Zur heutigen (13.3.2013) Eröffnung der Leipziger Buchmesse wird der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2013 an Klaus-Michael Bogdal verliehen

Wolfgang Klaus-Michael Bogdal: Europa erfindet die ZigeunerAschauer: Sinn und Unsinn ethnischer Kategorisierungen

Rezensionsaufsatz
Klaus-Michael Bogdal: Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung. Berlin 2011.

Abstract
Der Betrag diskutiert am Beispiel des rezensierten Buches einerseits die Möglichkeit, durch die Analyse von Literatur, insbesondere von Belletristik, Erkenntnisse über eine historisch durchgängig marginalisierte Großgruppe („Zigeuner") zu gewinnen, und andererseits den wissenschaftlichen Stellenwert der Übernahme ethnopolitischer Begriffe („Roma") bzw. deren Neuschaffung („Romvölker").

Das 2011 erschienene Buch des Bielefelder Literaturwissenschaftlers Klaus-Michael Bogdal beginnt mit der Sequenz einer jungen Frau, die vor laufenden Fernsehkameras bekundet, dass sie Zigeuner umbringen möchte, und endet mit einem Blick auf die Bootsflüchtlinge in Südeuropa und der Warnung, dass ohne eine Veränderung des aktuellen „Zigeuner"-Bildes auch diese Gefahr liefen, Verachtung und Verfolgung ausgesetzt zu werden.

Dazwischen geht es – so der Titel des Buches – um die Erfindung der Zigeuner, was eine „Geschichte von Faszination und Verachtung" sei. Reflektiert man den Titel etwas gründlicher und bringt ihn auch in Verbindung mit den Hin- und Ableitungen des Buches, ergeben sich etliche Unklarheiten. Denn wenn eine Bevölkerungsgruppe erfunden wird – wie etwa im Fall der Piresen1, die ungarische Meinungsforscher in mehreren Erhebungen zwischen Russen, Araber und andere schmuggelten und zum Ergebnis kamen, dass die Piresen auf der Unbeliebtheitsskala weit oben rangieren –, dann kann daraus einiges über grundsätzliche Merkmale einer Gesellschaft ausgesagt werden (im ungarischen Fall: die weite Verbreitung sowohl von Unwissenheit als auch von Fremdenfeindlichkeit); den „Betroffenen" (hier: den Piresen) kann der Befund hingegen herzlich egal sein, da es sie ja nicht gibt. Auf der anderen Seite bedürfen Flüchtlinge, die etwa auf Lampedusa stranden, keiner „Erfindung", um bemitleidet oder gefürchtet, vielleicht auch bewundert oder verachtet zu werden. Und die junge Mörderin in spe benötigt ebenfalls keinerlei Erfindung, um reale Menschen, die sie verabscheuen möchte, zu töten. Wenn man jemanden verachten (oder ihm gegenüber eine beliebige andere Einstellung entwickeln) will, ist offensichtlich ein Akt der Erfindung nicht erforderlich. Was kann also mit „Erfindung" gemeint sein?

Das Buch analysiert den wohl wichtigsten Ort von „Erfindung" – die Literatur. Und wird in reichem Maße fündig. Im wesentlichen chronologisch aufgebaut, findet es „Zigeuner" in zahlreichen Texten seit dem Mittelalter und konstatiert in diesen Quellen eine Vielzahl von Positionierungen innerhalb der jeweiligen Gesellschaften. Erstmalig taucht der Zigeuner-Begriff in mittelalterlichen Stadtchroniken u. ä. auf (Kap. I,1 ff.), und zwar als Bezeichnung (neben anderen) für orientalisch gewandete Gruppen, die mit teils echten, teils gefälschten Schutzbriefen wichtiger Herrscher in den Städten um Kost und Logis nachsuchen. Darin unterscheiden sich diese Gruppen kaum von anderen Reisenden (etwa „Pilgern"), die als Christen ein prinzipielles Anrecht auf Unterstützung haben. Bei den „Zigeunern" hingegen führt das exotische Aussehen zu einer Infragestellung der Zugehörigkeit zu den Christen, manchmal aber auch zu der Einschätzung, eine verloren gegangene urchristliche Gemeinschaft wiedergefunden zu haben.

