Christine Löw: Frauen aus der Dritten Welt und Erkenntniskritik? Die postkolonialen Untersuchungen von Gayatri C. Spivak zu Globalisierung und Theorieproduktion. Königstein im Taunus 2009. 320 S.

Postkoloniale Studien sind im Trend. In der feministischen Forschung spielen sie schon seit geraumer Zeit eine wichtige Rolle – längst bevor sie in den Sozialwissenschaften insgesamt prominent wurden. Autorinnen wie Chandra Mohanty, bell hooks und Gayatri Spivak kritisierten den westlichen Feminismus für seine eurozentrischen Grundannahmen. Die postkoloniale feministische Theorie fordert, neben „race, class, gender“ sollten auch Imperialismus und Kolonialismus zentrale Kategorien kritischer gesellschaftswissenschaftlicher Analyse sein.

 

Aus dieser Perspektive richtet die Kasseler Sozialwissenschaftlerin Christine Löw in ihrer Dissertation den Blick auf die „Länder des Südens mit ihren spezifi schen Themen, als da wären u.a. eine nachteilige strukturelle Position im Weltmarkt, […] des Weiteren Dominanz der Entwicklungsideologie, Bevormundung des Staates durch Weltbank und IWF, Elitenherrschaft sowie ökologische Probleme“ (S. 12). Damit erweitert sie das Blickfeld: Bisherige postkolonial-feministische Arbeiten im deutschsprachigen Raum befassten sich vor allem mit Ethnizität, Staatsbürgerschaft und Migration.

Sie bezieht sich vor allem auf Indien mit dem Ziel, sichtbar zu machen, „welche universell geltenden Annahmen einem Großteil der kritischen Theorien aus dem Westen zugrunde liegen“ (S. 14). So möchte sie aufzeigen, wie sich kritische Analysen gegenwärtiger Globalisierungs- und  Dekolonialisierungsprozesse mit dem Ansatz Spivaks erweitern lassen.

Löws Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Imperialismus und Kolonialismus nicht nur ökonomisch und politisch fortwirken, sondern auch in der Wissens- und Erkenntnisproduktion. Auch kritische Ansätze wie Feminismus und Marxismus gingen von eurozentrischen Prämissen aus. In zwei Schritten legt die Autorin dar, wie diese mit Spivak aufgebrochen werden können. Zuerst stellt sie zentrale Aspekte von Spivaks theoretischer Perspektive vor: die postkoloniale Kritik an den Grundannahmen des westlichen Feminismus und die Dekonstruktion im Anschluss an Jacques Derrida. Anschließend entwickelt sie anhand von vier Themenfeldern eine postkolonial-feministische Perspektive auf Subalternität und westliche Theorieproduktion.

Das erste Thema ist Repräsentation. Diese steht in dem Spannungsfeld zwischen dem Anspruch, nicht für andere zu sprechen, und der offensichtlichen Unmöglichkeit, diesen Anspruch umzusetzen. Löw entwickelt die Problematik anhand der Arbeiten von Gilles Deleuze und Michel Foucault und  verdeutlicht es an Spivaks prominentem Beispiel der Witwenverbrennung: Im kolonialen Indien waren Frauen im Diskurs zwischen der männlichen Hindu-Elite und dem kolonialen Patriarchat gefangen. Der Schlüssel liege darin, dass Spivak „in ihren Analysen die potenziell problematischen Konsequenzen eines Sprechens für Andere offen[legt]“ (S. 156). Die Auseinandersetzung mit Karl Marx bildet den zweiten thematischen Schwerpunkt. Eine materialistische Perspektive sei notwendig, um die Ausbeutung von Frauen in der Dritten Welt zu verstehen, argumentiert die Autorin. An dritter Stelle greift sie Spivaks Überlegungen zur illegitimen Aneignung von indigenem Wissen und von Natur in ländlichen Gebieten des Südens auf – ein zentraler Aspekt der globalisierungskritischen Debatte, der etwa mit Biopiraterie oder dem Abkommen über handelsbezogene Aspekte geistigen Eigentums (TRIPS) verbunden ist. Zuletzt behandelt sie viertens den Menschenrechtsdiskurs. Hier stellt sie die Frage in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen, „welche Länder als potentielle Agenten von Menschenrechtsverletzungen und welche als Hüter von Menschenrechten imaginiert werden“ (S. 28). Allen vier Themenfeldern sei gemeinsam, dass sie in Spivaks Werk eine relevante Rolle einnähmen und die Subalterne im Mittelpunkt stünde. Abschließend diskutiert Löw, wie feministische, marxistische und dekonstruktivistische Theorieansätze reformuliert werden können, so dass sie die Kritik an Kolonialismus und Imperialismus angemessen integrieren und nicht länger den Westen ins Zentrum der Forschung über Globalität und Globalisierung stellen. Dafür böten Spivaks Arbeiten maßgebliche Denkanstöße.

Löws Buch ist keine Einführung in die Werke Spivaks oder in die feministisch-postkoloniale Theorie, sondern bietet eine theoretisch-komplexe Auseinandersetzung mit den Grundlagen von Spivaks Ansatz. Es macht deutlich, dass auch theoretische Ansätze, die sich explizit vom Mainstream abgrenzen, oftmals geschlechterblind sind. Dabei zeigt es nicht nur Leerstellen in den diskutierten Perspektiven auf, sondern auch, wie die Lebenswelten von Frauen im globalen Süden in kritische gesellschaftswissenschaftliche Ansätze integriert werden können. Löw legt dar, wie über Frauen aus der Dritten Welt geforscht und in globalisierungskritischen Debatten gesprochen wird. Dabei formuliert sie ihre Kritik an bürgerlichen Modellen von Geschlechtergerechtigkeit sehr dezidiert und berührt damit eine Leerstelle sowohl in der entwicklungsals auch in der geschlechterpolitischen Diskussion. Ihr Verdienst besteht darin, eine postkolonial-feministische und eine kapitalismuskritische Perspektive konsequent zusammenzudenken. Damit gelingt es ihr klarzustellen, dass die gängigen Modelle von Gender-Entwicklungspolitiken (etwa die Vergabe von Mikrokrediten an Frauen) keine „Lösungen“ darstellen, sondern Geschlechtergerechtigkeit nur durch grundlegende Veränderungen im global-ökonomischen System erreicht werden kann.
Bettina Engels

Quelle: Peripherie, 30. Jahrgang, 2010, Heft 120, S. 512-513

 

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