Peter Haggett: Geographie. Eine globale Synthese. Hg. von Robert Geipel. 3. Auflage. Stuttgart 2004. 848 S.

Ein bewährtes Lehrbuch, seit 1972 (erste englische Auflage) auf dem Markt, mutierte von "Geography, A Modern Synthesis" zu "Geographie. Eine globale Synthese". Bei dieser dritten Auflage der deutschen Ausgabe handelt es sich um die Übersetzung der vierten, völlig überarbeiteten englischen Auflage. Die spannende Geschichte des Buches, vor dem Hintergrund der wissenschaftlichen Entwicklung des Autors, legt der Herausgeber der deutschen Ausgabe vor. Es ist zugleich eine kleine Fachgeschichte der letzten drei Jahrzehnte, in denen die Auffächerung der Geographie in zahllose Teildisziplinen erfolgte, die kaum noch von den Nachbarwissenschaften zu unterscheiden waren und sind.

Haggett erkannte frühzeitig, dass es auch der Synthese bedarf, die sich nicht allein im Kopf der Studierenden (S. 14) vollziehen darf. Selbst der Spezialist weiß oft nicht mehr, wie er sich zum Kern des Faches und seinen Theorien positionieren soll. Insofern ist dieses Lehrbuch, in erster Linie für Studierende gedacht, auch an die Fachwissenschaftler gerichtet. Es bedarf nicht nur Energie, ein mehrhundertseitiges Lehrbuch über ein immer weiter ausuferndes Fachgebiet zu schreiben, sondern auch großen Mutes, dies zu tun. Wie aus den zahlreichen auf Raum, System und Prozess bezogenen Büchern Haggetts hervorgeht, war nicht nur Analyse sein Bestreben, sondern auch und vor allem die Synthese. Diese ist, in einer technisch, elektronisch, funktional und mental zunehmend vernetzten Welt, notwendiger denn je - auch wenn ein Einzelner kaum noch das Wagnis unternimmt, den Fachbereich Geographie als Gesamtheit darzustellen. Haggett ist dies jedoch in hervorragender Weise gelungen. Die Vielfalt des Inhaltes kann vielleicht so charakterisiert werden: Das gesamte Grundlagenwissen der Geographie - vor allem der Humangeographie - und die dazugehörigen Querverbindungen zu den Nachbar-Fachwissenschaften werden dargestellt. Das geschieht jedoch nicht mit einem konventionellen Ansatz (z.B. vom Unbelebten zum Belebten bzw. von "Natur" zu "Kultur"), sondern integrativ innerhalb großer Problemkreise: I. "Die globale Umwelt"; II. "Die menschliche Bevölkerung"; III. "Ressourcen und Landschaft"; IV. "Geographische Strukturen", V. "Geographische Spannungen"; VI. "Handwerkszeug des Geographen". Sie repräsentieren die Hauptkapitel des Buches, die in jeweils drei bis vier Unterkapitel gegliedert sind. Auch diese Unterkapitel werden unkonventionell gegliedert, beispielsweise III. (bei fortlaufender Zählung aller Unterkapitel des Bandes) in: 9. "Belastungen der Umwelt"; 10. "Ressourcen und ihre Erhaltung"; 11. Veränderungen des Landschaftsbildes durch den Menschen": 12. "Das Netz der Regionen". In allen Kapiteln wird - wie gesagt - integrativ vorgegangen, also weder ausschließlich bei "Natur" noch nur bei "Mensch" verharrt. Allerdings - und dies sei nicht als Einschränkung verstanden - der Fokus ist ganz klar auf den Menschen eingestellt. Das will auch der Buchtitel sagen, indem er das Globale ("Globalisierung") ausdrücklich hervorhebt. Der historische Ansatz - sei er auf die lange erdgeschichtliche Zeitachse, sei er auf die kürzere menschheits- oder die noch kürzere kulturlandschaftsgeschichtliche bezogen - kommt ebenso wenig zu kurz wie naturwissenschaftliche, technische, soziale oder ökonomische Ansätze. Das Erstaunlich an dem Buch