Ganz andere Aspekte der „Zigeuner" rücken bei Autoren der Neuzeit in den Vordergrund (Kap. I,4). Als sich die mittelalterlichen Gesellschaften auflösen und insbesondere im 30-jährigen Krieg zahlreiche Menschen auf der Flucht und/oder auf der Suche nach Einkommensmöglichkeiten sind, entsteht eine Literatur, die sich mit diesen „Vaganten" beschäftigt; dort treten auch die Zigeuner wieder auf. Der sich nun entwickelnde Topos von Menschen, die im Wald hausen und ein unstetes, dubiosen Geschäften nachgehendes Leben führen, wird zum dominanten Thema der zeitgenössischen Realitätswahrnehmung und „Zigeuner" zum Synonym der herumstreifenden Habe- und Taugenichtse. Diese Bedeutung des Zigeuner-Begriffs hat seither eine steile Karriere gemacht; immer wieder taucht er – fast ausschließlich mit negativen Konnotationen – in der Literatur und auch in der alltagssprachlichen Wirklichkeitsbeschreibung auf. Die Reihe der im vorliegenden Buch analysierten Autoren reicht von Goethe bis Puschkin, von Shakespeare bis Scott. All diese Autoren lassen in einzelnen Werken „Zigeuner" vorkommen, deren zentrales Merkmal das mit Elementen marginaler Wirtschaftsformen (vom Hühnerdiebstahl bis zum Handlesen) verbundene, manchmal fasziniert, aber zumeist argwöhnisch bis ablehnend beschriebene Nomadentum ist. Dieses Bild kann als die bis heute vorherrschende Variante der Wahrnehmung von „Zigeunern" bezeichnet werden, was sich auch darin manifestiert, dass es seine Verwendung auch bei außereuropäischen, vom Autor nicht berücksichtigten Gruppen wie etwa den südostasiatischen „See-Zigeunern" findet.

Im 19. Jahrhundert reichert sich das Zigeuner-Bild um eine zusätzliche Facette an: die „schöne Zigeunerin" (mit einer Vorläuferin bei Cervantes); bekannte Beispiele sind etwa Mérimées „Carmen" oder Hugos „Esmeralda". Diese sind aber nicht nur verführerisch weiblich, sondern auch starke Frauen, die – auf der Grundlage ihrer „zigeunerischen" Kultur – eine eigenständige, tragende Rolle (nicht nur) in den genannten literarischen Werken spielen (Kap. II,1 f.). Eine zweite Innovation des Zigeuner-Bilds vollzieht sich im Rassismus des 19. und 20. Jahrhunderts (Kap. III,1). Die Kulturform „Zigeuner" wird teils angereichert, teils ersetzt durch biologische Merkmale, etwa die Schädelform. Seinen zwischenzeitlichen Höhepunkt findet dieses Zigeuner-Bild im Dritten Reich, als eine auf Rasse-Merkmalen basierende Klassifikation die Verschickung in die Konzentrations- und Vernichtungslager nach sich zieht.

Alle genannten (und weitere, hier nicht angesprochenen) Aspekte des Zigeuner-Bilds, die überwiegend bis heute fortleben, werden vom Autor aus einer Fülle von Quellen herausgearbeitet, wobei er sowohl bestehende Forschungen instruktiv zusammenfasst und weiterführt als auch eigene Analysen insbesondere wichtiger Werke der Weltliteratur durchführt. Dem Leser präsentiert sich ein material- und inhaltsreicher Überblick über all diejenige Literatur, in denen „Zigeuner" vorkommen, und ein detailreicher Einblick in das, was „Zigeuner" bei den jeweiligen Autoren bedeutet. Von der – durchaus auch positiven, aber doch von schwüler Männerphantasie unterlegten – „schönen Zigeunerin" abgesehen, konnotiert „Zigeuner" weit überwiegend negativ bewertete Lebens- und Wirtschaftsformen.

