Peter A. Berger u. Anja Weiß (Hg.): Transnationalisierung sozialer Ungleichheit. Wiesbaden 2008. 315 S.

Der Band untersucht Auswirkungen der Globalisierung auf die Sozialstruktur. Aus einer Tagung hervorgegangen, sind die zwölf Beiträge um die Themen "Transnationale Perspektiven ", "Migration" und "Entgrenzung der Sozialstruktur?" gruppiert. Sie markieren den Anfang eines neuen wissenschaftlichen Forschungsfeldes und diskutieren grundlegende Konzepte und Horizonte, legen empirische Befunde vor und beleuchten Methodenprobleme. Die Tatsache, dass "Transnationale Vergesellschaftung" als Leitmotiv für den jüngsten Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie gewählt wurde, unterstreicht das inzwischen hohe Interesse an der Thematik.

 

Prozesse der wirtschaftlichen und sozialen Globalisierung, nicht zuletzt auch die politische Integration Europas, implizieren eine Entgrenzung nationaler Räume und deren gleichzeitige Restrukturierung. Die überkommene Kongruenz von objektiven Ungleichheitsstrukturen und subjektiven Identitäten gerät in eine Krise. Ähnliches gilt für die Sozialwissenschaften, wird doch ihr Konzept von Gesellschaft in Frage gestellt, insofern sie darunter den modernen Nationalstaat verstehen. Die Gleichsetzung von Gesellschaft und Nationalstaat spiegelt sich auch auf der Ebene von Verwaltung, Politik und Recht sowie der Datenerfassung. Selbst international vergleichende Untersuchungen bleiben diesem "methodologischen Nationalismus" (9f) verhaftet, insofern sie nationale Strukturen als primäre Untersuchungseinheiten gegenüberstellen. Demgegenüber plädiert Ulrich Beck für einen methodologisch reflektierten "kosmopolitischen Blick", der sich auf den "transnationalen" Raum relativ dauerhafter und dichter Beziehungen von sozialen Praktiken, Symbolsystemen und Artefakten richtet (7). Deren Spezifik arbeitet Ludger Pries in einer vergleichenden Systematik heraus. Anders als im Weltsystemansatz bilden danach nicht Klassen und Lebensstile, sondern Individuen, Haushalte und Organisationen die primären Aussageeinheiten und Lebensläufe, Identitäten und Familiennetzwerke die empirischoperativen Einheiten der Untersuchung. Im Gegensatz zur klassischen Arbeitsmigration seien die modernen transnationalen Wanderungsbewegungen durch eine Art "Plurilokalität" (32, 57) und ihre Herkunft aus den Mittelschichten charakterisiert. Migranten seien gleichzeitig Teil verschiedener sozialer Räume, von Strukturen sozialer Ungleichheit, Verteilungs- und Chancengerechtigkeit, von Fremd- und Selbstverortungsmustern. These der Hg. ist, dass durch Migration eigenständige, sozial integrative, eben ganz neue, transnationale Sozialräume entstehen.

Die meisten Beiträge beziehen sich auf den europäischen Einigungsprozess. Insofern handelt es sich quasi um eine "Begleitforschung", die diagnostische und prognostische Elemente beinhaltet, analytische sowie sozial-politische Fragen tangiert. Im Zuge der Osterweiterung sind Länder mit gravierenden Unterschieden in Sozialstruktur, politischer Kultur und vor allem Lebensstandard in die EU aufgenommen worden. Die Auswirkungen auf Migration und Integrationsprozesse beleuchtet die von Anton Sterbling anhand südosteuropäischer Länder aufgestellte Typologie von Lebenschancen, Sozialbeziehungen und Bewusstseinslagen. Zwar werden zwischenstaatliche Grenzen überschritten, doch stellt seit Maastricht die EU einen integralen Sozial- und Niederlassungsraum dar, in dem Ausländer als Inländer gelten. Welche Probleme sich daraus in der politischen Praxis ergeben können, wurde jüngst bei der Rückführung der Roma aus Bulgarien und Rumänien durch die französische Regierung deutlich. Obwohl sich die EU entlang universalistischer Normen und Werte konstituiert und verspricht, gleiche Lebensverhältnisse für alle ihre Bürger zu schaffen, werden Lebenschancen nicht angeglichen, sondern soziale Ungleichheiten vertieft, wie der Aufsatz von Maurizio Bach darlegt. Dafür sorgen die juristisch-administrativen Regelungen des europäischen Einigungsprozesses, die laut Verf. den Rahmen jeder soziologischen Einzelbetrachtung abgeben sollten. Neben individuellen, schichtspezifischen und nationalen Unterschieden in Ursprungsmotivation, Integrationsbedingungen und -erfolgen verweist der Band auch auf die eher problematischen sozialstrukturellen Auswirkungen der Globalisierung angesichts einer mangelnden Integrationskapazität des Nationalstaates bzw. der EU als zukünftig notwendiges Untersuchungsfeld. Zu nennen sind zum einen die Entstehung intern eng vernetzter "Sondermilieus" (z.B. Lipowaner) unter den Migranten, andererseits geht es um Aspekte der Formierung traditionalistischer und fundamentalistischer Gruppen.

Die Debatte hätte von einer stärkeren Berücksichtigung der Verhältnisse in anderen EU-Ländern wie England und Frankreich mit ihren traditionell starken Minderheiten aus Südasien und Nordafrika profitieren können. Neben vergleichenden Aspekten zur sozialen und politischen (Des-)Integration wären Einsichten in den transnationalen politischen Aktivismus und internationale Vernetzungen, die vom Gastland aus aktiv die (ethnonationalistischen) Konflikte des Herkunftslandes zu beeinflussen suchen (so z.B. im Fall der Tamilen), zu gewinnen. Auch die apriorische, methodisch-konzeptuelle Festlegung der meisten Beiträge auf die Meso- bzw. Mikroebene wird man hinterfragen müssen. Leslie Sklair zeichnet dazu die Richtung vor. Er allein argumentiert von einer makrosoziologischen Perspektive aus und verfolgt einen materialistischen Ansatz. Seine These von der Herausbildung einer transnationalen Kapitalistenklasse mitsamt ihren komplementären Fraktionen mag mit einigen der Autoren zu kritisieren sein. Doch wird die von ihnen unterstellte formale Konzeptionalisierung von Globalisierung schon angesichts der aktuellen Krise und ihrer auf dem Rücken der Armen und abhängig Beschäftigten verfolgten Bewältigungsstrategien nicht genügen können. Die EU gilt es zunächst im Kontext der Universalisierung des Kapitals und ihrer Rückwirkungen auf Gesellschaftsstrukturen, angefangen bei der Formierung peripher-kapitalistischer Gesellschaften vor allem in Osteuropa bis hin zu neuen subnationalen Metropolen, im Einzelnen zu bestimmen. Erst auf diesem Hintergrund gewinnt die transnationale Dimension der Logik des Austausches ihre ganze Aussagkraft. - Das Buch steckt das Terrain eines zentralen neuen Forschungsfeldes ab. Grundfragen und Perspektiven zur Mobilität und Interaktion in den "Zwischenräumen" jenseits und diesseits nationaler Rahmungen werden thematisiert, Krisen und Neubildung von Identitäten, Aufstiegschancen und neue Ungleichheitsstrukturen ausgelotet.
John P. Neelsen (Tübingen)

Quelle: Das Argument, 53. Jahrgang, 2011, S. 135-137

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