Jasmin Schippler: Urbaner Informeller Sektor: Wirtschaftliches Handeln unter Unsicherheit. Stressoren, institutionelle Arrangements und der Beitrag von Sozialkapital am Beispiel der Schreiner in Gaborone, Botswana. Erlangen (Erlanger Geographische Arbeiten 63). 2009. 169 S.

Das Konzept des Sozialkapitals hat in den Sozialwissenschaften in den letzen 15 Jahren beachtlich Karriere gemacht. Es erscheint gewissermaßen als Grenzobjekt zwischen Ökonomik, Politologie, Wirtschaftssoziologie, Anthropologie und (Wirtschafts-)Geographie, das sich von der Mikro- bis zur Makroebene mit dem Einfluss des "Sozialen" auf ökonomische Aktivitäten und Prozesse auseinandersetzt.

Mit dem Konzept wurden so diverse Phänomene wie der Zusammenhang zwischen ethnischer oder sozialer Zugehörigkeit und wirtschaftlichem Erfolg (Beispiel Migrationsnetzwerke), die Bedeutung sozialer Netzwerke für regionale Entwicklungs- und Innovationsprozesse oder der kumulierte Einfluss sozialer Strukturen auf die politische Kultur und wirtschaftliche Entwicklung in nationaler Perspektive erforscht. In jüngerer Zeit wurde das Konzept, allen voran durch die Bestrebungen der Weltbank, auch in der Entwicklungsforschung und -praxis als Erweiterung der untersozialisierten neoklassischen Orthodoxie als ‚missing link' wirtschaftlicher Entwicklung diskutiert und dessen theoretische und praktische Berücksichtigung sollte eine holistischere Perspektive auf die Determinanten wirtschaftlichen Wachstums eröffnen. Genau hier setzt die Arbeit von Jasmin Schippler zur unsicherheitsreduzierenden Bedeutung von Sozialkapital unter Schreinern im informellen Sektor (IS) in Gaborone an. Dabei nähert sich die Autorin diesem Gegenstand unter Rückgriff auf eine um das Sozialkapital-Konzept erweiterte Neue Institutionenökonomik (NIÖ). Gerade Berufsgruppen im IS im Globalen Süden sind vielfältigen Stressoren und Unsicherheitsquellen ausgesetzt, die z.B. aus der mangelnden Durchsetzbarkeit von Verträgen und dem prekären rechtlichen Status der Betriebe resultieren. Behörden dulden zwar den IS in vielen Ländern des Globalen Südens, entwickeln jedoch nur selten institutionelle Arrangements zur Förderung dieses Sektors.

Der Forschungsfokus der Arbeit ist in doppelter Hinsicht willkommen: Zum einen nähert sich die Arbeit dem IS theoriegeleitet einem Gegenstand, der nach einer Konjunktur in den 1980er Jahren trotz seiner ungebrochenen Bedeutung als Beschäftigungsfeld im Globalen Süden weitgehend vom Radar der deutschsprachigen Wirtschaftsgeographie bzw. Entwicklungsforschung verschwunden ist. Zum anderen gibt es relativ wenige Studien, die den IS aus einer NIÖ- bzw. Sozialkapital-Perspektive untersuchen. Aufgrund dieses Beitrags sowie des transdisziplinären Charakters des Sozialkapital-Konzepts dürfte die Arbeit für WirtschaftsgeographInnen und EntwicklungsforscherInnen gleichermaßen interessant sein.

