Ellen Meiksins Wood: Demokratie contra Kapitalismus. Beiträge zur Erneuerung des historischen Materialismus. aus. d. Engl. v. Christoph Jünke u. Ingrid Scherf. Köln 2010. 304 S.

Das 1995 als Democracy against Capitalism veröffentlichte Buch vereint zwischen 1981 und 1995 geschriebene Artikel, die stimmig in neun Kapiteln zusammengefasst werden. Sie reichen thematisch von einer Reflexion über das Verhältnis von Ökonomischem und Politischem im Kapitalismus und Überlegungen zur Klassentheorie über eine tiefergehende Diskussion materialistischer Geschichtstheorie bzw. der Erklärung gesellschaftlichen Wandels bis hin zur Auseinandersetzung mit dem Bedeutungswandel von Demokratie seit der Antike.

 

Einigendes Band ist ein anti-deterministisches und explizit politisches Marxismusverständnis. Verf. will theoretisch sowohl die besondere Systemlogik, die Historizität und damit die Überwindbarkeit der kapitalistischen Produktionsweise (20f) als auch die konstitutive Beschränktheit von Demokratie im Kapitalismus (297ff) erklären. Selbstgestecktes Ziel ist, die "Besonderheit des Kapitalismus als [...] System sozialer Beziehungen und als politisches Terrain zu bestimmen" (20). Verf. möchte historischen Wandel nicht auf ahistorische Gesetze à la ›Die Produktivkräfte sprengen die Produktionsverhältnisse‹ zurückgeführt sehen. Produktionsweisen mit ihren jeweils spezifischen inneren Logiken, Dynamiken, Widersprüchen und Kämpfen müssten verstanden und die Übergänge geschichtlich erklärt werden, ohne durch intellektuelle Taschenspielertricks im Alten die Keime des Neuen nicht nur zu entdecken, sondern daraus auch die Veränderung zu erklären (115-45). Verf. macht dabei aus ihrer politischen Haltung kein Geheimnis. Von der ersten Zeile an ist klar, dass es sich um eine Arbeit in antikapitalistischer Absicht handelt.

Die Antithese zum Kapitalismus aber sei der Sozialismus als Widerstandsbewegung. Verf. setzt sich deshalb kritisch mit Oppositionsbewegungen auseinander, die sich bis Mitte der 1990er entwickelten (21). Für Verf. impliziert das zweierlei. Da das Einigende dieser Bewegungen ihr Streben nach Demokratie sei, müssten die hegemonialen liberalen Demokratiekonzeptionen kritisch diskutiert werden - auch um eine andere, radikalere und im Kapitalismus nicht zu verwirklichende Demokratietradition zu bewahren, die in der deutschen Übersetzung als "Volksmacht" bezeichnet wird (297). Um ihre Bedeutung für eine antikapitalistische Strategie einzuschätzen, befasst sich Verf. außerdem kritisch mit sozialen Bewegungen, die um Identitätspolitik entstehen (241ff).

Insgesamt setzt sich Verf. mit drei intellektuellen Traditionen auseinander. Erstens grenzt sie sich gegen postmarxistische Ansätze ab. Das geschieht scheinbar en passant und polemisch. Postmarxist/innen hätten die Kritik der politischen Ökonomie aufgegeben, den Versuch fallengelassen, Kapitalismus als Totalität zu analysieren, und so die Überwindung des Kapitalismus zu Gunsten eines Nischendaseins aus den Augen verloren (11-14). Leider weist Verf. das an keiner Stelle des Buches nachvollziehbar nach. Vielleicht verzichtet sie darauf aufgrund ihrer ausführlichen Beschäftigung mit dieser Problematik in dem früheren Buch The Retreat from Class. Andererseits ist die Arbeit insgesamt um Themen angeordnet - Determinismus/Geschichtsentwicklung, Demokratie/Klassenpolitik/Soziale Bewegungen -, die in Diskussionen um Post-Marxismus eine Rolle spielen. Die Kritik ist insofern permanent. Trotzdem: Passagen, in denen Verf. Argumente bspw. Ernesto Laclaus oder Chantal Mouffes erörtert, sucht man vergebens.

