Benjamin Etzold: Illegalisierte Migration in der Flüssigen Moderne. Migranten aus Afrika und die europäische Grenzsicherungspolitik. Berlin (Beiträge zu interdisziplinären Studien in Ländern des Südens 5) 2009. 193 S.

Es mag ungewöhnlich erscheinen, wenn Diplomarbeiten Gegenstand von Buchbesprechungen sind. Die Diplomarbeit von Benjamin Etzold jedoch hat bereits in zweierlei Hinsicht erhöhte Aufmerksamkeit auf sich lenken können: Erstens, da sie in einer insbesondere für den Entwicklungskontext relevanten Schriftenreihe (Entwicklungsforschung. Beiträge zu interdisziplinären Studien in Ländern des Südens von Dittmann et al.) erschienen ist, und zweitens, weil sie mit dem international ausgelobten Entwicklungsländerpreis der Justus-Liebig-Universität Gießen ausgezeichnet wurde.

Das sind zwei Gründe mehr, sich mit einer Arbeit eingehender zu beschäftigen, die ein ohnehin zweifellos brisantes Thema wie die europäische Grenzsicherungspolitik zum Gegenstand kritisch-geographischer Auseinandersetzung macht.

Wie es im Rahmen von Diplomprojekten üblich ist, gründet auch diese Arbeit auf ein eher „überschaubares" empirisches Material, welches in diesem Fall vorwiegend aus Statistiken, Medienberichten sowie Experteninterviews besteht. Beeindruckend und deshalb hervorzuheben sind die theoretische Einbettung seiner Fragestellungen, die Aufbereitung zentraler Konzepte zum sozialen Wandel (v.a. Bauman 2000) und deren Nutzbarmachung im Sinne einer geographischen Migrationsforschung. Dabei strukturieren folgende Leitfragen seine Arbeit: Wie wirkt sich die Migrationspolitik der Europäischen Union (EU) auf die zeitlichen und räumlichen Verläufe von Migration nach Europa aus? Welche migrationspolitischen Positionen, Instrumente und Maßnahmen beansprucht die EU, um ungewollte Migrationsströme nach Europa abzuwehren? Welche Konsequenzen ergeben sich dadurch für die Migranten? Mit diesen, den „Problemkomplex illegale Migration" (S. 17) behandelnden Fragen eröffnet Etzold eine Diskussion um die derzeitige Praxis europäischer Grenzsicherungspolitik und führt den Leser Schritt für Schritt an eine vom gängigen Diskurs abweichende, äußerst innovative Lesart von - wie er schreibt - „Migrations(kontroll)politik" (S. 15)  heran. Im Kern zielt seine Argumentation darauf ab, den Blick für Brüche, Spannungen sowie Widersprüche zu schärfen, die in einer Welt, welche sich gleichzeitig als ‚Raum der Ströme' und ‚Raum der Orte' präsentiert, in tragender Weise zum Ausdruck kommen. Das soll hier am Beispiel der politischen Handhabung internationaler Migrations- und Flüchtlingsbewegungen verdeutlicht werden.

In seiner empirischen Auseinandersetzung greift Etzold ein Fallbeispiel von anhaltender Aktualität auf: Die Migrationsströme von Westafrika nach Europa (speziell: Marokko und Spanien) werden unter besonderer Berücksichtigung der zwischengeschalteten Migrationshindernisse umfassend analysiert und dokumentiert. So gelingt es ihm darzulegen, dass die Verstärkung von Grenzsicherungsmaßnahmen, wie sie insbesondere seit 2004 zu beobachten ist (s. FRONTEX), nicht zur Verringerung sog. „illegaler Migration" geführt hat. Denn die verdeckte Migrationsindustrie, zu der er vor allem organisierte Schleuser und informelle Vermittler von (Saison)Arbeitsplätzen zurechnet, habe sich „erfolgreich" an die veränderten politisch-institutionellen Rahmenbedingungen anpassen und Migrationsrouten räumlich verlagern können. Damit zeige sich die bisherige Migrations(kontroll)politik also kaum wirksam, zumindest nicht hinsichtlich der Eindämmung sog. „illegaler Migrationsströme".

In seiner nachfolgenden Ergebnisdiskussion erarbeitet sich Etzold mithilfe eines konstruktivistischen, die Flüssige Moderne kennzeichnenden Diskurses ein alternatives Erklärungsmuster, wonach Migrations(kontroll)politik als ein in erster Linie ordnendes Herrschaftsinstrument von immer mehr an Legitimation und Macht verlierenden Nationalstaaten verstanden werden muss. Der Nationalstaat könne sich über die Produktion und Problematisierung von „illegaler Migration" erstens Handlungsbedarf und damit Geltungsansprüche verschaffen, zweitens vermag er im Sinne seiner wirtschaftlichen Interessen mittels des sog. Migrationsmanagements auf die Beibehaltung einer globalen Hierarchie von Arbeitskräften einzuwirken. Denn mit den zuvor durch die nationalen Gesetzgebungen illegalisierten Migranten könne ein extrem kostengünstiges, da ausbeutbares, Arbeitskräftereservoir zur Verfügung gestellt werden, welches sich zum Ausbau eines nach den neoliberalen Gesetzen funktionierenden, europäischen Wirtschaftsraumes (aus)nutzen ließe. Zur Versinnbildlichung greift der Autor die Metapher der gated community auf, welche im Gegensatz zur gängigen Bezeichnung „Festung Europa" die Widersprüchlichkeit von politischer Exklusion und wirtschaftlicher Inklusion der illegalisierten Migranten hervorheben soll. Letztlich sei gerade diese Diskrepanz für die hohe Verwundbarkeit der Migranten und Flüchtlinge (Abb. 5, S. 102) verantwortlich zu machen.

