Heinz Fassmann: Stadtgeographie I. Allgemeine Stadtgeographie. Braunschweig 2004 (Das Geographische Seminar). 240 S.

Jürgen Bähr, Ulrich Jürgens: Stadtgeographie II. Regionale Stadtgeographie. Braunschweig 2005 (Das Geographische Seminar). 352 S.

Wolf Gaebe: Urbane Räume. Stuttgart 2004. 352 S.

Wolfgang Andexlinger et al.: TirolCity. New Urbanity in the Alps. Wien, Bozen 2005. 281 S.

Hans-Georg Wehling sprach 1980 vom Ende des Dorfs, Vilém Flusser 1991 vom Ende der Stadt. Wenn beide Thesen richtig sind, dann wäre es obsolet, heute noch von Dörfern und Städten zu sprechen, zu unklar sind die Unterschiede, zu ungewiss, wo das eine in das andere übergeht. Unter diesem Aspekt ist die Konjunktur, die neue Lehrbücher zur Stadtgeographie haben, erstaunlich.

Nach Zehner (2001) und Lichtenberger (2002) sind 2004 und 2005 gleich drei wichtige Bücher erschienen, die die Stadt zum Gegenstand haben. Der klassischen Stadtgeographie verpflichtet sind die beiden in der Reihe Geographisches Seminar erschienenen Bände. Die Ausweitung auf zwei Teile kommt dem Gegenstand sehr zugute. Fassmann kann sich auf die analytische Stadtgeographie konzentrieren und tut dies in einer sehr modernen Form. Sein Buch hat fünf Hauptteile: Die Stadtgeographie als wissenschaftliche Disziplin, Begriffe, Stadtentwicklungen, innerstädtische Strukturmuster und schließlich städtische Systeme. Darin kann er das ganze Spektrum der traditionellen bis hin zu den neuesten Fragen der Stadtgeographie unterbringen. Die Diskussion um die Post-Suburbia kommt ebensowenig zu kurz wie die Global-City-Theorie. Fassmann ist eine komprimierte, sehr stringente Darstellung des letzten Standes der Stadtgeographie gelungen. Ganz kommt auch Fassmann nicht ohne die Behandlung regionaler Stadttypen aus, er beschränkt sich freilich auf die historischen Stadttypen Europas sowie ihre Weiterentwicklung unter sozialistischen bzw. kapitalistischen und wohlfahrtsstaatlichen Determinanten im 20. Jahrhundert. Die Darstellung der regionalen Differenzierung urbaner Entwicklungen und die daraus resultierenden sehr unterschiedlichen Stadtstrukturmuster haben sich Bähr und Jürgens zum Ziel gesetzt. Sie fußt auf dem aus Kiel stammenden Konzept der Kulturerdteile, das in jüngster Zeit vielfach kritisiert wurde, sich aber, wie der Band belegt, als tragfähige Basis einer global vergleichenden Betrachtung erweist. Dort, wo der Band Themen behandelt, die auch Fassmann anspricht, ist der Vergleich beider Ansätze recht aufschlussreich: Die griechische Polis ist z.B. für Fassmann eine funktional definierte Einheit ("Herrschaftsstandort"), für Bähr und Jürgens dagegen ein ganz konkreter, physiognomischen Gestaltungskriterien gehorchender Organismus, der Planvorgaben folgte, die in der späteren Entwicklung der Städte Europas und der Neuen Welt noch eine Rolle spielen sollten. Der Hauptunterschied beider Bände - und dies macht die vergleichende Lektüre spannungsreich - ist der divergierende methodische Ansatz: Fassmann baut seine Arbeit theoriegeleitet auf, seine Logik ist eine deduktive, er benötigt das Besondere zum Beleg des Allgemeinen. Bähr und Jürgens dagegen beginnen ihren Kulturvergleich bei den Phänomenen, beim Besonderen und versuchen daraus das Typische herauszuarbeiten. Am Ende steht daher ein zusammenfassend-vergleichendes