialer Studien im deutschsprachigen Raum.
Matthias Ebenau

Quelle: Peripherie, 30. Jahrgang, 2010, Heft 120, S. 509-511

 

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