Die an dieser Stelle nur reduziert wiedergegebenen Ergebnisse basieren auf einer stringent hergeleiteten Argumentationskette, die sich der Autor anhand von unterschiedlichen, dennoch aufeinander abgestimmten theoretischen Konzepten zum gesellschaftlichen Wandel erarbeitet hat. Im Mittelpunkt steht das Konzept der Flüssigen Moderne, welches die sozialen Verhältnisse in Aggregatzuständen ausdrückt und nach dem eine sog. „feste" von einer „flüssigen" Moderne zu unterscheiden ist (Bauman 2000). Weiter stützt er sich auf Ansätze von Arjun Appadurai (globale kulturelle Ströme), Manuel Castells (Raum der Orte und Raum der Ströme) sowie George Ritzer und James Murphy (Sperren, Hürden, Blockaden, Siebe). Zusammengenommen lassen sich diese – jeweils unterschiedliche Facetten der Moderne beleuchtenden – Konzepte als ein Paradigma einer „Flüssigen Moderne" lesen, auf dessen Grundlage Etzold dann für seine Fragestellung besonders relevante Aspekte momentaner Gesellschaftsentwicklungen neu zu interpretieren sucht. Bspw. hinterfragt er den durch Privatisierung, Deregulierung und Liberalisierung gemeinhin beschworenen Machtverlust von Nationalstaaten und stellt diesem eine mehr handlungstheoretische Sichtweise gegenüber: Nationalstaaten müssten demnach zwar Anpassungsprozesse durchlaufen, könnten sich aber durchaus gestalterischer und ordnender Machtinstrumente bedienen, um sog. „Störungen" der nationalen Ordnung abzuwehren.

Durch die gezielte Aufbereitung und Nutzbarmachung der hier aufgeführten theoretischen Konzepte im Sinne seiner Fragestellungen erarbeitet sich Etzold eine differenzierte Terminologie (nomadisierende Eliten, Sperren, Hürden, gated community etc.), welche sich erkenntnisfördernd in den Migrationskontext einfügen lässt. Damit wird er seinem Ziel, diese wenig spezifizierten theoretischen Konzepte für die geographische Migrationsforschung nutzbar zu machen, durchaus gerecht.

Doch wie beforscht man nun ein Thema, das seitens der Medien und Politik einseitig vereinnahmt scheint und das sich überdies jenseits gesicherter Erkenntnisse und konsensualen Wissens verortet? Welche Daten können überhaupt herangezogen werden und welche Aussagekraft besitzen diese dann? Etzold begegnet dieser schwierigen Forschungssituation, indem er sich, wie bereits erwähnt, methodisch breit aufstellt und sich sowohl auf qualitative als auch auf quantitative Datenerhebungsverfahren stützt. Auch wenn Statistiken, nebst Text- und Medienanalysen, hier deutlich im Vordergrund stehen, sind vor allem die Experteninterviews positiv hervorzuheben. Zu diesem Zweck wurden AkteurInnen der in diesem Handlungsfeld operierenden politischen und quasi-politischen Institutionen befragt (GTZ, Europäisches Parlament, AI, Caritas Europa u.v.m.), was auf eine vielseitige, auf Insider-Wissen beruhende Auseinandersetzung mit dem Thema schließen lässt.

Vor dem Hintergrund seines Anliegens, den Problemkomplex der illegalisierten Migration in einer makrostrukturellen, abstrakten Weise abzubilden und gleichzeitig eine Einbettung in den Kontext eines gesamtgesellschaftlichen Zustandes vorzunehmen, ist die Verwendung quantitativer Daten (Statistiken u.a.) durchaus naheliegend. Trotzdem bleibt prinzipiell zu hinterfragen, inwieweit Zahlen bspw. über die Opfer oder Aufgegriffenen an den EU-Außengrenzen erstens valide und zweitens aussagekräftig im Sinne der hier aufgeführten Fragestellungen sind. Hier sollte zumindest die Entstehung derartiger Zahlenwerte reflektiert werden.

Es bleibt dennoch zu betonen, dass mit dieser Arbeit aufgrund ihres umfassenden Charakters bei gleichzeitig hoher Präzision eine Art Untersuchungsrahmen für weitere wünschenswerte, mehr an der „Basis" stattfindende, vor allem ethnographische Forschungen geschaffen worden ist.

