Carolin Schurr: Fredrich: GeschlechtergeografieSicherheit produziert Unsicherheit

Rezensionsaufsatz:
Bettina Fredrich: verorten – verkörpern – verunsichern: Eine Geschlechtergeografie der Schweizer Sicherheits- und Friedenspolitik. Bielefeld 2012. 302 S.

Die Leserinnen und Leser in der Gewissheit, dass Sicherheit etwas Gutes ist, zu ver-unsichern, ist zentrales Anliegen dieses Buches. Dies unternimmt die Autorin, indem sie anhand der Schweizer Sicherheits- und Friedenspolitik folgenden Fragen nachgeht: Was heißt eigentlich Sicherheit? Wer produziert Sicherheit für wen und mit welchen Mitteln? Ist Sicherheit aus feministischer Perspektive vielleicht gar kein erstrebenswertes Ziel?

Auf der Suche nach Antworten zu diesen Fragen nimmt Fredrich die Leserinnen und Leser mit auf eine Reise durch die Schweizer Sicherheits- und Friedenspolitik. Fredrich führt in ihre Auseinandersetzung mit dem Schweizer Sicherheitsdiskurs anhand von aktuellen Beispielen der schweizerischen Politik wie die Minarett- oder ‚Schutz vor Waffengewalt'-Initiative ein. Ziel des Buches ist es, die Verfasstheit von Sicherheit, Raum und Geschlecht in der Schweizer Sicherheits- und Friedenspolitik sichtbar zu machen. In theoretischer Hinsicht erarbeitet Fredrich eine geschlechtergeografische Perspektive auf Sicherheit, indem sie Diskussionsstränge der Geschlechtergeografie, der (Feministischen) Internationalen Beziehungen sowie der Politischen Geografie zusammenführt. Die Frage, wie Raum und Geschlecht in der Schweizer Sicherheits- und Friedenspolitik geordnet werden, leitet die empirische Analyse. Das Ergebnis dieser Analyse sind verschiedene Diskurse, welche die spezifischen Verfasstheiten von Sicherheit, Raum und Geschlecht aufgreifen. 

Ein geschlechtergeografischer Blick auf Sicherheit
Im ersten Kapitel ‚Raum – Sicherheit – Geschlecht' setzt sich Fredrich in drei Schritten mit diesen drei Kategorien auseinander: In einem ersten Schritt diskutiert die Autorin anhand der Geschichte der Feministischen und Geschlechtergeographie, wie Geographie durch die Forderungen und Arbeiten feministischer GeographInnen vergeschlechtlicht wurde (Gendering Geography). In einem zweiten Schritt (Gendering Security) findet eine Auseinandersetzung mit der Rekonzeptionalisierung des (neo-)realistischen Sicherheitsbegriffes und der Kritik der Feminist Security Studies an einem staatszentrierten Sicherheitskonzept statt. Fredrich diskutiert die Forderung der Feminist Security Studies, die unter anderem darin besteht, Geschlechterzuschreibungen sowohl innerhalb der internationalen Politik als auch innerhalb der Disziplin der Internationalen Beziehungen zu reflektieren und Fragen von Geschlecht im Zusammenhang zwischen Außenpolitik und Verteidigungspolitik auf die Forschungsagenda der Internationalen Beziehungen zu setzen (e.g. Enloe 1989, Young 2003). In einem dritten Schritt entwirft Fredrich eine geschlechtergeografische Perspektive auf Sicherheit. Während Critical Geopolitics die Kongruenz von Sicherheit und Raum – d.h. die Vorstellung, dass Fragen der Sicherheit in ein zu sicherndes nationalstaatliches Innen und ein bedrohendes Aussen gefasst werden können –  kritisieren, fordern Feminist Geopolitics den Einbezug des Alltäglichen in Auseinandersetzungen um Sicherheit. Auf Basis der Feminist Geopolitics (Brown/Staeheli 2003, Dowler/Sharp 2001, Hyndman 2001, 2004) zeigt Fredrich, wie die geographische Auseinandersetzung mit Sicherheit erweitert werden kann, wenn multiple Achsen der Differenz berücksichtigt werden und nicht nur Staatspolitiken untersucht werden, sondern in der Analyse auch die Perspektive der Individuen  miteinbezogen wird. Im Anschluss an ihre Auseinandersetzung mit diesen drei Theorieströmungen stellt Fredrich vier Forderungen, die anschließend zu Leitlinien für ihre empirische Analyse werden:

