Elisa T. Bertuzzo: Fragmented Dhaka. Analysing Everyday Life with Henri Lefebvre’s Theory of Production of Space. Stuttgart (Sozialgeographische Bibliothek 10) 2009. 226 S.

Ohne Zweifel – Dhaka, die Hauptstadt Bangladeschs, ist eine Stadt voller Ambivalenzen, voller Gegensätze und sich einander widersprechender Entwicklungen. Das muss jedem deutlich werden, der sich – ob mit Rikscha, Tuk-Tuk oder einem der überfüllten Busse – in das alltägliche Verkehrschaos auf Entdeckungsfahrt begibt. Elisa Bertuzzo unternimmt den beachtenswerten Versuch, die Gesamtheit dieser vielfältigen und widersprüchlichen Prozesse der Megacity mit Hilfe von Henri Lefebvres Theorie der Produktion des Raums (1991 [1974]) analytisch zu durchdringen.

In ihrem Buch, einer überarbeiteten Fassung ihrer Dissertationsschrift (betreut durch Peter Herrle an der Habitat Unit der Technischen Universität Berlin), setzt sie sich zum Ziel, Dhakas Urbanisierungsprozess aus einer soziokulturellen Perspektive heraus zu verstehen, und zwar explizit unter Beachtung seines immanent fragmentierten, d.h. unvollendeten und heterogenen Charakters (S. 17). Konkret versucht sie das von Lefebvre entwickelte dialektische Dreigespann aus wahrgenommenem (perceived space), erdachtem (conceived space) und gelebtem Raum (lived space) – und ihre Pendants, die räumlich-materielle Praxis, das Denken, und das aktive, poetische und poietische Handeln (Schmid 2005: 111) – auf ihre empirischen Befunde anzuwenden. Sie analysiert, wie städtischer Raum durch die Alltagspraktiken der Menschen produziert wird (sozialer Raum), wie dieser soziale Raum mit der materiellen Umwelt (physischer Raum) korrespondiert und wie er seinen Ausdruck in Form von Repräsentationen (mentaler Raum) findet (S. 34). Ihr theoretisches Grundgerüst legt Bertuzzo in knappen Worten dar. Mit Verweisen auf Hegel, Marx und Nietzsche weist sie in einem einleitenden Abschnitt auf die geistigen Wurzeln des französischen Denkers hin (S. 24-26). Der theoretische Kern der Arbeit, die drei forschungsleitenden Raumbegriffe Lefebvres, nimmt dann gerade mal vier Seiten ein (S. 28-32). Dennoch schafft sie es, ihrem Verständnis über den doch schwierigen und wenig rezipierten Theoretiker nachvollziehbar Ausdruck zu verleihen. Die empirischen Ergebnisse der Arbeit werden – der Untergliederung des Lefebvre’schen Raumbegriffs folgend – in drei Kapiteln dargelegt. Historisch fundiert und mit  architekturwissenschaftlich geschärftem Blick entwirft Bertuzzo im ersten Kapitel einen Überblick über die „gefühlte Stadt“ (S. 68ff), indem sie sechs charakteristische Gebietstypen identifiziert (die Altstadt, traditionelle städtische Gebiete, neu errichtete Stadtviertel, Armutsviertel, Wohngebiete der Oberschicht, und Randgebiete der Stadt). Dieser „städtischen Realität“ stellt sie die „Alltagsrealität“ der Stadtbewohner gegenüber, welche sich in einer ersten Annäherung insbesondere in den Momenten des routinierten Tagesablaufes, des Marktgeschehens und der Mobilität äußern. Im zweiten empirischen Kapitel diskutiert sie dann anhand zahlreicher qualitativer Interviews die  unterschiedlichen Bedeutungen, welche Stadt und Raum für die Bewohner Dhakas haben. Hier werden Unterschiede zwischen Migranten und alteingesessenen Dhakaiyas deutlich. Für erstere stellen der Ursprungsort der Familie auf dem Land und die eigenen Verwandten nach wie vor die Grundlage für die eigene Identitätsfindung dar – ein Muster, das auch noch in der zweiten Migrantengeneration vorherrscht (S. 104f.). Auch zeigt sich, dass Dhaka gerade von Personen niederer Einkommensschichten in erster Linie als Chance auf ein besseres Leben wahrgenommen wird (S. 109ff.), auch wenn die Stadt gleichzeitig häufig als ein Ort der Ausgrenzung, von Ungleichheit und Ungerechtigkeit empfunden wird (S. 112f.). Anhand von zehn mental maps (S. 141-164) wird schließlich gezeigt, dass es gerade die emotionalen und symbolischen Merkmale der Stadt sind, und nicht die architektonischen und stadtplanerischen, welche für die Interpretation und Repräsentation der Stadt ausschlaggebend sind (S. 166). In ihrem letzten empirischen Kapitel stellt Bertuzzo dann anhand von sechs „Rhythmusanaly-sen” anschaulich