Kapitel zu den Divergenzen und Konvergenzen der Stadtentwicklung in den von ihnen identifizierten Kulturräumen. Bei Fassmann ist bereits zu spüren, dass das Erfahrungs- und Erkenntnisobjekt Stadt der Stadtgeographie aus ihren Händen zu gleiten droht. Die Entwicklungen in der Übergangszone von Stadt und Land, in "Stadtland", "urbanscape", im "rurban patchwork", der "Zwischenstadt" oder in "Post-Suburbia" sind ihm nur eine halbe Seite wert, obwohl das Titelbild suggeriert, dass diese Thematik intensiv verfolgt wird. Gaebe umgeht diese Problematik, indem er nicht von der "Stadt" spricht, sondern von "urbanen Räumen". Damit kann er sich auf "das Urbane" konzentrieren, und er tut dies durchaus im Sinne eines Lehrbuchs der Stadtgeographie. Er geht, in diesem Punkt Fassmann ähnlich, theoriegeleitet vor, indem er zunächst die Einflussfaktoren auf die Entstehung und Entwicklung von Städten behandelt und von diesen auf Strukturen und Verflechtungen im städtischen Raum schließt, die er in einem weiteren Kapitel erklärt. Auch er erkennt Deurbanisierungstendenzen, lässt sich aber auf den Postsuburbia-Diskurs nicht ein. Seinem Ansatz konsequent folgend, werden auch für die regionalen Stadttypen zunächst die Einflussfaktoren auf die Stadtentwicklung behandelt, bevor die Strukturmuster beschrieben und erklärt werden. Es mag verwundern, dass im Rahmen dieser Sammelrezension auch ein Band besprochen wird, der ganz offensichtlich kein Lehrbuch für das Geographiestudium ist. Dass er überhaupt Text enthält, bemerkt der Leser erst auf Seite 18, bis dahin wird er visuell mit aussagekräftigen Farbbildern auf das eingestimmt, was ihn erwartet: Extreme, 636 442 Einwohner, 8,3 Mio. Besucher, acht Einkaufszentren, 303 632 Häuser, eine U-Bahn, 8,8 Mio. Autos, 1,3 Mio. Personen Liftkapazität - dies sind die Themen der Fotos, die den Band "TirolCity" einleiten. Der Name selbst ist eine Fiktion, die auf der "TirolCity map" illustriert wird. Demnach nimmt diese Tirol-Stadt den ganzen Dauersiedlungsraum Tirols ein. Das Zentrum hat den traditionellen Namen Innsbruck eingebüßt: Downtown und North Park sind Airport Shopping und Shopping Central zugeordnet. Die Lower East Side hat ein Nebenzentrum in Glamourous City (früher Kitzbühel), im Westpark ist auch Golden Village gelegen, früher als Steuerparadies Samnaun bekannt. Eine Fiktion? Dieses Buch hat eine zentrale Botschaft: Die Umstrukturierung des Raumes schreitet rasch und unaufhaltsam fort. Das, was wir als (traditionelle) Stadt, als (traditionelles) Dorf kannten, wird verschwinden zugunsten eines großen, aber durchaus in sich gegliederten Raumorganismus, der sicher nicht als ländlich, aber kaum noch im traditionellen Sinn als städtisch zu bezeichnen ist. Post-Suburbia ist in der Fiktion der internationalen Autoren, die dieses Bild entworfen haben, bereits Wirklichkeit geworden. Andexlinger, Kronberger, Mayr, Nabielek, Ramière und Staubmann, die Autoren dieser Vision, sind jedoch nicht allein: Moewes, Soja, Eisinger/ Schneider, Dubois-Taine, Sieverts, Wood, Kunzmann und andere bestätigen sie. Vielleicht müssen in zehn oder 20 Jahren die bisherigen Lehrbücher zur Stadtgeographie umgeschrieben werden.

Autor: Axel Borsdorf

Quelle: Die Erde, 136. Jahrgang, 2005, Heft 2, S. 148-149

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