Erstens, fordert sie einen Fokus auf Praktiken jenseits des sonst üblichen Fokus der Critical Geopolitics auf Diskurse zu legen;
Zweitens, eine Deontologisierung von Sicherheit (in Form nationalstaatlicher Sicherheit), Raum (in Form des Nationalstaats) und Geschlecht (in Form stereotyper und essentialisierender Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit) vorzunehmen;
Drittens, den Körper als Ort diskursiver Auseinandersetzungen zu verstehen und die vielfältigen Machtbeziehungen zwischen geopolitischen Diskursen und geschlechterdifferenzierenden Körpern zu erforschen;
Viertens, Machtverhältnisse skalenübergreifend zu analysieren.

Mit Hilfe dieses konzeptionellen Rahmens verfolgt die Autorin das Ziel stereotype Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit, die in spezifische Sicherheitsdiskurse eingeschrieben sind, zu untersuchen. Des Weiteren betont sie, dass eine Feministische Geopolitik nicht bei der Dekonstruktion hegemonialer geopolitischer Praktiken stehen bleiben darf, sondern sich aktiv an der Konstruktion anderer Sichtweisen von Sicherheit beteiligen sollte. Fredrichs Verdienst liegt in theoretischer Hinsicht einerseits darin, aktuelle Debatten einer Feminist Critical Geopolitics in den deutschen Sprachraum einzuführen und andererseits diese US-zentrierten Debatten um eine empirische Auseinandersetzung mit Fragen der Sicherheit im europäischen Kontext zu erweitern.

Geschlecht und Sicherheit: ‚Friedfertige' Frauen und ‚gewalttätige'  Männer
Nach der Vorstellung der angewandten Methoden und interviewten ExpertInnen, analysiert Fredrich im ersten empirischen Kapitel ‚Geschlecht in der Schweizer Friedens- und Sicherheitspolitik', wie ihre InterviewpartnerInnen über Geschlecht und Sicherheit sprechen. Indem sie FriedensaktivistInnen, PazifistInnen und FeministInnen ebenso zu Wort kommen lässt wie ExpertInnen aus Politik und Militär, bietet Fredrich einen umfassenden Überblick über ganz unterschiedliche Sichtweisen und Meinungen. Der Einbezug von verschiedenen ExpertInnengruppen ermöglicht es außerdem, alternative Sicherheitsverständnisse aus der politischen Praxis der Schweiz zu erschließen und bestehende Kritik am Diskurs der nationalstaatlichen Sicherheit aufzunehmen. Im ersten Teil ihrer Diskursanalyse beschäftigt sich Fredrich mit der Frage, wie Geschlecht innerhalb der Schweizer Friedens- und Sicherheitspolitik diskutiert wird. Sie zeigt, dass Fragen um Geschlecht und Sicherheit häufig auf das Thema Frauen in der Armee reduziert werden. Sie kritisiert, dass die wenigen Frauen, die in der Schweizer Armee (Frauenanteil von 1%) oder bei Friedenseinsätzen (Frauenanteil von 5%) vorzufinden sind, typischen weiblichen Funktionen im administrativen oder medizinischen Bereich nachkommen. Eine solche geschlechtsspezifische Aufgabentrennung verhärtet laut Fredrich stereotype Geschlechterzuschreibungen. Wenn Militärexperten postulieren, dass es ihnen leid täte, Frauen in den Krieg zu schicken, werden Vorstellungen vom Mann als ‚Beschützer' und der Frau als ‚Beschützte', also alltagsweltliche Vorstellungen von vergeschlechtlichter Sicherheit reproduziert. Diese klassischen Zuschreibungen zur Kategorie Frau als friedfertig und schutzbedürftig werden auch in den Diskursen zu bewaffneten Auslandseinsätzen sowie durch internationale Resolutionen verfestigt. Fredrich betont jedoch gleichzeitig die Bedeutung dieser internationalen Resolutionen und insbesondere der UN Resolution 1325, welcher es gelang, Fragen von Geschlecht innerhalb der Sicherheits- und Friedenspolitik überhaupt erst zu verankern. Fredrich zeigt des Weiteren, dass ExpertInnen aus Militär und Zivilgesellschaft gleichermaßen eine weibliche Sicherheit des Alltäglichen einer nationalstaatlichen männlichen Sicherheit gegenüberstellen. Auf Debatten der feministischen politischen Geografie verweisend, diskutiert Fredrich, wie durch solche Diskurse geografische scales hierarchisiert werden, indem die nationalstaatliche Sicherheit von Militärexperten über die alltägliche Sicherheit gestellt wird. In diesen Debatten werde vergessen, dass Frauen genauso an nationalstaatlicher Sicherheit interessiert sind wie Männer ein alltägliches Bedürfnis nach Sicherheit haben. Die Beobachtung, dass Männer überproportional durch die Verwahrung der Armeewaffe zu Hause bedroht sind (95% der mit Schusswaffen begangenen Selbstmorde treffen Männer, vgl. Bundesamt für Statistik 2011), unterstreicht, dass alltägliche Sicherheit und Sicherheit im privaten Raum nicht nur ein Thema für Frauen ist.

