Mojib Latif: Klimawandel und Klimadynamik. Stuttgart 2009. 219 S.

Die Klimatologie hat eine lange Tradition, wie beispielsweise die wegweisenden Lehrbücher von Hann (1883), Köppen (1923), Flohn (1942) und Geiger (1961) zeigen. Auch die Einrichtung des ersten internationalen Klimamessnetzes durch die Societas Meteorologica Palatina (1780/81) und die wahrscheinlich erste physikalisch korrekte Erklärung des Treibhauseffektes durch Fourier (1827) sind in dieser Tradition zu sehen. Es verwundert daher, dass der Autor schreibt, sie sei „ein vergleichsweise neues … Forschungsgebiet" (S. 7), das sich „seit den 1970er-Jahren … etabliert" habe (S. 9).

Offensichtlich hängt diese Sichtweise damit zusammen, dass es hier nicht um die messtechnischen und „physikalischen Grundlagen" – auch wenn das 1. Kapitel so überschrieben ist – , das empirische Klima, die Grundzüge der regionalen und globalen Zirkulation, die Klimazonen usw. geht, es sich somit um keine Einführung in die allgemeine Klimatologie handelt. Vielmehr steht die moderne Sichtweise des Klimasystems und dessen Modellierung, hinsichtlich des natürlichen und insbesondere anthropogenen Klimawandels im Focus, so wie sie sich in den IPCC-Berichten widerspiegelt.

Die Grundlage bildet im bereits genannten Kap. 1 die Vorstellung des Klimasystems, einschließlich Kohlenstoffkreislauf, und eine relativ ausführliche Darstellung der Strahlungsprozesse. Nach einem kurzen Ausflug in die Klimavergangenheit der letzten Jahrmillion bzw. der letzten Jahrtausende, folgt mit Kap. 3 „Klimadynamik" der ausführlichste Teil. Er vermittelt einerseits die Charakteristika der internen Schwankungen und Wechselwirkungen im Klimasystem (ENSO, NAO usw.) und der externen Einflüsse darauf (u.a. Vulkanismus und Sonnenaktivität), andererseits deren Modellierung. Dabei stehen, ausgehend vom Lorenz-Modell, globale Modelle von der Atmosphäre über die Koppelung mit dem Ozean, dem Kohlenstoffkreislauf und letztlich sogar der Sozioökonomie im Blickpunkt. Die dynamischen und statistischen Regionalmodelle bleiben hier leider ausgeklammert, obwohl an späterer Stelle, fast wie im Vorübergehen, auch deren Ergebnisse exemplarisch erwähnt werden. Das wichtige Problem der abrupten Klimaänderungen und der Extremereignisse finden hingegen angemessene Beachtung.

Der Klimawandel des Industriezeitalters (instrumentelle Epoche, auch Neoklimatologie genannt) erscheint hier ausschließlich unter der Überschrift (Kap. 4) „Nachweis des anthropogenen Klimawandels", was dann in das folgende, deutlich ausführlichere Kap. 5 „Das Klima der Zukunft" überleitet. Das alles geschieht weitgehend modell- (und IPCC-) orientiert. Hinzu kommen einige weitere Problemkreise wie die Ozeanversauerung und die Methanhydrate. Die Betrachtung der sog. Kippelemente – Vorgänge, die nach Überschreiten gewisser Schwellen des Klimawandels irreversibel ablaufen könnten – weitet dann den Horizont bis ins 3. Jahrtausend. Das abschließende Kap. 6 „Handlungsoptionen" ist das kürzeste. Es geht u.a. auf das 2 °C-Ziel und sonstige Aspekte der Klimapolitik ein. Dass im Sachregister das Stichwort „Zirkulation" (also weder atmosphärische noch ozeanische) fehlt, zugunsten der diversen Typen von Klimamodellen, führt einmal mehr vor Augen, wie die Schwerpunkte in diesem Buch verteilt sind.

Wer also klimatologisches Grundwissen mit bringt, findet hier die physikalischen und modelltheoretischen Ergänzungen, die zweifellos bereichern und eine sachgerechte sowie adäquate Beurteilung des Problems des anthropogenen Klimawandels ermöglichen. Der Text ist intelligent und instruktiv geschrieben. Zumeist verzichtet er auf das mathematische Instrumentarium, so dass er auch größtenteils allgemeinverständlich ist. An den relativ wenigen Stellen, wo Gleichungen vorkommen, wird der Leser allerdings mit teils vektoriellen Differentialgleichungen (einschließlich Nabla-Operatoren) konfrontiert, wobei z.B. der Lorenz-Attraktor (S. 115) und Schubspannungstensor (S. 118) nicht fehlt. Hier ahnt man, dass nicht nur die Strahlungsprozesse, sondern auch das Modellklima ganz schön kompliziert ist.Das drucktechnisch einwandfreie (nur wenige Druckfehler) und hervorragend mit vielen anschaulichen Farbabbildungen versehene Werk kann allen an der Klimaproblematik Interessierten als Aufbaulektüre empfohlen werden, insbesondere Wissenschaftlern und Studenten naturwissenschaftlicher Fachrichtungen, einschließlich der Physischen Geographie, die sich im Dunstkreis der so ausgeprägt interdisziplinären Klimatologie bewegen.
Christian-D. Schönwiese

Quelle: Erdkunde, 64. Jahrgang, 2010, Heft 1, S. 88-89

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