Dieter Böhn, Eberhard Rothfuss (Hg): Entwicklungsländer I. Handbuch des Geographie-Unterrichts 8.  Köln 2007. 316 S.
Entwicklungsländer II. Handbuch des Geographie-Unterrichts 8. Köln 2007. 288 S.

Die Herausgeber dieses zweibändigen Handbuches verfolgen ein sehr ambitioniertes Projekt. So ambitioniert, dass der Verlag ein Beiblatt in den ersten Band einlegte (adressiert an "die Bezieher des Gesamtwerkes Handbuch des Geographieunterrichts") mit dem Hinweis, dass die Stofffülle bei diesem Band so gross gewesen sei, dass er in zwei Teilbände aufgeteilt werden musste. (Der Hinweis wird verbunden mit der Bitte um Verständnis). Band 1 dieses Handbuchs beinhaltet einen "allgemeingeographischen Teil", Band 2 den "regionalgeographischen Teil". Umrahmt werden diese beiden Hauptteile mit einem einführenden und einem unterrichtspraktischen Teil.

 

Eigentlich ist ja bereits der Begriff "Entwicklungsländer" erklärungsbedürftig, insbesondere, wenn darunter so unterschiedliche Länder wie Brasilien, Mali und Usbekistan subsumiert werden. Aus diesem Grund werde ich mich in dieser Rezension auf diejenigen Teile des Bandes konzentrieren, die sich mit der Begriffsklärung von "Entwicklung" beschäftigen. Denn hier vereint das Handbuch einige interessante Beiträge und bietet eine Konsolidierung der in der deutschsprachigen geographischen Entwicklungsforschung oft sehr verteilt und bruchstückhaft verfolgten Theoriediskussion, die zwar gelegentlich auf den internationalen Forschungsstand Bezug nimmt, aber dabei ihre ganz eigene Dynamik behalten hat. Manchmal erscheint dies eher als "verspätete" Rezeption (wie man bei der diesjährigen GAE Tagung zu "Postdevelopment" vermuten könnte, einem Thema, das international vor 15 Jahren auf die Agenda kam und mittlerweile eher in den Hintergrund gerückt ist), doch sind daraus auch originelle Beiträge entstanden, die stärker noch als in der Vergangenheit in die internationale Debatte zurückgefüttert werden könnten.

Dass dieses Handbuch nicht einseitig auf die deutschsprachige Theoriediskussion begrenzt bleibt, zeigt sich zum Beispiel im Beitrag von Jörg Gertel, der eine Art Landkarte der disziplinären Theoriediskussion zeichnet und dabei unter dem Stichwort "Konstruktivistische Entwicklungstheorien" die Postkolonialismusdebatte nachzeichnet, aber auch Haraway's Kritik an der Technowissenschaft auf die Problematik von Entwicklungsinterventionen und Agrarforschung überträgt. Solche Anregungen vermisst man in anderen Übersichtsdarstellungen zur geographischen Entwicklungsforschung weitgehend, in der die Diskussion zu postdevelopment und Postkolonialismus, wie er in Anschluss an Said und Escobar international geführt wird, kaum thematisiert wird (z.B. Bohle 2007; Rauch 2008; Scholz 2004). Und dennoch: in der Auseinandersetzung mit postdevelopment in der deutschsprachigen Entwicklungsgeographie fühlt man sich manchmal wie in der Geschichte von Hase und Igel. Selbst einige der Exponenten des postdevelopment, wie Arturo Escobar zum Beispiel, haben in jüngeren Arbeiten ihre Thesen nuanciert, relativiert und vertieft. Auch deshalb wäre eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dieser Debatte in diesem Handbuch, aber auch in der fachwissenschaftlichen Debatte wünschenswert.

Eberhard Rothfuss bietet eine hilfreiche Auslegeordnung von Phasen der deutschsprachigen Entwicklungsgeographie, wie sie zum Beispiel auch Theo Rauch (2008) oder Fred Scholz (2008) skizziert haben. Bei aller ordnenden Überzeugungskraft implizieren solche Phasen oder Paradigmensortierungen jedoch meist eine normative Teleologie in Richtung "modernerer" Ansätze, die damit (unbewusst?) die teleologische Logik vieler Entwicklungstheorien selbst spiegelt. Wichtig scheint mir in diesem Zusammenhang eher, dass die geographische Entwicklungsforschung sich vor dreissig Jahren sehr viel intensiver und selbstbewusster mit Gesellschaftstheorien auseinandergesetzt hat, als dies derzeit der Fall ist. Auch scheint es nach der Jahrtausendwende zu einer Aufsplitterung des Forschungsfeldes gekommen zu sein, was übergreifende Kontroversen, die ja durchaus klärende Wirkung haben können, eher erschwert hat. In diesem Prozess hat die geographische Entwicklungsforschung, so mein Eindruck, innerhalb der deutschen Hochschulgeographie an intellektuellem Einfluss verloren.

Andere Beiträge im Handbuch bieten hilfreiche Einführungen in verschiedene Denkschulen der deutschsprachigen Entwicklungsgeographie. Fred Krüger schreibt über Erklärungsansätze "mittlerer Reichweite", wo die deutschsprachige Entwicklungsgeographie wichtige Beiträge, insbesondere in der Verwundbarkeits- und Risikoforschung, geleistet hat. Dabei zeigt der kurze Beitrag auf, dass eigentlich viel theoretischer Klärungsbedarf besteht, zum Beispiel über die Bedeutung "mittlerer Reichweite", die Konzeptionen von Handlungsfähigkeit (und man mag hinzufügen: Resilienz), insbesondere aber auch des livelihoods-Ansatzes, der zwar weiterhin in vielen empirischen Arbeiten angewendet wird, dessen theoretische Prämissen in der internationalen Diskussion jedoch höchst umstritten sind. Interessant sind auch die sehr originellen und aus der Entwicklungstheorie und -praxis fundierten Anregungen Theo Rauchs für einen Multiebenenansatz zur Erklärung interner und externer Einflüsse auf Entwicklung. Vielleicht könnte in diesen Diskussionen eine Rückbesinnung, ein Wiederlesen grundlegender Beiträge der Bielefelder Schule (Elwert, Evers) eine neue Reflexionsschleife auslösen.

