Libby Porter u. Kate Shaw (Hg.): Whose Urban Renaissance? An International Comparison of Urban Regeneration Strategies. London u.a. 2009. 296 S.

Weltweit gehört die ›Wiedergewinnung‹ oder ›Aufwertung‹ der Innenstädte zu den Glaubenssätzen gegenwärtiger Stadtpolitik. Jahrzehntelang dem baulichen Verfall preisgegeben, drängen seit den 1980er Jahren vermehrt einkommensstarke Bewohner/innen in die Innenstädte.

Hg. heben hervor, dass die ›Wiederaufwertungs‹-Politiken nicht an sich einen Klassencharakter hätten. »Regeneration« definieren sie als »reinvestment in a place after a period of desinvestment« (2), was erst dann zu »gentrification« führe, »when displacement or exclusion occurs« (3). Angesichts der Dominanz neoliberaler Stadterneuerung scheint diese Unterscheidung eine bloß akademische Spitzfindigkeit zu sein. Denn was immer die Autor/innen der 24 Beiträge ins Bild bringen, stets führte »Regenierung« zu Vertreibung und Ausschluss. Trotzdem kommt es den Hg. darauf an, die marktorientierten ›Renaissance‹-Politiken nicht nur kritisch zu analysieren, sondern auch zu fragen, »›what works‹ in terms of delivering more equitable outcomes« (5f).

Die Beiträge zeigen, wie stark sich die Stadterneuerungspolitiken und ihre Legitimation weltweit ähneln. Überall ist die »Wiedergewinnung« der Innenstädte für die Mittel- und Oberklassen das Ziel. Während die damit verbundene Vertreibung der bisherigen Bewohner/innen im globalen Norden meist ›still‹ als Gentrifi zierung abläuft, ist die »Renaissance« der Innenstädte in Johannesburg oder Istanbul mit massivem Gewalteinsatz verbunden, flankiert durch einen Diskurs vom baulichen, sozialen und moralischen Verfall der betroffenen Stadtteile. Auch die Instrumente der Umstrukturierung ähneln sich, etwa in der Rolle des Staates. So steuert in Istanbul eine zentralstaatliche Behörde, die Mass Housing Administration (MHA), durch Aufkauf, Abriss und Neubebauung ganzer Viertel den Umstrukturierungsprozess. Ein solch rücksichtsloses, gewaltförmiges Vorgehen wird auch für Johannesburg und Riad beschrieben. Meist nimmt der Staat aber eine »more discreet, even silent role« ein (242). Dabei wird deutlich, wie gering die staatliche Steuerungswirkung ist. So führte die Umstrukturierung des Historischen Zentrums von Mexiko-Stadt keineswegs, wie angekündigt, zu preiswerterem Wohnraum bei Erhalt der bestehenden Sozialstruktur. Der Diskurs des sozialen Ausgleichs hat auch hier letztlich rein legitimatorische Funktion. Die ›Marktkräfte‹, das wird in allen Fallstudien deutlich, sind kaum zum Vorteil der meist einkommensschwachen Bewohner/innen der Innenstädte einzusetzen.

Umgekehrt aber kommt neoliberale Stadtumstrukturierung ohne die Einbeziehung der Bewohner/innen nicht aus. Denn die Investoren und die Marketingabteilungen der Stadtverwaltungen wollen ja jenes »spezifi sche, sehr rare, sehr schwer greifbare Produkt« verkaufen, das »die ursprünglichen Bewohner des Viertels und ihre Vorgänger hergestellt haben«: Urbanität (Christoph Spehr, »Die Produktdesigner«, Freitag, 2.9.2010). Der Band liefert hierfür zahlreiche Beispiele: Der teilweise Erhalt der industriellen Bausubstanz in Poblenou, Barcelona, ist Teil einer Ästhetisierungsstrategie, die Authentizität erzeugen soll. In Rom erarbeiten Bewohner/innen zusammen mit den Stadtteilverwaltungen »new forms of public involvement in local decision-making« (131), »generating social dialogue and mediating between citizens’ proposals and institutional policies« (132). Sie tragen so zum Fortbestehen und zur Stärkung eines konsensorientierten Umstrukturierungsmodells bei. Und im brasilianischen Salvador de Bahia erhält die Stadtverwaltung die Sozialstruktur eines Viertels, während die restliche Innenstadt auf die übliche Weise umgestaltet wird. Die ›Authentizität‹ des Viertels ist hier ebenso ein Produkt der Tourismusindustrie wie klimatisierte Hotelzimmer. Und auch die Förderung von (Sub-)Kultur fungiert als Standortfaktor im globalen Städtewettbewerb. Beispielhaft hierfür sind Berlin, wo der Senat »the local (sub)culture as a pivotal marketing instrument« (102) für eine an Großprojekten orientierte Privatisierungspolitik nutzt, und Amsterdam. Dort erkannte die Stadtverwaltung die Subkultur der Hausbesetzer/innen Anfang der 1990er Jahre als Ressource für ihr Aufwertungsmodell. Das daraufhin aufgelegte »breeding places program« stellte die 2005 gewählte rot-grüne Stadtregierung auf den Kopf; »investment in cultural activities« wurde nun zu einem »explicit catalyst for market-led regeneration« (210).