Die Arbeit gliedert sich insgesamt in eine Einleitung und fünf Teile (insgesamt 13 Kapitel), in denen sukzessive der theoretische Hintergrund der Arbeit, Hintergrundinformationen zum IS in Botswana, das methodische Vorgehen und die Empirie expliziert werden. Zunächst stellt die Autorin die These auf, dass "Beziehungen und soziale Netzwerke dazu beitragen können Unsicherheiten und Risiken abzufedern", die sich aus dem "Fehlen formeller Handlungsbeschränkungen im IS" ergeben (S. 13). Spezifiziert meint dies, dass im "Umgang mit restriktiven Unsicherheiten" Sozialkapital, mit dem das "produktive Potenzial von Sozialkontakten assoziiert (wird)", eine bedeutende Rolle spielt. Die Autorin vermutet, dass die Inanspruchnahme derartiger sozialer Ressourcen kostenlos ist und daher eine geeignete Maßnahme darstellt, um handlungswirksame Unsicherheiten zu reduzieren. Dem schließt sich die Hypothese an, dass die behördliche "Duldung informeller Aktivitäten ohne entsprechende rechtliche Verankerung (...) zu wachstums- und entwicklungshemmenden Transaktionskosten (führt)" (S. 14). Das anschließende Theoriekapitel versucht Perspektiven der NIÖ um eine Sozialkapital-Perspektive zu ergänzen. Theoretisch fundiert versucht Schippler hier die produktiven Effekte informeller Institutionen im Entwicklungsprozess hervorzuheben. Damit erweitert die Autorin den Methodologischen Individualismus der NIÖ um die relationale Produktion sozialer Ressourcen. Das Sozialkapital-Konzept wird hier durchaus - auch in terminologischer Hinsicht - kritisch diskutiert. Im folgenden Kapitel wird nochmals verdeutlicht, welche große Bedeutung der IS als Beschäftigungsfeld in Botswana trotz des beachtlichen makroökonomischen Wachstums des (vermeintlichen) afrikanischen Musterlandes hat. Leider werden dabei keine Angaben über die tatsächliche Anzahl der Gesamtbeschäftigten in diesem Sektor gemacht. In einem etwas sehr knapp gehaltenen Methodenkapitel werden neben der üblichen Explikation des methodischen Vorgehens - hier wurde eine qualitatives Forschungsdesign gewählt - erfreulicherweise auch die methodischen Probleme der Erfassung von Sozialkapital diskutiert.

Teil IV kann durch eine reichhaltige Empirie überzeugen. Hervorzuheben ist dabei, dass es sich bei der Untersuchungsgruppe größtenteils um ethnisch (simbabwische Arbeitsmigranten) oder religiös-kulturelle Minderheiten (sog. Mazezuru) handelt, die gruppenspezifisch differente Verwundbarkeitspotenziale aufweisen. Hier wird deutlich mit welchen vielfältigen Unsicherheiten sich die "informellen Schreiner" konfrontiert sehen. Diese ergeben sich aus der prekären Standortsituation der Schreinerbetriebe (bedingt durch Wetterexposition und Standortunsicherheit), Problemen der Material- und Finanzkapitalbeschaffung, dem praktizierten Opportunismus von Stadtbeamten, Grundstücksvermietern und Kunden sowie der "unzureichenden Durchsetzung und Intransparenz der informellen Institutionen der Duldung" (S. 100) durch die Stadtverwaltung. Anschließend kann die Autorin überzeugend darstellen, durch welche sozial eingebetteten ‚coping strategies' die Schreiner versuchen Unsicherheiten abzubauen und Risiken zu minimieren. Gleichzeitig weist Schippler aber auch deutlich auf die Grenzen von Sozialkapital und endogenen Existenzsicherungspotenzialen hin. Hier wird nochmals deutlich, dass Arbeitsmigranten aus Zimbabwe, die oftmals über keine Aufenthaltserlaubnis verfügen, aufgrund ihres prekären legalen Status deutlich verwundbarer sind als etwa die Mazezuru-Schreiner, die durch eine Mischung aus religiös-kulturell fundierten strong und weak ties (sog. bonding capital) viele Unsicherheiten zu reduzieren vermögen. Hier zeigt die Autorin auch, dass soziale Netzwerke nicht einfach aufgrund bestimmter Dispositionen (z.B. geteilte ethnische Herkunft oder gemeinsame Milieuzugehörigkeit) präkonfiguriert sind, sondern in der Praxis immer wieder neu stabilisiert werden müssen, um Handlungssicherheit für Netzwerkmitglieder herzustellen. Dies ist immer auch mit sozialen, zum Teil aber auch monetären ‚Netzwerkinvestitionen' verbunden (S. 134ff.). Mit dieser Feststellung lässt die Autorin eine allzu statische Sozialkapital-Konzeption hinter sich. Damit wird gewissermaßen auch ihre Hypothese widerlegt, dass die Inanspruchnahme sozialer Ressourcen kostenlos ist.

