Ben Derudder: Commodity chains and world citiesBen Derudder, Frank Wittlox (Eds.): Commodity chains and world cities. New York,Weinheim a.o. 2010. p. 208.

Der Band versammelt neun Beiträge, die bereits in der Zeitschrift Global Networks (Heft 1, 2010) erschienen sind. Ihre Gemeinsamkeit besteht im Unterfangen, den Fachdiskurs zum Themenfeld der World- oder Global-City-Forschung (GC) mit dem der globalen Güter- bzw. Wertschöpfungsketten und Produktionsnetzwerke (GPN – global production networks) zusammenzuführen. Es handelt sich aber nicht um einen geplanten und intensiv angelegten Integrationsversuch, sondern eher um eine Zusammenstellung möglicher Schnittstellen, deren Funktionsfähigkeit sich noch beweisen muss.

Die Chancen und Risiken derartiger Vorgehensweisen lassen sich analog der Debatte über merger and acquisition illustrieren: Erwarten könnten wir daher, wenn es optimal läuft, eine problemlose Verschmelzung mit weitreichenden synergetischen Effekten, oder aber zuvor nicht wahrgenommene Unvereinbarkeiten beider Ansätze. Allein in Hinblick auf derartige Möglichkeiten sind die im vorliegenden Band versammelten neun Beiträge interessant. Um einen Eindruck vorweg zu nehmen: Dieser ergebnisoffene Suchprozess mit seinen verschiedenen Verästelungen machen den Reiz der Lektüre aus. Der einleitende Beitrag der Herausgeber weist knapp auf die Zielsetzungen hin. Bereits hier wird das vorläufige Stadium des Integrationsstandes der beidenArbeitsrichtungen sehr klar ausgedrückt. Ausführlicher begründet anschließend einAutorenkollektiv nicht nur die Sinnhaftigkeit des Projekts, sondern zeigt auch Möglichkeiten auf, den Weltsystemansatz als konzeptionelles Integrationswerkzeug zu nutzen. Neben den Herausgebern sind daran Ed Brown, Peter Taylor sowie Wim Pellupessy und Christof Parnreiter beteiligt, die auch die Global and World City-Arbeitsgruppe (GaWC) repräsentieren.

Um den Fortschritt der empirisch orientierten Forschung im Weltsystemansatz zu markieren, ist der individuelle Beitrag von Parnreiter aufschlussreich. Denn er zeigt Wege auf, wie bestehende Schwächen der GC- und GPN-Forschung aufgehoben werden können. Zu den genannten Defiziten zählen unter anderem die Reduzierung der GC-Forschung auf wenige Beispiele im globalen Norden und die Fokussierung der GPN-Forschung auf landwirtschaftliche und industrielle Güter, nicht jedoch auf unternehmensorientierte Dienste (APS – advanced producer services). Bezugnehmend auf das Beispiel Mexiko (vgl. dazu auch den Beitrag Parnreiters in Heft 3 2009 dieser Zeitschrift) und basierend auf Interviews mit Akteuren des Finanz- und Beratungssektors wird die (semiperiphere) Brückenkopffunktion von Mexico City verdeutlicht. Die in dieser Stadt lokalisierten, überwiegend transnational einzustufenden APS-Unternehmen sind wichtige Akteure, die zum einen die Verbindungen mexikanischer Unternehmen mit weltumspannenden Produktionssystemen organisieren und zum anderen das going global einzelner mexikanischer Unternehmen steuern. Weiterhin weist Parnreiter deutlich darauf hin, dass die GC-Forschung im Kontext des Weltsystemansatzes spezifische Aspekte des Globalisierungsprozess klären will, nicht aber als ein genereller Ansatz der Stadtforschung angesehen werden sollte und damit auch nicht alle globalisierungsbedingten Aspekte der Stadtentwicklung erklären will. Dementsprechend treffen viele Kritiken der GC-Forschung auch nicht den Kern (ähnlich auch Saskia Sassen im abschließenden Beitrag).