Aber die Beispiele zeigen auch, dass die neoliberalisierte Stadtpolitik anfällig ist für Proteste. So sind die »Laboratorien für städtische Wahlmöglichkeiten« und »Casas della Città« in Rom nicht nur »Ideenquelle«, sondern auch Orte der »connection and coordination between various associations, committees and social networks« (136). Indem sie »kontinuierlich Gegenkulturen reproduzieren« (ebd.), bringen sie neue Proteste und Widerstände hervor, die allerdings »die grundlegenden Prämissen des vorherrschenden Stadterneuerungsmodells « nicht zu erschüttern vermögen (129). Auch am Beispiel Amsterdam zeigt sich die Ambivalenz. Denn anfangs waren die »breeding places« wirkliche Freiräume in einer sich kontinuierlich verteuernden Stadt: sie garantierten eine gemischte Nutzung von Wohnen und Arbeiten, das »self-management principle«, die Organisierung im Kollektiv sowie geringe Mieten und freien Zugang (207). Trotzdem haben sich die so eingehegten Orte für eine neoliberale Aufwertungsagenda anschlussfähig gezeigt.

In Erfolgen lokaler Initiativen vermuten die Autor/innen potenzielle Gegenentwürfe zur herrschenden Politik. Denn erreichte Zugeständnisse öffneten einen »space for further demands« (254). Die Entwicklung Amsterdams und anderer Städte zeige, dass die aktive Einmischung einer territorial konzentrierten Alternativszene »substantial modifi cations to an already exisiting urban regeneration agenda« (256) erreichen könne. Anhand solcher ›Erfolgsgeschichten‹ formulieren die Hg. einige Elemente für einen »radical approach to reinvestment«, der sowohl die »anxious need of governments [...] for jobs, activity and infrastructure improvements«, als auch die Interessen der Bewohner/innen an »humane and equitable results« unter einen Hut bringen soll (257). Es gehe darum, »not [to] resist regeneration in the neighbourhood, but [...] to shape it« (218) – durch die Einflussnahme auf Entscheidungsprozesse mittels Protesten, Verhandlungen, Beteiligung an Wahlen oder selbstorganisierter Wohnprojekte und Baugruppen. Zwei leider nicht ausgeführte Gedanken sind, zum einen, »desinvestment« nicht dem herrschenden Diskurs entsprechend als Defizit, sondern als Orte der Kreativität, radikalen Denkens und politischer Organisierung (257) wahrzunehmen, und zum anderen die Unterscheidung von »reinvestment« in tausch- und in gebrauchswertorientierte Regenerationsmaßnahmen.

Um die Vagheit der Schlussfolgerungen für eine andere Stadterneuerungspolitik zu überwinden, wäre es nötig gewesen, die Machtverhältnisse zwischen den unterschiedlichen  Interessen zu analysieren und die unterschiedlichen Widerstände zu theoretisieren. So bleiben widersprüchliche Aussagen nebeneinander stehen, z.B. wenn der Mangel von Opposition in der Altstadt von Barcelona aus den »levels of socioeconomic and physical  degradation in the district« erklärt wird (185), die Hg. am Ende die »verfallenden« Gebiete aber als Horte alternativer Lebensweisen und des Widerstands beschreiben (257). Oder wenn der angedeutete »radical approach« dem Lokalstaat eine zentrale Rolle zuweist, ihm aber gleichzeitig nur ein geringes Einflusspotenzial attestiert wird. Insgesamt spricht aus den Texten ein Pragmatismus, der Forderungen und Alternativvorschläge, die aus einer »community activity« entstehen, dem »confrontational style« städtischer sozialer Bewegungen vorzieht (166); ein Pragmatismus, der sich damit zufrieden zu geben scheint, »someof the worst excesses of the mainstream policy« abzuwenden (138). Es fehlen Reflexionen, wie partielle Erfolge emanzipatorisch genutzt und zur Utopie verdichtet werden können, ohne die, wie die Hg. Henri Lefèbvre zitieren, »kein Gedanke möglich« sei (6).
Armin Kuhn

Quelle: Das Argument, 52. Jahrgang, 2010, S. 907-909

 

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