Welche Schlüsse können aus dieser umfangreichen Literatursichtung gezogen werden, welche Interpretationen erlaubt sie? Eine Option wäre, „Zigeuner" als historisch wandelbare Bezeichnung für eine Möglichkeitsform menschlicher Existenz zu begreifen, die jeweils die Grenze zwischen dem gesellschaftlich Erwünschten und Unerwünschten (nicht: Unmöglichen) markiert. Dann stellt sich bei den „Zigeunern" des Mittelalters nicht zufällig die Frage, ob sie Christen sind oder nicht, sondern genau dieses Kriterium erkennt einerseits die Möglichkeit an, dass es auch andere Menschen als Christen gibt, und determiniert andererseits jenseits aller ökonomischen oder alltagskulturellen Merkmale die Zugehörigkeit zur Gesellschaft. Und dann heißt Vaganten- oder Zigeunertum in der Neuzeit, dass hier Personen außerhalb der Gesellschaft platziert sind, nicht zuletzt auch räumlich und mit dem Verlust ihrer „Heimat", d. h. im damaligen Wortsinne des Anspruchs auf Armenfürsorge konfrontiert. Es taucht die „schöne Zigeunerin" genau dann auf, als Frauen aus niederen Schichten auch literarisch als eigenständige und -wertige Individuen entdeckt werden. Nicht zuletzt funktioniert Rassismus als Formierungselement einer Gesellschaft nur dann, wenn auch das Territorium jenseits der Grenzen der Zugehörigkeit benannt werden kann. „Zigeuner" ist aus dieser Perspektive in erster Linie ein Grenzziehungsbegriff, der innergesellschaftliche Prozesse begleitet und befeuert, indem er Differenzen weniger feststellt als vielmehr erzeugt. Insofern kann die „Erfindung" von Personengruppen sehr wohl funktional für bestimmte gesellschaftliche Problemnennungen und auch (oft nur scheinbare) -lösungen sein.

Ein solches Verständnis von „Erfindung" teilt der Autor jedoch nicht, er interpretiert seine Quellen vielmehr aus der Perspektive eines bestimmten Typs von Vorurteilsforschung. Was das bedeutet und welche Konsequenzen es hat, soll im folgenden dargestellt und grundsätzlicher diskutiert werden. Durchgängig beklagt der Autor, dass die Literatur ein falsches Bild der Zigeuner zeichne. Dies ist insofern drollig, als es suggeriert, etwa Victor Hugo habe durch die Figur der Esmeralda ein einseitiges Bild der Zigeuner erzeugt, die (anderen) Franzosen des späten Mittelalters würden hingegen wirklichkeitsgetreu dargestellt. Könnten sich nicht auch Offiziere und Bucklige über eine falsche Darstellung durch Hugo beschweren? Derartige Vorwürfe sind jeglicher Literatur gegenüber ein wohlfeiles Argument, unabhängig davon, wer in ihr erwähnt wird; selbstverständlich werden z. B. Sachsen, Araber und Apatschen falsch dargestellt (Beispiel: Karl May), stehen die Klingonen in einem schlechten Licht (Star Trek) und wird die faszinierende Lebenswelt der Meerjungfrauen verzeichnet (Literatur seit der Antike). Das ist so evident wie literaturimmanent.

Was ist dann aber das Problem des falschen Bildes, das Problem der „Erfindung" der Zigeuner? Das Problem ist offensichtlich, dass nicht das richtige Bild gezeichnet wird, dass die Zigeuner also nicht so dargestellt werden, wie sie wirklich sind (S. 441).  „Erfindung" heißt dann: Merkmale bei einer Personengruppe aufzufinden, bei der diese überhaupt nicht existieren. Daraus ergibt sich die Frage, von welchen Personen die Rede ist, denen diese erfundenen Merkmale zugeschrieben werden, konkret: Existiert eine Gruppe als Produkt dieser „Erfindung", ist sie also die imaginierte Gemeinschaft derjenigen Personen, die als Träger der (erfundenen) Merkmale aufgefasst werden, oder existiert diese Gruppe bereits vor jeglicher (falscher) Merkmalszuschreibung? Der Autor entscheidet sich für die zweite Möglichkeit und operationalisiert dies durch die Verwendung des Gegensatzpaares „Zigeuner" – „Roma" (teilweise auch „Sinti"): „Roma werden geboren, 'Zigeuner' sind ein gesellschaftliches Konstrukt" (S. 15). „Roma" ist demnach der Begriff für ein jeglicher Fremdzuschreibung vorgängiges Kollektiv, während „Zigeuner" der Oberbegriff für alle – überwiegend negativen – falschen Merkmale der Roma ist.