ist, dass diese ganz große Inhaltsvielfalt in einem einzigen, homogenen Kontext steht und nirgendwo ein inhaltlicher, methodischer oder stilistischer Bruch zu verspüren ist. Die unglaublich Sachkompetenz des Verfassers kommt in den Beispielen und deren Dokumentation in Text, Grafik, Karte oder Bild zum Ausdruck: Nichts bleibt unklar, nichts bleibt unerklärt. Dass viele Beispiele aus Kontinental- bzw. Mitteleuropa stammen, ist dem Herausgeber Robert Geipel zu verdanken. Schon in der ersten deutschen Übersetzung wurde - sachgerecht - auf Mitteleuropa, und damit auf die hiesige Leserschaft, Bezug genommen. Vertiefungen, die den Textfluss unterbrechen könnten, erfolgen in Kästen. Das sind dann kleine, sehr lesenswerte Essays, wie z.B. Box 2.A "Alfred Wegener und die Entdeckung der Kontinentaldrift" (S. 55), Box 15.C "Thünen und der isolierte Staat" (S. 478 - 479) oder Box 18.B über die ökonomischen "Kondratieff-Wellen" (S. 592). Angesichts mangelnden (Fach)-Geschichtsbewusstseins nicht nur in der Geographie, sondern auch in vielen anderen Disziplinen, werden damit zugleich Lücken im Zeitgedächtnis unserer "Kultur" von heute gestopft. Auch der "Epilog" (S. 769-792) setzt dort an - bezeichnenderweise nach dem Kap. 23 "Geographische Informationssysteme (GIS)" mit Zukunftsbetrachtungen zu GIS: Dieser Epilog "Auf weiteren Wegen" beginnt nicht von ungefähr mit dem "Vermächtnis der Vergangenheit" - damit auch die Spannweite des Buches, aber auch des Fachbereiches Geographie, umreißend. Kurzum: Mit all diesen Hinweisen kann in dieser Besprechung die Reichhaltigkeit des Werkes in Inhalt und Form lediglich angetippt werden. Sie wird unterstrichen durch ein Glossar (Anhang A) mit ca. 500 Begriffen, die so gesehen den allernotwendigsten Grundbestand an geographischem Lernwissen repräsentieren. Kapitelverweise lassen den Rückgriff auf den Sachkontext zu. Anhang B, "Geographie im Internet", stellt viele sachdienliche Adressen bereit. Anhang C verweist auf die "Verwendung des Buches in Einführungskursen". Das studentische Arbeiten wird durch kurze Abschnitte am Ende jedes Kapitels erleichtert, in denen Literatur (in Kurzzitaten) kommentiert vorgestellt wird. Hier hätte man sich den einen oder anderen Titel von Standardbüchern aus dem deutschen Sprachraum gewünscht. Bei einer Neuauflage sollte auch ein Autorenregister nachgetragen werden, damit die über die Kapitel verstreute Literatur ohne mühseliges Blättern wieder aufgefunden werden kann. Zudem irritiert, dass die Karte "Bevölkerungsdichte im Jahre 2000" sowohl auf dem vorderen als auch auf dem hinteren Vorsatzblatt erscheint. Beispielsweise wäre eine Karte der "Vegetationstypen (oder Böden) der Erde mit Landnutzung" dazu eine interessante physiogeographisch orientierte Ergänzung gewesen. Fazit: Ein ganz ausgezeichnetes Lehr- und Lernwerk in hervorragender Ausstattung und von einer bewundernswerten Reichhaltigkeit, die man heute bei von zunehmend sichtbarer Sparsamkeit geprägten Lehrbüchern immer mehr vermisst. Hier nimmt nicht nur ein Verlag seinen kulturellen Auftrag ernst, sondern auch ein vom hohen Ethos getragener Verfasser. Das Buch sollte für unsere heutige, vom Spezialistentum beherrschte Wissenschaftswelt, die leider zunehmend auch die Ausbildung prägt, Pflichtlektüre sein - je früher, desto besser.

Autor: Hartmut Leser

Quelle: Die Erde, 136. Jahrgang, 2005, Heft 2, S. 145-147

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