Raum und Sicherheit: Weg vom nationalstaatlichen Containerraum hin zur alltäglichen Sicherheit
Im zweiten empirischen Kapitel diskutiert Fredrich die Ordnung des Raumes in der Schweizer Sicherheits- und Friedenspolitik. Die Autorin identifiziert vier Diskursstränge im Hinblick darauf, wie Sicherheit im schweizerischen Diskurs in räumlicher Hinsicht verortet und geordnet wird: Die Rede von der globalen, nicht verortbaren Gefahr (insbesondere des Terrorismus), die Trennung in nationale und private Räume, die ‚Entweder-oder'-Logik in der internationalen Sicherheitspolitik sowie der konstante Versuch das ‚Eigene' vom ‚Fremden' abzugrenzen. Die Autorin argumentiert, dass der territoriale Fokus immer Entscheidungen darüber erfordert, wer, wovor, mit welchen Mitteln gesichert werden soll sowie welche Sicherheitsbedürfnisse privilegiert bzw. marginalisiert werden. Sie plädiert auf Basis der Feminist Geopolitics sowie der ExpertInneninterviews dafür, den Fokus auf territoriale Sicherheit, um alltägliche Sicherheitsbedürfnisse von Frauen und Männern, Ausländern und Inländern zu erweitern. Viele der ExpertInnen liefern interessante Denkanstöße für theoretische Debatten um Sicherheit in der (feministischen) kritischen Geopolitik, indem sie den Raum der Sicherheit als kontextabhängig verstehen, Sicherheit als Ergebnis von sozialen Beziehungen definieren und versuchen, das Konzept der ‚menschlichen Sicherheit' aus einer geschlechterdifferenzierenden Sicht zu erweitern. Dadurch wird Geschlecht zum festen Bestandteil von Sicherheit und die hierarchisierende Gliederung in scales wird aufgehoben. Sicherheit wird dabei zum aktiven Prozess, der neben der Auseinandersetzung mit Differenzen zwischen Geschlechtern auch Diskussionen über das ‚Eigene' und das ‚Fremde' beinhaltet. Fredrich zeigt anhand ihrer empirischen  Analyse, dass alternative Vorstellungen von Sicherheit im Sinne einer Feministischen Geopolitik (Dowler/Sharp 2001, Hyndman 2001, 2004) bedingen, Sicherheit zu verkörpern, zu verorten, zu erden und die Bedeutung von Gefühlen im Kontext von Sicherheit – im Sinne einer Emotional Geopolitics (Pain 2009, 2010) – zu berücksichtigen. In diesem Verständnis fokussiert eine verkörperte Geopolitik, wie Körper in diskursiven Praktiken produziert, ‚benutzt' und repräsentiert werden. Eine verortete Geopolitik bemüht sich darum, ihren Standpunkt (männlich, westlich, akademisch etc.) offen zu legen und zu reflektieren. Eine geerdete Geopolitik konzentriert sich darauf, wie internationale Repräsentationen und Prozesse sich im Alltag der Menschen gestalten. Und eine Emotionale Geopolitik gibt den Gefühlen eine Bedeutung. Sie geht davon aus, dass Gefühle und subjektive Erfahrungen von Ort und Raum im Kontext politischen Widerstands und politischer Aktion eine zentrale Rolle spielen. Dabei geht es Fredrich nicht darum, Sicherheit oder Angst auf der Ebene der Individuen zu trivialisieren, sondern im
Zusammenspiel mit dominanten Diskursen zu analysieren.