Jedoch löst dieser Beitrag nur ansatzweise das methodische Problem, das im anschließenden Aufsatz von Ingeborg Vind und Niels Fold angesprochen wird. Auch sie gehen davon aus, dass international agierende APS, die von der GaWC-Gruppe zur Analyse des Systems der Weltstädte herangezogen werden, eine Art organisatorisches Rückgrat der Globalisierung darstellen. Damit ist aber noch wenig über ihren Beitrag zur Formierung einer besonderen städtischen Ökonomie gesagt, die von der Ga- WC-Gruppe mit Bezug auf Jane Jacobs als city-ness bezeichnet wird. Ein Begriff, der die Vorteile der Vielfalt, der komplementären Ergänzung und der Innovation zusammenfassen soll. City-ness entsteht nicht allein aus der räumlichen Konzentration der APS. Weitere Faktoren müssen hinzu treten, die diese Konzentration aktivieren und die nichts mit Elementen des Weltsystemansatzes zu tun haben. Vind und Fold verweisen darüber hinaus auf ein weiteres Defizit gegenwärtiger GC- und GPNForschung. Er besteht ihrer Meinung nach in der mangelhaften Betrachtung des Arbeitsmarktes und derArbeitsmigration für die Strukturierung der Produktionssysteme und für die Ausbildung von Ungleichheiten. Am Beispiel von Ho Chi Minh City (Saigon) zeigen sie die Bedeutung besonders der Wanderarbeiter auf, die für die Landwirtschaft und die industrielle Expansion im Mekong Delta wichtig sind. Insgesamt illustriert der Beitrag sehr schön, wie wechselseitige Anlehnungen an die GC- und GPN-Forschung zu ertragreichen Regionalstudien führen. Allerdings bleibt der angekündigte weiterführende Erklärungswert undeutlich.

Zwei weitere Beiträge nehmen den Komplex Transport, Logistik und Seehäfen auf. Der Beitrag von Markus Hesse ist eher begrifflichen Überlegungen gewidmet. Er diskutiert die Verknüpfungen von Netzwerk- und Transportbeziehungen einerseits sowie territorialen Formen andererseits. Damit nimmt der Beitrag verschiedene geographische Perspektiven jenseits des Weltsystemansatzes auf. Auch der Aufsatz von Wouter Jacobs, Cesar Ducruet und Peter de Langen geht anfangs auf derartige Fragen ein. Besonders wird beklagt, dass die physische Seite der Weltwirtschaft und der Seeverkehr in der bisherigen Forschung viel zu wenig thematisiert wird. Im empirischen Teil korrelieren sie den weltweiten Bestand der maritimen APS mit den Daten und dem Ranking der GaWC. Dieses Vorgehen führt zu einer Typologie, die durch die Pole des „Load Center“ als Transportknoten ohne Global-City-Funktion einerseits und durch den „World City Port“ als Zusammenfallen von Hafen- und anderen globalen Dienstleistungsfunktionen andererseits beschrieben werden kann. Sie weisen darauf hin, dass Konzentrationen maritimer APS auch ohne Hafenfunktion bestehen können (Paris, Madrid, Mexico City). Die Hafenfunktion kann auch aufgegeben sein wie im Fall Londons als die mit Abstand wichtigste „maritime“ Global City. So interessant und klar diese Ergebnisse sind, in Hinblick auf theoretische Verankerung bleiben Fragen offen. So argumentieren sie selbst, dass die Beziehungen zwischen physischen Hafenaktivitäten und maritimen Dienstleistungen unklar sind. Wenn man bedenkt, dass sich in den letzten Jahrzehnten die Hafenfunktionen zunehmend von den ursprünglichen Hafenstädten abgekoppelt haben, dann wäre die These berechtigt, die physische Seite und den Transport von Gütern als nachrangig für die GC-Forschung zu interpretieren. Schwierig ist auch der Beitrag von Stefan Lüth, Alain Thierstein und Viktor Göbel zur Polyzentralität der „Mega-Stadtregion“ München (!) einzuschätzen. Mit Bezug auf regionale, nationale und internationale Verflechtungen der APS und der Hochtechnologieunternehmen zeigen sie auf, dass (a) die  Dienstleistungsunternehmen stärker regional, die Hochtechnologieunternehmen eher international verflochten sind, (b)München das Zentrum für internationale Aktivitäten darstellt und (c) gewisse komplementäre Beziehungen zwischen München und den Sekundärstädten bestehen. Daraus leiten die Autoren unter anderem die Schlussfolgerung ab, dass gerade diese Komplementärbeziehungen die zweifellos bestehenden Wettbewerbsstärken der Stadtregion erzeugen würden. Nach meiner Ansicht ist dies aus der Untersuchung aber nicht abzuleiten. Ansonsten kommen die Ergebnisse dem Befund zur Funktion von Mexico City nahe.