Der zitierte Satz täuscht jedoch eine begriffliche Klarheit vor, die so nicht existiert; mit ebenso großer Berechtigung könnte er umgedreht werden. Denn abgesehen davon, dass niemand „als jemand" geboren wird, sondern erst in bestimmte gesellschaftliche Positionen hineinsozialisiert wird, ist einerseits kaum zu leugnen, dass Menschen aufgrund ihrer sozioökonomischen oder lokalen („Zigeuner-Siedlung") Herkunft, aber auch wegen ihres Aussehens als Zigeuner definiert und entsprechend behandelt werden, ohne dass sie selbst etwas dazu beitragen können; sie werden also „als Zigeuner" geboren. Andererseits ist „Roma" zwar auch ein selbstgewählter Gruppenbegriff, dies jedoch nur bei einigen „Zigeuner"-Gruppen, während er von anderen strikt zurückgewiesen wird; es handelt sich aber vor allem um einen aus der politischen Sphäre stammenden Begriff, d. h. um eine „erfundene" Sammelbezeichnung für all diejenigen Personen, die – bisher – als „Zigeuner" bezeichnet und beschimpft werden. Nicht zuletzt ist der vom Autor eingeführte Ausdruck „Romvölker", der die kulturell und sozioökonomisch hochgradig unterschiedlichen „Zigeuner"-Gruppen erfassen soll, das, was er ist: ein Neologismus, eine „Erfindung".

Doch wozu taugt, wozu kann der „Roma"-Begriff gut sein? Die wichtigsten Funktionen sind wohl folgende:
– Zunächst ist er dem weit verbreiteten Phänomen der Wortmagie zuzurechnen, d. h. dem Versuch, durch ein (neues) Wort auch die Situation, auf die sich eine bestehende Bezeichnung bezieht, zu verändern. Zum einen kann das Ziel vorliegen, eine negativ konnotierte Bezeichnung (hier: „Zigeuner") durch einen neutralen Begriff („Roma") zu ersetzen, um eine sachlichere Betrachtung zu ermöglichen. Zum anderen kann es sich auch um die Absicht handeln, den negativen Begriff durch eine positiv konnotierte Bezeichnung zu ersetzen und damit eine (behauptete) Differenz auf Gruppenebene wohlwollend zu akzeptieren. Letztere Begriffsverwendung ist etwa für die Diskursverschiebung in EU-Papieren und -Programmen charakteristisch2; während früher von „Zigeunern" die Rede war, die als (potentielle) Migranten in erster Linie als Gefahr wahrgenommen wurden, geht es heute um „Roma", die als kulturell eigenständige Opfer-Gruppe, bedroht von Armut, Diskriminierung und Rassismus, thematisiert werden. Dass im vorliegenden Buch zumindest erstere Variante vorliegt, verdeutlicht der anfänglich zitierte Hinweis auf die Bootsflüchtlinge, die von den negativen Konnotationen des „Zigeuner"-Begriffs betroffen sein könnten.

So politisch-moralisch verständlich dieses Umbenennungsverfahren ist, so wenig ist es inhaltlich zu rechtfertigen, und dies aus zwei Gründen: Zum einen ist kaum zu übersehen, dass jegliche Behauptung, eine Großgruppe verfüge über einheitliche kulturelle Merkmale, nicht nur dann unsinnig ist, wenn es um die Zuschreibung diffamierender Wertungen geht, sondern auch beim Aufbau eines möglichst positiven Bildes; es bleibt ein Stereotyp, das innerhalb einer bestimmten gesellschaftlichen Situation seine Funktion haben mag, aber nichts über diese Gruppe aussagt, also wissenschaftlich unproduktiv ist.

Zum anderen zeigen soziolinguistische Untersuchungen, dass neu eingeführte positive Bezeichnungen, die bestehende, negativ konnotierte Ausdrücke ersetzen sollen, rasch deren Bedeutung annehmen, so dass neue positive Begriffe erfunden werden müssen (sog. Euphemismus-Tretmühle)3. Ein positiver Effekt eines Begriffswechsels auf die tatsächliche soziale Lage der Betroffenen konnte hingegen nicht festgestellt, ja nicht einmal plausibel gemacht werden.

