Heinz Brill: Geopolitische Analysen. Beiträge zur deutschen und internationalen Sicherheitspolitik 1974-2004. Bissendorf 2005. 459 S.

Fast ein halbes Jahrhundert war der Begriff "Geopolitik" aus dem deutschen Wortschatz verschwunden. Es gab Gründe dafür: Verbindungen der führenden Geopolitiker Karl und Albrecht Haushofer zu Repräsentanten des NS-Regimes ließen es ratsam erscheinen, Geopolitik als pseudowissenschaftliche Rechtfertigungslehre für die Eroberung von "Lebensraum" zu verdammen und ihre wissenschaftliche Verbindung zur politischen Geographie und Anthropogeographie zu verdrängen.

Dabei spielte es keine Rolle, dass Albrecht Haushofer als Angehöriger der deutschen Widerstandsbewegung von der Gestapo ermordet wurde und die Siegermächte früh erkannten, in welchem Umfang Karl Haushofers vordergründige Regimenähe durch seine enge persönliche Bindung an Rudolf Heß und die gleichzeitige Gefährdung der Familie durch die NS-Rassengesetze begründet war. Vor diesem düsteren Hintergrund gehört die Wiederkehr der Geopolitik in Deutschland zu den bemerkenswerten Entwicklungen der letzten Jahre. Heute erinnert vor dem Innenministerium am Spreebogen in Berlin ein Denkmal an Leben und Werk Albrecht Haushofers. Die dem Kanzleramt unterstellte Bundesakademie für Sicherheitspolitik behandelt in ihrem Ausbildungsprogramm bewusst geopolitische Themen. Und mit den Worten: "Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt!" knüpfte Peter Struck, der frühere Bundesverteidigungsminister und heutige SPD-Fraktionsvorsitzende, an jene spezifische Tradition deutscher Geopolitik an, die seit der Afghanistan- Expedition Werner-Otto von Hentigs und Oskar Ritter von Niedermayers die zentrale Bedeutung Afghanistans für die Weltpolitik stets vor Augen hatte - sei es als Einfallstor nach Indien oder als Operationsbasis des islamistischen Terrorismus. Dass geopolitische Methoden und Fragestellungen während ihres langen Schattendaseins nicht völlig in Vergessenheit gerieten, war nicht zuletzt Heinz Brill zu verdanken, der an verantwortlicher Stelle im Amt für Studien und Übungen der Bundeswehr immer wieder auf geopolitische Herausforderungen aufmerksam machte. Eine Sammlung seiner Analysen und Studien blickt noch einmal auf die Krisenregionen der vergangenen Jahrzehnte zurück. Im Mittelpunkt steht die Sorge um die Mitte Europas angesichts des jetzt überwundenen, historischen Ost-West-Gegensatzes. Gleichzeitig bietet Brill Ausblicke in eine ungewisse Zukunft, deren Konfliktursachen in der gewaltbeherrschten Vergangenheit liegen: Vom Balkan schweift der Blick auf den Nahen und Mittleren Osten und erfasst schließlich auch die problematischen Kulturkampfthesen Samuel Huntingtons. Detailuntersuchungen geben schließlich warnende Hinweise: Wer vitale Versorgungslinien sichern möchte, muss künftig neben Erdöl- und Gaspipelines auch die großen Wasserreservoirs in die geopolitische Gesamtbetrachtung einbeziehen - nicht nur im Nahen und Mittleren Osten. Geopolitik verstanden als wissenschaftlich fundierte, situationsbezogene und dynamische Betrachtung aller strategischen Faktoren im Raum steht im 21. Jahrhundert vor neuen Fragen: Wie können global wirkende terroristische Netzwerke und organisierte Kriminalität erfasst und beschrieben werden? Welche Szenarien und Prognosen ergeben sich mit Blick auf Klimawandel, Staatszerfall und Pandemien? Eine straffere Auswahl der veröffentlichten Analysen und eine stärkere Konzentration auf die künftigen Aufgaben der politischen Geographie und Anthropogeographie hätten die Attraktivität des vorliegenden Bandes erhöht. Dennoch behält das Buch seinen Wert als historisches Dokument und erste Einführung in Fragen und Methoden der wissenschaftlich arbeitenden Geopolitik, deren Bedeutung für die internationale Sicherheit heute auch in Berlin nicht mehr in Frage gestellt wird.

Autor: Hans-Ulrich Seidt

Quelle: Die Erde, 137. Jahrgang, 2006, Heft 1-2, S. 45-46

Kommentar schreiben