Zweitens kritisiert Verf. die Identifizierung von Demokratie mit Liberalismus sowie die Vorstellung, erst mit dem und nur im Kapitalismus sei Demokratie möglich. Ausgehend von der Diskussion der antiken Athener Demokratie entwickelt Verf. ein schemenhaftes Konzept von Demokratie verstanden als "Aufhebung von Klassenherrschaft [...] in welcher der demos, das gemeine Volk, die Herrschaft der Reichen herausfordert" (297). Sklaven und Frauen seien ausgeschlossen geblieben. Gleichzeitig seien aber die Kleinbauern als selbständige Produzenten in die aktive Regelung der öffentlichen Belange einbezogen gewesen. Ihr so entwickelter Demokratiebegriff gründet in einem Sozialismusverständnis, in dessen Zentrum die demokratische Selbstverwaltung der Produzenten und die "Reintegration der ›Ökonomie‹ in das politische Leben der Gemeinschaft [steht], und die beginnt mit ihrer Unterordnung unter die demokratische Selbstbestimmung der Produzenten" (286). Der Kapitalismus habe zwar paradoxerweise ein außerordentliches Mehr an "Demokratie" hervorgebracht; gleichzeitig setzte sich aber eine passiv machende repräsentative Form durch und bleibt das Ökonomische aus der demokratischen Verfügung ausgeklammert. Die Demokratie sei, auch wenn die innerhalb repräsentativer Demokratien erkämpften politischen Rechte und Freiheiten nicht geringgeschätzt werden dürften, so entwertet (274).

Drittens greift sie ein technologisch-deterministisches Verständnis historischen Wandels an, das es auch innerhalb des Marxismus gäbe. So kritisiert Verf. Erklärungsmodelle der Entwicklung des Kapitalismus, die diesen bereits in früheren Produktionsweisen angelegt sähen, dessen Durchsetzung somit als normalen Gang der Geschichte verstehen (14). Ein ganzes Kapitel widmet sie dem Nachweis, dass gerade der Vorzeigesoziologe Max Weber so verfuhr (151ff). Zum anderen kritisiert sie marxistische Ansätze, die geschichtliche Entwicklung mechanisch aus dem Verhältnis zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkraftentwicklung erklären (15). Für Verf. hat ein solcher Ansatz politische Implikationen. Denn in ihren Augen tendiert diese Strömung dazu, "das Ziel des Sozialismus in der Perfektionierung der Produktivkräfte zu sehen" (145). Für Verf. ist die westliche Geschichte durch eine zu erklärende, politisch durchgesetzte, zunehmende Trennung der direkten Produzenten von den Produktionsmitteln gekennzeichnet. Das aber lässt sich für Verf. nur aus sozialen und politischen Kämpfen und bewussten Projekten herrschender Gruppen erklären. Sozialismus basiert für Verf. dem entgegen auf der "Wiederaneignung der Produktionsmittel durch den direkten Produzenten. Der [technologisch-deterministische] Ansatz war, [...] anfällig für undemokratische Impulse, weil die forcierte ökonomische Entwicklung auf Kosten der arbeitenden Menschen ging." (145) Hiermit schließt sich der Kreis, Verf. Geschichtsverständnis verbindet sich mit der Verteidigung eines Volksmachtgedankens, dem ein Verständnis von Sozialismus als "zutiefst›freien Assoziation der Produzenten‹" (ebd.) zu Grunde liegt.

Leider erörtert Verf. nicht, wie heutige Formen dieser ›Volksmacht‹ aussehen könnten. An einer Arbeit mit dem Titel Demokratie contra Kapitalismus erstaunt es, dass weder Diskussionen über angeblich notwendige repräsentative Parlamente innerhalb sozialistischer Demokratien (z.B. Nicos Poulantzas), noch konzeptionelle Ansätze von und Erfahrungen mit Wirtschaftssteuerung, Wirtschaftsdemokratie, Arbeiterselbstverwaltung bzw. Arbeiterkontrolle aufgegriffen werden. So bleibt Verf. leider im Ungefähren. Und dennoch: Wenngleich das Original bereits 1995 erschien und die letzten 15 Jahre linker Debatte sich nicht in ihm niederschlagen, bietet Verf. einen anregenden Kontrast zu neueren und stärker postmarxistischen, neogramscianischen oder neo-poulantzianischen Beiträgen der Debatte um den Historischen Materialismus.
Thomas Goes (Kassel)

Quelle: Das Argument, 53. Jahrgang, 2011, S. 90-92

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