Insbesondere wünschte ich mir auch eine stärkere Berücksichtigung von Ansätzen, die sich mit ethnographies of aid, mit der Erforschung der Praxis der Entwicklungsarbeit beschäftigt, also der Frage, "wie" Entwicklung gemacht wird (vgl. Korf 2004, implizit auch: Dörfler, Graefe und Müller-Mahn 2003). Dieses Forschungsfeld spricht Rothfuss in seinem Aufriss zwar an, doch wird es in den anderen Beiträgen des Handbuches nicht weiterverfolgt. Dabei besteht gerade an der oft ungeklärten Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis, zwischen Entwicklungsforschung und Entwicklungsarbeit ein begrifflicher und konzeptioneller Klärungsbedarf (Lund 2010).

In manchen Teilen etwas störend ist, wenn entwicklungsgeographische Theoriedebatten weitgehend losgelöst von Nachbardisziplinen und anderen "Teilgeographien" geführt werden. Warum wird zum Beispiel bei der Diskussion fragmentierender Entwicklung nicht viel stärker auf die sozialwissenschaftliche Globalisierungsdebatte Bezug genommen (vgl. zum Beispiel den Überblick in Backhaus 2009)? Interessant, für manche aus der Neuen Kulturgeographie geschulte Leser vielleicht etwas anachronistisch anmutend, sind die regionalgeographischen Länderbeispiele. Länderbeispiele können aber, auch wenn sie vielleicht zum räumlichen Containerdenken einladen, zur Exemplifizierung komplexer Beziehungsgefüge nicht nur didaktisch von Wert sein. Sehr gelungen fand ich zum Beispiel die detaillierte und differenzierte Darstellung zur politischen Ökonomie der Dürren in Mali (Schmidt-Wulffen). Und dass area studies nach dem Poststrukturalismus nicht obsolet geworden sind, jedoch anders gedacht werden sollten, haben schon Gibson-Graham (2004) hervorgehoben. (Und folgerichtig ist genau dies das Thema der Tagung Neue Kulturgeographie VIII in Erlangen im Januar 2011).

Man könnte natürlich auch die Themenwahl kritisch beleuchten. Zwar werden verschiedene "Sektoren" und Themenfelder behandelt, von der Bevölkerungsproblematik (Bähr und Dünckmann), der Migration (Lohnert) zu Gesundheitsfragen (Leisch), Urbanisierungsprozessen (Kraas), Bildung (Adick) oder Gender (Hillmann). Warum aber nicht: Naturkatastrophen, Bürgerkriege, postsozialistische Transformation (obwohl diese zumindest im regionalgeographischen Teil durch den Beitrag von Jörg Stadelbauer zu Kirgistan und Usbekistan abgedeckt wird) oder die Verbindung von Terrorismus und Entwicklungsfragen. Und man könnte fragen: macht ein solcherart sektorieller Ansatz noch Sinn, wo diese Themenfelder eng miteinander verknüpft sind?

Es ist heute sicher kein leichtes Unterfangen, ein Handbuch für den Schulunterricht ausgerechnet zur Entwicklungsproblematik zu verfassen. Zu sehr gehen hier theoretische Ansätze, Erklärungsmodelle und auch die empirischen Lebenswelten unterschiedlicher Gesellschaften, die früher unter dem Begriff Entwicklungsländer vereint waren, auseinander. Umso mehr haben die beiden Herausgeber meine Anerkennung, dass sie genau dies unternommen haben. Und vielleicht könnten diejenigen unter uns Hochschulgeographinnen und -geographen, die sich noch mit Entwicklungsgeographie(n) beschäftigen, dies als Ansporn verstehen, wieder mehr theoretische Lebendigkeit in unser Forschungsfeld zu tragen.
Benedikt Korf


Literatur:

Backhaus, N. (2009): Globalisierung. Braunschweig.
Bohle, H.-G. (2007): Geographische Entwicklungsforschung. In: Gebhardt, H.; Glaser, R.; Radtke, U. u. Reuber, P. (Hg.): Geographie. Heidelberg, 797-815.
Dörfler, T.; Graefe, O. u. Müller-Mahn, D. (2003): Habitus und Feld. Anregungen zu einer Neuorientierung der geographischen Entwicklungsforschung auf Grundlage von Bourdieus Theorie der Praxis. In: Geographica Helvetica 58 (1), 11-23.
Gibson-Graham, J. K. (2004): Area studies after post-structuralism. In: Environment and Planning A 36, 405-419.
Korf, B. (2004): Die Ordnung der Entwicklung: Zur Ethnographie der Entwicklungspraxis und ihrer ethischen Implikationen. In: Geographische Zeitschrift 92 (4), 208-226.
Lund, C. (2010): Approaching development: an opionated review. In: Progress in Development Studies 10 (1), 19-34.
Rauch, T. (2008): Geographische Entwicklungsforschung: Zum Umgang mit weltgesellschaftlichen Herausforderungen. In: Kulke, E. u. Popp, H. (Hg.): Umgang mit Risiken: Katastrophen - Destabilisierung - Sicherheit. Bayreuth, Berlin, 203-219.
Scholz, F. (2004): Geographische Entwicklungsforschung. Berlin, Stuttgart.

Quelle: Erdkunde, 64. Jahrgang, 2010, Heft 4

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