Sönke Wortmann: Deutschland. Ein Sommermärchen. Little Shark Entertainment in Kooperation mit der WDR Mediagroup 2006.

Ausgestattet mit Handkameras haben Sönke Wortmann und sein Team die deutsche Nationalmannschaft während der Fußballweltmeisterschaft 2006 vom Trainingslager auf Sardinien bis zur großen Feier vor dem Brandenburger Tor begleitet. Dem Unternehmen "Für Deutschland durch Deutschland" - der Slogan zierte den Mannschaftsbus - gibt Wortmann, in Anspielung auf Heinrich Heine, den Titel Deutschland. Ein Sommermärchen. Doch haben Heines Gedicht, das eine Reise durch Deutschland im Winter 1843 zum Gegenstand hat, und Wortmanns Inszenierung der Ereignisse keinerlei inhaltliche Berührungspunkte, im Gegenteil.

Der ins Exil gezwungene Heine kritisiert im Vorwort die "Pharisäer der Nationalität", die die "Hochachtung der Zensur genießen", vom Standpunkt eines Patriotismus, der sich mit Freiheit und Gleichheit verbindet. Wie die begeisterten Massen, die Wortmann ins Bild bringt, zur schwarz-rot-goldenen Fahne greifen, so auch Heine, doch ist sie in seiner Hand eine "Standarte des freien Menschentums", der jede "knechtische Spielerei" fremd ist. Während Heines Rede vom "Wintermärchen", das er in Deutschland erlebt hat, ironisch zu verstehen ist und damit eine kritische Distanz zum Erlebten markiert, nimmt Wortmann eine Kammerdienerperspektive ein: Das Märchen, das er erzählt, ist ernst gemeint, das Deutschland, das er gefunden hat, kennt keine Parteien und Klassen mehr. Der "friedliche Patriotismus" der jubelnden Fußballgesellschaft kennt nurmehr ein "Wir". In Zeiten, in denen die deutsche Regierung vermehrt globale Machtansprüche stellt, zunächst unter rot-grüner Ägide, dann fortgesetzt von der Großen Koalition, verhält sich der friedliche, kosmopolitisch sich gebende Patriotismus - "Die Welt zu Gast bei Freunden" lautete das offizielle Motto - komplementär zu den außenpolitischen Ambitionen. Hinzu kommen die Erfordernisse des "nationalen Wettbewerbsstaates" (Joachim Hirsch), der die Widersprüche zwischen arm und reich, nicht-deutsch und deutsch verschärft. Die Inszenierung des nationalen "Wir" organisiert das Absehen von diesen Widersprüchen.

Wortmanns Sommermärchen basiert auf dem Zusammenschluss einer Nation mit ihren Spielern, der nicht nur ›ideell‹ vollzogen, sondern ›performiert‹, d.h., als in tätiger Handlung sich materialisierend ins Bild gebracht wird. Immer wieder werden Szenen gezeigt, in denen die Fans der Mannschaft zujubeln - von den Rängen aus, vor dem Hotel der Nationalelf oder aber am Straßenrand, wenn der Mannschaftsbus an ihnen vorbeifährt. Neben dem Hartz-IVEmpfänger jubelt der Manager, der dank seines konsequenten Rationalisierungskonzeptes ansehnliche Boni und Gehaltszulagen einstreichen konnte; die Mieterin applaudiert neben dem Vermieter, der gerade ihre Wohnkosten erhöht hat. Und das Einkommen der meisten Fans steht in einem drastischen Widerspruch zu den Einkünften der Profifußballer. Im Sommermärchen sind derartige Widersprüche weggearbeitet; das "Wir" dominiert und wird mit der Abschlussfeier vor dem Brandenburger Tor als Höhepunkt in Szene gesetzt. Selbst die Repräsentanten der repressiven Apparate, Polizisten und Soldaten, die für die ›Sicherheit‹ sorgen, winken dem vorbeifahrenden Bus begeistert zu. Die Staatsgewalt gibt sich entspannt. Was nicht integrierbar ist, bleibt ausgeblendet, etwa die Ausschreitungen von Hooligans am Rande des Spiels Deutschland gegen Polen. Der Kampf um den Arbeitsplatz ist in dem von Wortmann ins Bild gesetzten friedlichen Patriotismus annulliert.