Erfreulich ist, dass die Autorin in einem abschließenden Kapitel neben politischen Handlungsempfehlungen auch auf die Defizite der theoretischen Ansätze eingeht. Zu nennen sind hier u.a. die mangelnde Konkretisierung des Sozialkapital-Konzepts sowie die geringe Berücksichtigung machtpolitischer oder konfliktbezogener Aspekte in beiden Theorieansätzen.

Insgesamt leistet die Autorin einen fundierten, originellen und sehr klar strukturierten Beitrag zur Problematik wirtschaftlichen Handelns unter Unsicherheit im urbanen IS. Damit dürfte die Arbeit für das Fach, wie auch für die politische Praxis gleichermaßen interessant sein. Berücksichtigt man den Entstehungskontext der Arbeit - es handelt sich hier um die überarbeitete Version einer Magisterarbeit! -, so stellt die vorliegende Publikation eine beachtliche Leistung dar. Abschließend jedoch noch einige kritische Anmerkungen.

Auffällig ist zunächst, dass die Arbeit einige zentrale kritische Arbeiten der Entwicklungsforschung zur Problematik des Konzepts des Sozialen Kapitals nicht rezipiert (vgl. v.a. Fine 1999 oder auch die Arbeiten von Anthony Bebbington). Gerade der Ökonom Ben Fine macht deutlich, dass das Konzept zum einen die Gefahr birgt, die Versorgungsverantwortung des Staates entwicklungspraktisch auf sowieso schon marginalisierte Gruppen abzuwälzen. Dies kann als Perpetuierung einer neoliberalen Selbstverantwortungslogik verstanden werden und der Entwicklungsprozess wird zu Gunsten eines ‚Community-Romantizismus' de-politisiert. Zum anderen läuft die Autorin an einigen Stellen Gefahr, eine fragwürdige Trennung zwischen dem Ökonomischen und dem Sozialen bzw. von Kultur fortzuschreiben, etwa wenn von "Kultur als Verhaltensdeterminante im ökonomischen Kontext" gesprochen wird (S. 25). Damit wird gewissermaßen die Sozialität bzw. Kulturalität allen ökonomischen Handelns negiert.

Problematisch ist zudem die Verwendung des Begriffs IS. Zwar wird der Dualismus dem der Begriff entspringt ("informell-formell"; "traditionell-modern" etc.) kritisch diskutiert; es wird jedoch nicht auf die Tatsache eingegangen, dass der Terminus mittlerweile sowohl in der Entwicklungstheorie als auch -praxis durch den Begriff ‚informal economy' weitgehend abgelöst wurde. Gerade das ursprüngliche Konzept des IS (sic!) suggerierte, es handele sich um einen einzigen Sektor, während tatsächlich informelle Tätigkeiten in einer Vielzahl von Sektoren gemeint waren (Flodman Becker 2004).

Insgesamt hätte die Arbeit auch von einer besseren Einordnung in Institutionen - (vgl. exemplarisch Lindner 1999) oder netzwerkorientierte Debatten der Wirtschaftsgeographie bzw. (Geographischen) Entwicklungsforschung profitiert. In diesem Kontext hätte die Autorin sicherlich auch dem Begründer des Konzepts der strong/weak ties entsprechend Referenz erweisen müssen (vgl. Granovetter (1973): The Strength of Weak Ties). Trotz dieser Kritik und einigen kleineren inhaltlichen Ungenauigkeiten (eigentümlich ist etwa, im Rahmen von qualitativer Forschung von Hypothesen zu sprechen, die verifiziert oder falsifiziert werden sollen) stellt Jasmin Schipplers Buch insgesamt eine lesenswerte Lektüre dar.
Stefan Ouma

Literatur
Fine, B. (1999): The developmental state is dead - long live social capital? In: Development and Change 30 (1), 1-19.
Flodman Becker, K. (2004): The informal economy. Fact finding study for the Swedish International Development Cooperation Agency.
rru.worldbank.org/Documents/PapersLinks/Sida.pdf (12.08.2010).
Lindner, P. (1999): Räume und Regeln unternehmerischen Handelns - Industrieentwicklung in Palästina aus institutionenorientierter Perspektive. Erdkundliches Wissen. 129. Stuttgart.


Quelle: Erdkunde, 64. Jahrgang, 2010, Heft 4

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