– Eine zweite wichtige Funktion ist sicherlich die Distinktion: Wer von „Zigeunern" spricht, outet sich offenbar unmissverständlich als jemand, der diese „Erfindung" für real hält, während der Nutzer des „Roma"-Begriffs zeigt, dass er mindestens eine vorurteilsfreie, neutrale Position einnimmt. Es ist selbstverständlich nicht zu leugnen, dass die aktuelle Abhängigkeit wissenschaftlicher Tätigkeit von Drittmitteln dazu führt, dass eine forschungsleitende Begriffswahl sich zunehmend an politischen Konjunkturen und begrifflichen Moden orientiert; dies ist jedoch ein außerwissenschaftlicher Faktor und ersetzt nicht die wissenschaftliche Begründung einer Begriffswahl. Aus dieser Sicht ist „Roma" grundsätzlich kein „besserer" Begriff als „Zigeuner" (umgekehrt gilt dasselbe).

– Als drittes ist die Funktion der Gruppenbildung zu nennen. Soll eine ethnische Gruppe organisiert werden, liegt es nahe, eine Selbstbezeichnung zu wählen, die von den potentiellen Mitgliedern nicht als diskriminatorisch aufgefasst wird. Neben der Namensfindung bedarf es aber noch weiterer Formen der Selbstbeschreibung; hierzu ist insbesondere die Formulierung einer historischen Kontinuität, sei es in Form einer heroischen Vergangenheit, sei es als Leidensgeschichte zu nennen. Beides dient der Schaffung der Imagination von Gemeinschaft. Es ist unklar, ob es dem Autor bewusst ist, die Konzeption und Durchführung der Studie trägt jedoch über die literaturwissenschaftliche Analyse hinaus alle Züge einer solchen „Nationalgeschichtsschreibung" – eines Narrativs, innerhalb dessen umstandslos etwa vom „Denken und Fühlen" von Völkern fabuliert werden kann (S. 13). Nicht zuletzt steht auch der Neologismus der „Romvölker" in der herderschen Tradition der Konstruktion von „Völkern", und die vom Autor geschilderten, als Ausdruck von Identitätsfindung und Geschichtsdeutung interpretierten Versuche von Roma-Organisationen, auf Forschungen zur jüngeren Geschichte der Zigeuner/Roma Einfluss zu nehmen (S. 442 ff.), weisen ebenfalls deutlich auf die aktuell stattfindenden Kämpfe um die Formierung einer „Roma"-Ethnie, wenn nicht gar eines entsprechenden „Volkes" hin.

Insgesamt zeigt das vorliegende Buch wie die meisten heutigen Forschungen zum „Roma"-Thema, wie eng eine scheinbar ausschließlich fachwissenschaftlich ausgerichtete Forschung mit politischen Bestrebungen – unabhängig davon, ob man sie gutheißt oder ablehnt – verbunden ist. Sich dessen in der wissenschaftlichen Praxis bewusst zu sein und selbstkritisch zu reflektieren, sollte daher unerlässliches Element der Beschäftigung (nicht nur) mit diesem Thema sein. Weitaus weniger wichtig dürfte es sein, der Erfindung der „Zigeuner" eine ebensolche der „Roma" gegenüberzustellen.


Anmerkungen
1    ein „Volk", das vom ungarischen Meinungsforschungsinstitut TÁRKI 2006 erfunden wurde, um Fremdenfeindlichkeit zu messen
2    Vgl. Simhandl, Katrin (2007): Der Diskurs der EU-Institutionen über die Kategorien "Zigeuner" und "Roma". Die Erschließung eines politischen Raumes über die Konzepte von "Antidiskriminierung" und "sozialem Entschluss". Baden-Baden 2007 (Demokratie, Sicherheit, Frieden 183).
3    Vgl. Pinker, Steven: Das unbeschriebene Blatt. Die moderne Leugnung der menschlichen Natur. Berlin 2003; S. 298-300


Zitierweise:
Wolfgang Aschauer 2012: Sinn und Unsinn ethnischer Kategorisierungen In:
http://www.raumnachrichten.de/rezensionen/1537-wolfgang-aschauer-ethnische-kategorisierungen


Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. Wolfgang Aschauer
An der Reitbahn 15b
24937 Flensburg

Tel. 0461 55613

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