Diskurse in der Schweizer Friedens- und Sicherheitspolitik
In einem dritten empirischen Kapitel fasst Fredrich die Diskurse um Sicherheit, Raum und Geschlecht in der Schweizer Sicherheits- und Friedenspolitik zusammen, indem sie zeigt, wie unterschiedliche Diskurse Sicherheit, Raum und Geschlecht auf spezifische Art und Weise miteinander verbinden. Als Ergebnis ihrer Analyse identifiziert die Autorin acht Diskursstränge: Ein Schutzdiskurs, ein Friedensdiskurs, ein Entterritorialisierungsdiskurs, ein Entweder-oder-Diskurs, ein Aufholdiskurs, ein Einheits- und Differenzdiskurs, ein Sowohl-als-auch-Diskurs und ein Empowermentdiskurs. Exemplarisch sollen hier drei Diskurse thematisiert werden:

Fredrich zeigt, dass die  Schweizer Sicherheits- und Friedenspolitik vom Schutzdiskurs dominiert wird. MilitärexpertInnen betonen innerhalb des Schutzdiskurses, dass sie primär Räume schützen. Sei es die kleinräumige Sicherung innen-politischer Großanlässe oder die großräumige Verteidigung Europas; für die meisten MilitärexpertInnen beinhaltet der Auftrag der Schweizer Armee den territorialen Schutz. VertreterInnen von Nichtregierungsorganisationen und RepräsentantInnen der staatlich-zivilen Friedensförderung kritisieren den territorialen Zugang der nationalstaatlichen Sicherheit und betonen, dass diese Sicherheit auch Unsicherheit produziert. Bewaffnete Auslandeinsätze der Schweizer Armee sowie die Tradition der Lagerung der Ordonnanzwaffe zu Hause bilden die Aufhänger in diesen Debatten. Der Schutzdiskurs normalisiert hierarchisierte Geschlechterverhältnisse, indem er Männer als Beschützer zu aktiv Handelnden und Frauen als Beschützte bzw. Opfer zu passiv Schutzsuchenden macht.

Der Friedensdiskurs hängt laut Fredrich eng mit der veränderten Bedrohungslage nach dem Ende des Kalten Krieges und dem aufkommenden Terrorismus zusammen, die zu einer Verschiebung der nationalstaatlichen Sicherheitspolitik weg von territorialer Sicherung der Landesgrenzen hin zu kleinräumigeren und großräumigeren Strategien führt. Der Friedensdiskurs verschiebt die Bedeutung der Institution Militär vom ‚Verteidigungsapparat' zur ‚Friedensstifterin'.

