Andrej Grubacic: Don´t Mourn, Balkanize! Essays after Yugoslavia. Oakland 2010. 269 S.

Verf. ist Historiker, Soziologe und Globalisierungskritiker aus Belgrad. Vorliegendes Buch ist eine Essaysammlung, die er zwischen 2002 und 2010 für Znet und Z Magazine geschrieben hat. Im Vorwort bekennt er, seine Großeltern seien Partisanen und Sozialisten gewesen. Der Zerfall Jugoslawiens habe ihn jedoch am marxistisch-leninistischen Weg zum Sozialismus zweifeln lassen, weshalb er bald Anarchist geworden sei (12).

 

Verf. versteht sich nach wie vor als Jugoslawe. Jugoslawien sei für ihn immer die Idee und das Projekt interethnischer Koexistenz gewesen (11). Mit dem Balkan verbindet er eine Geschichte antiautoritärer, antistaatlicher Rebellionen - vertreten durch Kämpfer wie Hajduken, Uskoken und Kleften. An diese Geschichte will er anknüpfen und formuliert die Vision einer Balkanföderation zwischen selbstverwalteten Regionen jenseits von Staat und Nation (256ff). Diese "Balkanisierung von unten" (263) stellt er der "Balkanisierung von oben" entgegen. Darunter versteht er das Großmächteprojekt zur Unterwerfung einer rebellischen Region, die seit dem Berliner Kongress von 1878 als Ansammlung von Wilden dargestellt worden sei, die von außen zu zivilisieren seien (260). In der Kritik der "Balkanisierung von oben", zu der auch der NATO-Krieg zu zählen sei, ist Verf. bemüht, die Alternative zwischen nationalistischer und ›proeuropäischer‹ Orientierung zu vermeiden. Dagegen weist er auf die Kontinuitäten zwischen dem ›Nationalisten‹ Miloševic und dem ›Proeuropäer‹ Ðindic hin. So pflegte Ðindic beste Beziehungen zu Kriminellen und Oligarchen, die schon unter Miloševic reich geworden waren. Das Konzept der "Balkanisierung von unten" entwickelt Verf. mit starken Bezügen auf Michael Albert, den Znet-Herausgeber, der mit "Parecon" (Participatory Economics) ein Modell einer nachkapitalistischen Wirtschaft entwickelt hat. Albert unterscheidet drei Klassen - neben Kapitalisten und Arbeiterklasse identifiziert er die "Koordinatorenklasse", die zwar nicht über Eigentum an Produktionsmitteln verfügt, aber Verfügungsgewalt über den Arbeitsprozess hat. Verf. gelangt zu dem Urteil, dass im jugoslawischen Modell der Arbeiterselbstverwaltung diese Klasse nicht entmachtet worden und die Forderung nach Selbstverwaltung von daher nach wie vor aktuell sei: "In Jugoslawien gab es zwar kein Privateigentum am Produktivvermögen, stattdessen aber ein Marktsystem, dass die Wirtschaftsoptionen dramatisch einschränkte und eine betriebsinterne Arbeitsteilung, die eine herrschende Koordinatorenklasse in Bezug auf Macht und Einkommen über die Arbeiter stellte." (172)

Weitere Essays behandeln die Kosovo-Unabhängigkeit und die gegenwärtigen Anti-Privatisierungsproteste in Serbien. Verf. richtet damit im Gegensatz zum herrschenden Diskurs die soziale Frage in den Mittelpunkt. Das tut er mit Recht, denn z.B. standen in den 1980er Jahren soziale und nicht ethnische Konflikte im Vordergrund. Dass er auf die Überwindung des Nationalstaats abzielt ist konsequent, denn tatsächlich gibt es auf dem Balkan sozial emanzipatorische Traditionen, die sich jeglicher staatlichen Logik entziehen. So haben noch in den Kämpfen der 1980er Jahre sog. ›Arbeiterbauern‹ eine große Rolle gespielt, d.h. Industriearbeiter, die gleichzeitig einen Subsistenzbauernhof bewirtschafteten, auf den sie sich zurückziehen konnten, was die Bereitschaft zur Gegenwehr gegen die Ausbeutung in der Stadt erhöhte. Problematisch ist allerdings, dass Verf. dies mit einer pauschalen Ablehnung des Marxismus verbindet, da keineswegs alle marxistischen Strömungen einen zentralistischen Nationalstaat anstreben. Damit unterschlägt er die sich auf die marxsche Kommune-Schrift stützende, rätedemokratische Tradition. Dem anarchistisch-marxistischen Dialog und der Frage, wie der Staat so transformiert werden könnte, dass sein Absterben eingeleitet wird, stellt sich Verf. nicht.

Bei der "Balkanisierung von oben" schließlich legt Verf. zu großes Gewicht auf die angeblich planmäßige Zersplitterung durch die Großmächte und einen übermächtigen Imperialismus. Zumindest auf den Zerfall Tito-Jugoslawiens trifft dies nicht zu, denn bis zum Sommer 1991 war die herrschende Linie, Jugoslawien zu erhalten. Vielmehr geriet das jugoslawische Entwicklungsmodell an seine inneren Grenzen, als in Folge des Volcker-Schocks weltweit das Zinsniveau angehoben wurde, das Land seine Schulden nicht mehr bedienen und keinen Ausgleich zwischen wohlhabenden und ärmeren Regionen mehr herstellen konnte. Die Stärkung der Ethnonationalismen war deshalb eher ein unbeabsichtigtes Nebenprodukt kapitalistischer Weltmarktstrukturen als etwas gezielt von außen Gefördertes.
Heiko Bolldorf (Marburg)

Quelle: Das Argument, 53. Jahrgang, 2011, S. 146-147

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