Überhaupt motiviert das Buch durch seine vielfach angeschnittenen Raumbezüge („veränderte Geographien illegaler Migration", „gated community" u.v.m.) insbesondere Rauminteressierte, sich näher mit dem Verhältnis von Migration und Raum zu beschäftigen. Die Thematisierung von Grenzen als Institutionen, die eines gezielten ‚Managements' bedürfen, entspricht einem wiederauflebendem Trend in der Geographie, sich im Zuge scheinbarer Grenzauflösungen neu mit Grenzen, Grenzregionen (sog. border landscapes) sowie den daraus resultierenden In- und Exklusionen auseinanderzusetzen (Newman 2006).

Auch die in seiner Arbeit zwar nur angedeuteten Bezüge zur Transnationalismus-Forschung, welche zu einem hohen Erkenntnisgewinn in einer Fülle (post)migrationstheoretischer Arbeiten geführt hat (Müller-Mahn 2000; Faist 2000 u.a..), deuten das breite Themenspektrum an, das sich unter dem Dach „illegalisierte Migration" verbirgt. Anhand einer transnationalen oder auch translokalen Perspektive rücken Themen wie der MigrationsEntwicklungsNexus oder auch transnationale Haushalte, Familien oder andere soziale Verbünde, die sich über Grenzen hinweg organisieren, näher in den Vordergrund. So hätte das Konzept des Transnationalismus auch in dieser Arbeit dazu beitragen können, die Rhetorik über den "Migrationsstrom aus Afrika nach Europa" um Phänomene wie continued migration oder remigration – häufig entlang von sozialen Netzwerken – zu bereichern und damit den Fall in Relation zu anderen, die Flüssige Moderne kennzeichnenden Prozessen zu stellen.

Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis genügt, um die Themenbreite und Komplexität des Werkes zu erkennen. So bereichern Abhandlungen bspw. darüber, wer überhaupt als Flüchtling in der EU anerkannt wird oder welche politischen Prozesse und Abkommen zu der sich gegenwärtig europäisierenden Migration- und Asylpolitik geführt haben oder auch darüber, warum Nationalstaaten, Migration überhaupt als Bedrohung empfinden, die Arbeit ungemein – allerdings ohne allzu weit von der Argumentationslinie abzukommen. Damit erhebt sich die als Diplomprojekt konzipierte Arbeit zu einem großen, vieldimensionalen und aktualisierten Gedächtnisraum zum Thema „illegalisierte Migration"; sicherlich einer der Gründe, weshalb diese Arbeit den Entwicklungsländerpreis der Justus-Liebig-Universität erhalten hat.

Komplexität, Unübersichtlichkeit und Beliebigkeit gehen leider oft genug miteinander einher. Dies ist hier nicht so; denn Etzolds Arbeit weist eine äußerst bündige Gliederung auf, welche das Buch in sieben, ausgewogene Kapitel strukturiert und in drei Blöcke unterteilt (Untersuchungsrahmen, empirischer Part, Diskussion). Insbesondere die nach jedem Kapitel aufgeführten Zwischenfazits führen den Leser immer wieder zurück zum eigentlichen Untersuchungsstrang; der Einsatz von teils selbst erstellten oder zumindest gekonnt zusammengefügten Karten und Tabellen, die stets inhaltlich eindeutig und selbsterklärend sind, fassen Zwischenergebnisse visuell zusammen und lockern zudem die Dichte und Textlastigkeit des Buches auf.

Insgesamt ist das Buch sehr zu empfehlen; sowohl einer interessierten Fachleserschaft als auch all denjenigen, die sich in einer kritischen Weise einem der drängendsten aber gleichzeitig  wissenschaftlich nicht ausreichend antizipierten Themen unserer Zeit stellen wollen. In diesem Sinne hat Benjamin Etzold mit „Illegalisierte Migration in der Flüssigen Moderne – Migranten aus Afrika und die europäische Grenzsicherungspolitik" nicht nur die notwendige Aufmerksamkeit auf die widersprüchlichen und in ihrer Konsequenz häufig fatalen Grenzsicherungspraktiken gelenkt, sondern auch den Zusammenhang von europäischer Grenzsicherungspolitik und Migration aus (West)Afrika in seiner Komplexität angedeutet, indem er das Naheliegende hinterfragt und die weniger offensichtlichen, versteckten Mechanismen einer menschenunwürdigen Politik offenlegt. Vielen Dank!

Jaana Schütze


Literatur

Bauman, Z. (2000): Liquid modernity. Cambridge.

Faist, T. (2000): The volume and dynamics of international migration and transnational social spaces. Oxford.

Müller-Mahn, D. (2000): Ein ägyptisches Dorf in Paris. In: Bommes, M. (Hg.): Transnationalismus und Kulturvergleich. IMIS-Beiträge 15. Osnabrück, 79–110.

Newman, D. (2006): The lines that continue to separate us: Borders in our 'borderless' world. In: Progress in Human Geography 30 (2), 143–161.

 

Quelle: Erdkunde, 64. Jahrgang, 2010, Heft 1, S. 82-85

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