Der Entterritorialisierungsdiskurs distanziert sich von Zugängen, Sicherheit auf Basis räumlicher Entitäten zu erzeugen und stellt Individuen ins Zentrum von Sicherheitsfragen. Dies eröffnet die Möglichkeit, Geschlecht zu thematisieren. Insbesondere das Konzept der ‚menschlichen Sicherheit' reiht sich in diesen Diskurs ein. Der Gewinn auf analytisch-theoretischer Ebene geschlechterdifferenzierende Sicherheit auf der Basis von Individuen zu diskutieren, wird durch das Versäumnis, diese Optik politisch-praktisch umzusetzen, jedoch marginal. Die Tatsache, dass auch hier meist der Schutzgedanke von den ExpertInnen aufgegriffen wird zeigt zudem, dass sich selbst die ‚menschliche Sicherheit' an der Sedimentierung hierarchischer Geschlechterverhältnisse beteiligt. Zudem droht die umfassende Perspektive in einer ‚Versicherheitlichung' der Gesellschaft zu resultieren, wenn zusätzliche Bereiche des Sozialen der militärischen Logik der Sicherheit unterworfen werden.

Nach der Vorstellung aller acht Diskursstränge, ordnet Fredrich diese mit Hilfe einer Graphik  im Hinblick auf das Raum- und Geschlechterverständnis eines jeden Diskurses.

 

Abb. 1: Diskurse in der Schweizer Friedens- und Sicherheitspolitik

  Abbildung 1: Diskurse in der Schweizer Friedens- und Sicherheitspolitik

 Quelle: Fredrich 2012: 251

 

Fredrich differenziert zwischen Diskursen wie dem Friedensdiskurs, die ein territoriales Raumverständnis reproduzieren und solchen, die an ein nicht-territoriales Sicherheitsverständnis anschliessen wie zum Beispiel der Entterritorialisierungsdiskurs.

Des Weiteren unterscheidet sie die Diskurse im Hinblick auf ihr Verständnis von Geschlechterordnungen. Während zum Beispiel der Friedens- oder der Schutzdiskurs stereotype Geschlechtsidentitäten reproduzieren, weicht der Empowermentdiskurs Geschlechterstereotype auf.

Zusammenfassend hält Fredrich fest, dass MilitärexpertInnen eher Diskurse aufgreifen, die an einem territorialen Sicherheitsverständnis anschliessen und die Geschlechterfrage entweder gänzlich ausblenden, also geschlechtsblind argumentieren oder Geschlecht hierarchisierend ordnen, während ExpertInnen der staatlich-zivilen Friedensförderung, der Forschung, international orientierter Organisationen und von Nichtregierungsorganisationen eher geschlechtersensitiv argumentieren und zu nicht-territorialen Sicherheitsverständnissen tendieren.

Für einen schmalen und negativen Sicherheitsbegriff
Abschließend fordert Fredrich, den Begriff der Sicherheit zu re-politisieren und die Verwendung des Begriffs einzugrenzen, d.h. zu hinterfragen, in welchen Zusammenhängen wir von Sicherheit sprechen (zur Kritik am Begriff securitization siehe auch Knudsen 2001, Stritzel 2007). Für Fredrich (2012, 267) heißt dies, „nicht nur einen erweiterten Sicherheitsbegriff wie beispielsweise die ‚menschliche Sicherheit' abzulehnen, sondern auch die nationalstaatliche Sicherheit so schmal wie möglich und nicht als positives Ziel zu definieren". Eine kritische (feministische) Geopolitik ist dabei in zweierlei Hinsicht  gefordert: Einerseits müssen Privilegien und Marginalisierungen im Kontext von Sicherheit sichtbar gemacht werden und andererseits sollten WissenschaftlerInnen auf Basis ihrer Forschung vermehrt alternative Vorstellungen von Frieden und Sicherheit in die öffentliche Debatte einbringen.