dar, wie verschiedene soziale Räume durch das Alltagshandeln der Menschen produziert werden. Das Beispiel der Hausangestellten ,China‘, die gemeinsam mit ihrem Mann, ihren drei Söhnen und ihrem Schwager in einer der vielen Armutssiedlungen Dhakas wohnt (S. 170-176), ist hier besonders aufschlussreich. Zusammen mit den fünf anderen Haushaltsmitgliedern bewohnt sie eine Fläche von gerade mal acht Quadratmetern, welche im Verlauf eines Tages auf verschiedene Weise genutzt wird. So wird der kleine Raum mal zur Küche, mal zum Studierzimmer für die Kinder, mal zum Ess- und Schlafzimmer für die Familie und mal zum Wohnzimmer für Gäste. Hierbei wird deutlich, wie Raum genau durch diese einfachen Handlungen auf ganz alltägliche Weise produziert wird. So ist es nicht die Türschwelle, sondern die Haushaltstätigkeit Chinas, welche – episodisch – einen „Raum für Frauen“ schafft, in dem die männlichen Familienangehörigen und Nachbarn nichts zu suchen haben. Durch diese und andere Beispiele wird der fluide Charakter von Raum herausgearbeitet, der sich über den Tag hinweg vielfach verändert und soziale Grenzen, wie die zwischen privatem und öffentlichem Raum, auf dynamische Weise definiert (S. 196). – Insgesamt ist der innovative Charakter der Arbeit Bertuzzos nicht zu bestreiten. Jedoch sind gewisse Einschränkungen in der Umsetzung anzumerken. Das betrifft zum einen die von Bertuzzo gewählte Darstellungsform ihrer Studie, die sie selbst – Bezug nehmend auf Hubert Fichte – als eine Darstellung „in Stücken“ (S. 38) bezeichnet. Die dahinterliegenden Ziele, nämlich die Ungereimtheiten und Löcher des Forschungsprozesses nicht zu verschweigen, sondern sie mit zu tragen und offen zu legen, sind dabei durchaus unterstützenswert. Werden aber Begriffe wie „Poesie“ und „Begehren“, die so wichtig für Lefebvres Praxisbegriff sind, in einem Exkurs (S. 25f) behandelt, wirkt das der Klarheit des Textes deutlich entgegen. Problematisch wird es für den Leser dann, wenn zu einem fragmentarischen Text noch ein zweiter Punkt hinzukommt, nämlich unscharfe Definitionen. So schreibt Bertuzzo im Bezug auf „Urbanisierung“, als dem zentralen Begriff der Arbeit: „[U]rbanisation will be understood as a continuous process and city as essentially in a transitory state, whereby the concrete everyday life practice dominates and directs its development“ (S. 28). Eine solche Definition stellt eine zu starke Verkürzung der Lefebvre’schen Theorie dar. Ihr zentraler Kern, nämlich das Zusammenwirken aus sozialer Praxis und Raum, die sich gegenseitig bedingen, wird dabei völlig verdeckt. Bedauerlich ist schließlich, dass Bertuzzo sich bewusst dagegen entscheidet (S. 215), Begriffsdoppelungen, die bereits im Original selbst angelegt sind, nicht aufzulösen. So kommen denn auch Sätze zustande wie: „The contrasting effects of physical, mental and social space produce social reality (or social space)...“ (S. 204; Hervorhebung MK). Für den Leser wäre es hier sicherlich erfreulicher gewesen, Bertuzzo hätte einen Vorschlag zu einer genaueren Abgrenzung der Termini gewagt. Inhaltlich hätte sicher noch mehr Energie auf eine konsistente Darstellung der strukturellen Faktoren der Raumproduktion in Dhaka verwendet werden können. Nichtsdestotrotz stellt die Anwendung von Lefebvres Theorie auf ein empirisches Beispiel, wie sie von Bertuzzo vorgenommen wurde, ohne Zweifel eine Inspiration und Orientierung für zukünftige Studien dar. So leistet die Autorin einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur aktuellen sozialwissenschaftlichen Debatte um geeignete theoretische Zugänge zu Raum und Stadt und ihre Umsetzung in Form von empirischen Studien. Es bleibt zu hoffen, dass Bertuzzos Beispiel noch weitere Arbeiten folgen.

Lefebvre, H. 1991: The Production of Space. Translated by Donald Nicholson-Smith. Oxford. First published in French as “La production de l’espace”, Paris 1974

Schmid, C. 2005: Stadt, Raum und Gesellschaft. Henri Lefebvre und die Theorie der Produktion des Raumes. Sozialgeographische Bibliothek 1. Stuttgart

Markus Keck

Quelle: Die Erde, 142. Jahrgang, 2011, Heft 3, S. 319-320

 

 

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