Andrea Blumtritt: Die Pluralisierung der Wege des Paares. Geschlechtsspezifische Dimensionen von Modernisierungsprozessen im translokalen Raum der Anden. Berlin 2009. 324 S.

Mit dem Fokus auf Paarbeziehungen geht die Autorin auf spannende Weise geschlechtsspezifischen – weiblichen und männlichen – Lebenswegen unter den Bedingungen der internen Migration in Bolivien nach. Ihre Grundthese lautet, dass es durch die forcierten Prozesse dieser Wanderungsbewegungen zu einer Transformation der Paarbeziehungen kommt; dies finde in der Veränderung von identitären Räumen und indigenen Ämtersystemen seinen emblematischen Ausdruck.

Referenzpunkt zur Vermessung der Veränderungsprozesse ist die Ämterlaufbahn in den ländlichen Aymara-Gemeinden, welche gemein hin als thakhi, Weg, bezeichnet wird, der nur von einem verheiraten Paar gemeinsam begangen werden kann. Diese von Paaren ausgeübten Ämter sind integraler Bestandteil des rotativen politischen und kulturellen Gefüges in den dörfl ichen Gemeinschaften. Während dieser Weg ursprünglich in festen Bahnen verlief, haben sich durch die Migration öffentliche Räume und die Möglichkeiten der Übernahme von Ämtern und Aufgaben – auch außerhalb der Herkunftsgemeinde – vervielfältigt. Um die so entstehenden Transformationen zu erfassen, greift Andrea Blumtritt auf die an der Schnittstelle von Cultural Studies und Sozialanthropologie diskutierten Begriffe von Mobilität, Raum und Kultur zurück, wobei sie diese im Sinne von Prozessen der Transkulturation und Hybridisierung als dynamisch und ständig in Bewegung auffasst. Durch die Migration komme es zu einer Erweiterung von Zuschreibungshorizonten und zur Vervielfältigung von  identitären Strategien, die zu einer selbstrefl exiven Veränderung von herkömmlichen Rollenmustern führten (35). Als problematisch erweist sich die Anwendung des Konzepts der Translokalität. Im theoretischen Teil der Arbeit plädiert Blumtritt für ein relationales Verständnis von Ort und Raum, bei dem Mobilität und Zirkulation im Zentrum stehen. Allerdings setzt sie Translokalität oft allein mit der Stadt-Land-Verbindung gleich, ohne weiter auf die Wechselwirkungen oder die glokalen Beziehungen z.B. zu NGOs einzugehen. Der empirische Teil der Arbeit stellt in narrativen Interviews acht – wie Blumtritt selbst bemerkt (23) – sehr heterogene Lebensläufe von Aymara-Frauen und -Männern der indigenen Großstadt El Alto vor. Diese biografischen Studien geben einen tiefen Einblick in die Vielfalt der Lebensentwürfe, Geschlechterrollen und geschlechtsspezifischen Partizipationsmöglichkeiten. So eindrucksvoll und interessant sie auch im Einzelnen sein mögen, so fehlt hier dennoch eine abschließende Betrachtung, die die  Fragestellung, wie sich Geschlechterrollen, Ämterwesen und translokale identitäre Räume in Migrationsprozessen konstituieren, systematisierte und an die im ersten Teil erarbeiteten theoretischen Konzepte rückbände.
Olaf Kaltmeier

Quelle: Peripherie, 30. Jahrgang, 2010, Heft 120, S. 520-521

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