Frank Deppe: Politisches Denken im 20. Jahrhundert, 4 Bde.Hamburg. Bd. 1: Die Anfänge, 1999 (400 S.); Bd. 2: Politisches Denken zwischen den Weltkriegen, 2003 (560 S.); Bd. 3: Politisches Denken im Kalten Krieg, 2 Teil-Bde., Teil 1: Die Konfrontation der Systeme, 2006 (332 S.), Teil 2: Systemkonfrontation, Golden Age, antiimperialistische Befreiungsbewegungen, 2008 (384 S.); Bd. 4: Politisches Denken im Übergang ins 21. Jahrhundert. Rückfall in die Barbarei oder Geburt einer neuen Weltordnung?, 2010 (440 S.)

Mit dem vierten Band hat Deppe sein Riesenwerk Politisches Denken im 20. Jahrhundert abgeschlossen. Teil 1, Die Anfänge, wurde 1999 veröffentlicht, dann folgten im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts die Bände über politische Ideen und Verwicklungen zwischen den beiden Weltkriegen und im Kalten Krieg. Der Kalte Krieg forderte zwei Teile; so merkwürdig war die Epoche, in der die beiden Supermächte um die Weltherrschaft kämpften.

Deppe ist zumindest in Deutschland selbst Mitspieler in den ideologischen und politischen Prozessen von den 1960er Jahren bis heute. Geboren 1941, engagierte er sich in den neuen Linksbewegungen in den wilden und schöpferischen Jahren, die 1968 ihren symbolischen Höhepunkt erreichten. Er promovierte bei Wolfgang Abendroth in Marburg mit einer Abhandlung über den wohlbekannten Putschisten Louis Blanqui und blieb danach Marburg treu. Als ordentlicher Professor wurde er 2006 dort emeritiert und hielt seine Abschiedsvorlesung über das Thema "Krise und Erneuerung marxistischer Theorie".

Damit ist auch gesagt, dass er die Geschichte, die er für seine Leser erzählt, nicht als ein unbefangener Beobachter betrachtet. Er war und ist selbst Teilnehmer seit einem halben Jahrhundert. Aber seine Darstellung ist doch streng sachlich und enorm informativ. Deppe zeichnet den Hintergrund der politischen Ideen jedoch zuweilen so ausführlich, dass der Vordergrund als minder bedeutend erscheint. Diese Gefahr wird am deutlichsten im letzten Band: Michel Foucault, der mit seiner Machtanalyse und den damit zusammenhängenden Ideen der Biopolitik einen großen Einfluss ausübt, findet nur gelegentlich Erwähnung, dasselbe gilt für Slavoj Žižek, Antonio Negri und Michael Hardt, die zwar im Kapitel "Sozialismus im 21. Jahrhundert " behandelt werden, aber nur kurz. Deppe hat dabei fast ausschließlich ihren Flirt mit dem Kommunismus - oder vielleicht eher mit dem Begriff Kommunismus - im Blick, den sie als eine pure Negation der jetzigen Herrschaft des Finanzkapitals interpretieren. Auch Negri/ Hardts Multitude wird erwähnt, diese Multitude, für die laut Negri/Hardt die Metropole ist, was einmal die Fabrik für die Arbeiterklasse war. Deppe behandelt diese unter vielen jungen Leuten populären Auffassungen nicht nur kritisch, sondern ironisch. Gewiss kann man sich ironisch zu den Pirouetten der revolutionären Stars der Gegenwart verhalten, aber es gibt auch fruchtbare Ideen, die sich darin verstecken, und schon das Phänomen, dass sie unter Jugendlichen so erfolgreich sind, fordert das Nachdenken heraus.