Die allgegenwärtige Konkurrenz wird im Sommermärchen durchweg schöngefärbt: Der harte Kampf im Training für eine Nominierung, die bittere Enttäuschung, wenn sie ausbleibt, die Katastrophe, die solche Misserfolge nach sich ziehen können - der Alltag von Profifußballern ist weitgehend ausgeblendet: Bei heiterer musikalischer Untermalung sprinten Spieler um die Wette, feilen in Zweierübungen an ihrem technischen Geschick und albern im Fitnessraum miteinander herum.

Der Widerspruch, dass die Fußballer beim Spiel kooperieren müssen und danach auf dem Trainingsplatz wieder Kontrahenten sind, findet im Film am Beispiel des Duells zwischen Lehmann und Kahn (29:00 - 30:22), deren wechselseitige Abneigung notorisch ist, letztlich eine harmonische Auflösung: Das Interview zeigt die beiden leger und in gebührlicher Distanz (halbnahe Einstellung) auf ihren Hotelbetten sich gegenübersitzend, "zwei Menschen, wo der eine immer unumschränkt denkt, er ist der Beste" (Kahn, 13:14). Der selbstherrliche Ton weicht jedoch, wenn sie berichten, wie sie die Entscheidung des Bundestrainers aufgenommen haben. Lehmann fühlt sich geehrt; Kahns "große Enttäuschung " steht ihm - eine der wenigen Großaufnahmen - ins Gesicht geschrieben. Doch suggeriert der Film, dass Kahn die Entscheidung nach längerem Ringen respektiert und - fair play! - die ungewohnte, subalterne Rolle schließlich akzeptiert. Ein ›Sieg über sich selbst‹ von einem, dem zeit seiner Karriere ein nahezu krankhafter Ehrgeiz nachgesagt wurde! Entsprechend nutzt Wortmann die Szene, in der Kahn, über Lehmann gebeugt, diesem Glück für das Elfmeterschießen gegen Argentinien wünscht, als einen der Höhepunkte des Films. Die Niederlage ist eines der Gesichter, die das Leben annehmen kann; wahrhaft groß ist, wer sich ins Unvermeidliche fügt.

Im Aufgebot stehen vier Spieler ›nicht-deutscher‹ Herkunft. Im Sommermärchen wie auch in der Presse insgesamt wird der "Migrationshintergrund" einiger Nationalspieler nicht problematisiert. Es wird der Eindruck vermittelt, dass für eine Nominierung - wie auf dem globalen Arbeitsmarkt - allein das Leistungsprinzip ausschlaggebend ist. Durch den weltweiten Zugriff von Unternehmen auf Fachpersonal - Ingenieure, Manager oder Profifußballer - wird indes die Unterscheidung zwischen ›deutsch‹ und ›nicht-deutsch‹ keineswegs aufgelöst. Deutsche mit dem viel beredeten ›Migrationshintergrund‹ müssen sich nicht selten die Frage gefallen lassen, wie es um ihre Loyalität gegenüber der deutschen Nation bestellt ist. Im Sommermärchen taucht die Loyalitätsfrage im Zusammenhang eines Lattenschusses von Lukas Podolski im Spiel gegen Polen auf: "Na, da hat Lukas wohl an seine polnische Oma gedacht", kommentiert ein Reporter. Was hier augenzwinkernd gelassen daherkommt, gewinnt mit dem Integrationsgipfel im Juli 2006 an Brisanz: Integrationspolitik geht einher mit einer Radikalisierung der Einwanderungspolitik. Erwünscht ist, wer ›nützlich‹ ist, d.h., als Arbeitskraft zur Sicherung der Weltmarktstellung deutscher Unternehmen gebraucht wird. - Das Aufgebot für die zurückliegende WM in Südafrika wird immer wieder zum Anlass, um die Kriterien ›gelungener‹ Integration hervorzuheben. War 2006 die Frage des ›Migrationshintergrunds‹ allenfalls marginal, gilt jetzt die ›Multikulturalität‹ als Erfolgsgarantie. Bejubelt werden Akteure, die sich durch hervorragende Leistungen und den Willen zur Integration hervorgetan haben. Der meist gefeierte Spieler, Mesut Özil, stammt aus eben der Bevölkerungsgruppe, die am vehementesten mit dem Vorwurf ökonomischer Wertlosigkeit und politischer Illoyalität konfrontiert wird.

Das Märchen vom klassenlosen nationalen Kollektiv wurde von den Medien insgesamt erzählt. Man wünschte sich mehr Heine und weniger Wortmann.
Esther Almstadt (Bremen) und Matthias Dapprich (Glasgow)

Quelle: Das Argument, 53. Jahrgang, 2011, S. 113-114

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