Fazit
Das Buch 'verorten – verkörpern – verunsichern: Eine Geschlechtergeografie der Schweizer Sicherheits- und Friedenspolitik' hält, was der Titel verspricht: Zum Einen entwickelt es eine fundierte theoretische Diskussion, die einen guten Überblick über den Stand der Forschung in der Feministischen Internationalen Politik, der Critical Geopolitics und der Feministischen Politischen Geografie und deren Kritik am Sicherheitsbegriff gibt. Fredrich rezipiert die verschiedenen disziplinären Strömungen nicht nur gekonnt, sondern entwickelt eine eigene Forschungsagenda für eine Feministische Politische Geografie der Sicherheit, die auf Praktiken fokussiert, Sicherheit verkörpert, Fragen von scale enthierarchisiert und nach alternativen Sicherheitsverständnissen sucht. Zum Anderen beleuchtet Fredrichs detaillierte empirische Analyse die Schweizer Friedens- und Sicherheitspolitik aus unterschiedlichen Perspektiven und bietet so einen differenzierten Überblick über dominante und counter-hegemoniale Vorstellungen von Sicherheit in den federführenden governmentalen und non-governmentalen Institutionen der Schweiz. Vor diesem Hintergrund wäre es nun interessant die Analyse weiterzuführen und über den Fokus auf Text und Sprache hinauszugehen. Denn obwohl  Fredrich einen stärkeren Fokus auf alltägliche Praktiken fordert, bleibt ihre Analyse auf der Ebene der Sprache – also im Reden von diskursiven Eliten über Sicherheit – verhaftet. Eine weitergehende Umsetzung der feministischen Geopolitik könnte bedeuten, sich mit Hilfe ethnographischer Methoden stärker mit den Praktiken des doing security sowohl von Gretchen Müller als auch des Militärchefs zu beschäftigen. Eine solche ethnographische Perspektive könnte auch interessante Einblicke in alternative Praktiken der Herstellung von Sicherheit oder Frieden geben. Dieses Desiderat soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Fredrich mit ihrem Werk einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung einer feministischen Geopolitik im deutschsprachigen Raum leistet. Das Buch bietet Studierenden und Forschenden aus der (Politischen) Geografie, Internationalen Beziehungen und Geschlechterforschung gleichermaßen eine neue Perspektive auf Fragen von alltäglicher und (inter-)nationaler Sicherheit.


Literatur
Brown, M., Staeheli, L., 2003. 'Are we there yet?' feminist political geographies, in:  Gender, Place and Culture: A Journal of Feminist Geography 10 (3), 247-255.

Bundesamt für Statistik, 2011. Volksinitiative 'Schutz for Waffengewalt' Dossier zur Abstimmung vom 13.2.2011. in: http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/19/03/02/dos/03.html (Zugriff 31.07.2012).

Dowler, L., Sharp, J., 2001. A feminist geopolitics? In: Space and Polity 5 (3), 165 - 176.

Enloe, C., 1989: Bananas, beaches and bases: making feminist sense of international politics. Berkeley: University of California Press.

Hyndman, J., 2001. Towards a feminist geopolitics, in: The Canadian Geographer 45, 210-222.

Hyndman, J., 2004. Mind the gap: bridging feminist and political geography through geopolitics, in: Political Geography 23 (3), 307-322.

Knudsen, O., 2001. Post-Copenhagen Security Studies: Desecuritizing Securitization, in: Security Dialogue 32 (3), 355-368.

Pain, R., 2009. Globalized fear? Towards an emotional geopolitics, in: Progress in Human Geography 33 (4), 466-486.

Pain, R., 2010. The new geopolitics of fear, in: Geography Compass 4 (3), 226-240.

Stritzel, H., 2007. Towards a Theory of Securitization: Copenhagen and Beyond, in: European Journal of International Relations 13 (3), 357-383.

Young, I. M., 2003: The Logic of Masculinist Protection: Reflections on the Current Security State, in: Signs: Journal of Women in Culture and Society 29(1), 1-25.

 

Zitierweise:  
Carolin Schurr 2012: Sicherheit produziert Unsicherheit. In: http://www.raumnachrichten.de/rezensionen/1545-carolin-schurr-sicherheit-produziert-unsicherheit



 
Anschrift der Verfasserin:
Dr. Carolin Schurr
Geographisches Institut
Universität Bern
Hallerstr. 12
CH 3012 Bern
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