Zwei weitere Beiträge schließen den Band in bemerkenswerter Weise ab. Exponierte Vertreter der GPN- und GC-Forschung legen vor dem Hintergrund der einzelnen Beiträge ihre Sicht der Dinge dar. Obwohl sie dies nicht explizit tun, kann man eine freundliche Absage an ein gemeinsames Projekt aus der Stellungnahme von Neil Coe, Peter Dicken, Martin Hess und Henry Yeung herauslesen. Ein Dialog sei zweifellos nützlich, jedoch warnen sie ausdrücklich vor Verkürzungen und theoretischen Festlegungen. Damit beziehen sie sich zum einen auf denWeltsystemansatz, den sie für nicht mehr tragfähig halten. Besonders die Konstruktion der Zentrum-Peripherie-Begrifflichkeit halten sie angesichts zunehmender Vernetzung und Offenheit für überholt. Wichtig ist für sie, dass diese alte Begrifflichkeit auch als ein Synonym für politische, ökonomische und soziale Ungleichheit gelesen werden kann, die in der GPN-Forschung eher unterbelichtet erscheint. Zum anderen scheint ihnen die Stadtfixierung der GC-Forschung als verkürzt. Durch APS geprägte Global Cities sind zwar bedeutende, aber nicht die einzigen und vielleicht auch nicht immer die wichtigsten geographischen Formen, in denen sich GPN artikulieren. Deshalb sollte das System der Global Cities keine Priorität bekommen.

Saskia Sassen unterstreicht dagegen in ihrem Kommentar nochmals, warum die GC-Forschung als Schlüssel zum Verständnis gegenwärtiger Globalisierungsprozesse angesehen werden kann. Auch wenn sie Zweifel am Erkenntniswert einiger Beiträge ausspricht, bleibt dieser Punkt zentral: Die Komplexitätssteigerung der Wirtschaft, die sich durch die anwachsenden und räumlich entgrenzenden Verflechtungen charakterisieren lassen, erzeugt eine zunehmende Nachfrage nach Organisationswissen. Dieses wird durch APS-Unternehmen bereitgestellt. Ihre Standortkonzentration sei daher der räumliche Ausdruck der Globalisierung. Soweit so gut, allerdings entkräftet sie nicht die Gegenargumente, die beispielsweise darin bestehen, dass Organisationswissen auch in anderen Formen außerhalb der Global Cities entwickelt und umgesetzt wird. Beide abschließenden Kommentare leisten eine Einordnung der übrigen Beiträge, aber viel Neues erfährt man nicht. Vielleicht wäre es besser gewesen, sie am Anfang zu platzieren, dann hätten sich die übrigen Verfasser einiges ersparen, anderes vertiefen und konkretisieren können. Unabhängig von derartigen Punkten lohnt sich die Lektüre aber zweifellos. Es ist schon spannend: Da wird ein vermeintlich gut erreichbares und leicht verständliches Ziel anvisiert, jedoch ist der Weg dorthin sperrig und über die Wegweiser wird kontrovers diskutiert. Meine Prognose lautet daher: In absehbarer Zeit wird es keinen Hybrid aus GC- und GPN-Forschung geben, jedenfalls nicht auf der in diesem Band vorgelegten Basis. Vielleicht würde man dem Ziel näher kommen, wenn dienstleistungsorientierte Produktionsnetzwerke zum Beispiel der Finanz-und Immobilienwirtschaft zum Gegenstand gemacht werden oder wenn der Wissensbestand der APS-Forschung systematisch
einbezogen würde. Aber vielleicht reicht auch einfach die Einsicht, dass gerade in der Wissenschaft der Weg das Ziel ist.
Jürgen Oßenbrügge

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 55 (2011) Heft 3, S. 188-190

 

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