Im selben Kapitel spielt überraschend ein "Exkurs" über Marx' Ideen eine zentrale Rolle. Dieser Abschnitt ist ganz traditionell. Der "Leitfaden" (MEW 13, 8) in Zur Kritik der politischen Ökonomie (1859) wird ausführlich zitiert, jedoch ohne zu sagen, dass es sich wirklich (nur) um einen solchen handelt, d.h. nicht um eine Karte, sondern eben einen Faden, mit dessen Hilfe man den Weg aus dem Labyrinth finden kann. Buchstäblich genommen, wird dieser Text leicht dogmatisch, wie die historische Entwicklung deutlich gezeigt hat. Deppe ist gewiss kein Dogmatiker, aber seine Darstellung kann so verstanden werden. Erleichtert findet der Leser dann auch einige Zitate aus den Grundrissen mit einem ganz anderen, freieren Ton. Doch schon diese Zusammenstellung von Zur Kritik und Grundrissen wirft Fragen auf: Kann man überhaupt diese beiden Schriften, die aus derselben Periode stammen, indes durch und durch verschieden sind - der eine geschlossen und systematisch, der andere geistreich, wild und voll von überraschenden Perspektiven -, Seite an Seite stellen? Möchte man nicht mit Antonio Negri behaupten, dass der Marx der Grundrisse, von der ökonomischen Krise erregt und eben ermuntert und damit mehr aktivistisch gesinnt, ganz verschieden ist von demjenigen, der mit der strengen, aber auch begrenzenden Arbeit am Kapital beschäftigt ist? Diese Fragen haben gewiss nur indirekte Bedeutung für das Problem des Sozialismus an der Wende zum 21. Jh., doch sie betreffen die mögliche Grundstimmung eines sozialistischen Projekts in unseren Tagen. Müssen die Sozialisten bessere Zeiten abwarten, oder können sie die Entwicklung in Richtung einer egalitäreren Welt beschleunigen? Deppe gibt uns reichliches Material zum Nachdenken: er schildert die Umweltprobleme, die Inegalität der Welt usw. wie auch verschiedene Gegenkräfte. Aber ebenso wie er nicht zwischen den verschiedenen Grundstimmungen der Grundrisse und des Kapitals unterscheidet, wählt er selbst auch nicht zwischen Aktivismus und Attentismus.

Der letzte Band handelt vor allem von anderen Ideen als den im engeren Sinne sozialistischen. Der neue globalisierte Kapitalismus und die führende, aber heute schwankende Rolle der USA in Weltwirtschaft und Weltpolitik sind selbstverständlich zentral. Umwelt- und vor allem Klimafragen erscheinen am Beginn des 21. Jh. als Schlüsselfragen des politischen Denkens, und die Erfolge der ›grünen‹ Alternativen in der Politik hängen damit zusammen. Die neuen religiösen Massenbewegungen, die alle traditionalen Säkularisierungsthesen falsifizieren, prägen global gesehen das politische Denken enorm. In den USA wie in Indien, Pakistan, Iran oder Nigeria bedeutet Zugehörigkeit zu einem Gemeinwesen normalerweise Identität und eine gewisse soziale Sicherheit. Wenn die Ökonomie Chaos schafft und die öffentlichen Institutionen schwach oder abwesend sind, stehen die Tempel, Moscheen oder Kirchen da mit ihren mehr oder weniger illusorischen Hoffnungen und Erwartungen, aber vor allem mit dem Versprechen eines sinnvollen Zusammenhangs, in welchem jeder einen Platz finden kann. Aber all dies ist ja eigentlich nur Hintergrund zum politischen Denken und vielleicht unvermeidlich in einer Gegenwartsdarstellung. Jedoch verschwinden die Denker und Denkerinnen, die entweder von einem entfesselten Kapitalismus, einer bedrohten Umwelt oder einem religiösen Glauben ausgehen, beinahe in der präsentierten Menge von ökonomischen, sozialen und politischen Tatsachen, sodass nur zwei ältere Männer, die keiner von den genannten Strömungen angehören, Jürgen Habermas und Anthony Giddens, in diesem Teil wirklich porträtiert werden.

In den früheren Bänden hat Deppe so viel Übersicht über die Hauptströmungen, dass er auch die interessanten, einflussreichen und typischen Vertreter der verschiedenen politischen und sozialen Denkarten auswählen kann. Am deutlichsten wird dies im ersten Band, wo er die zwei ersten Jahrzehnte des 20. Jh. behandelt. Der Hintergrund umfasst 140 Seiten, die wichtigeren politischen Denkrichtungen mehr als 200. Das Kapitel über Lenin ist das umfangsreichste, in dem allerdings auch die dramatischen Geschehnisse geschildert werden, in welchen Lenin als bestimmender Akteur hervortritt. Max Weber wird mit seinen Ideen von der Modernität als Schicksal und zum Verhältnis von Wissenschaft und Politik typisch dargestellt. Vilfredo Pareto und Georges Sorel skizziert Deppe als Vorgänger des faschistischen Denkens, und die Pragmatiker in den USA illustrieren für ihn mit ihrem Denken die charakteristische amerikanische Lebensweise. Schließlich widmet er ein Kapitel auch Sun Yat-sen (oder Sun Zhongshan), dem Vater der ersten chinesischen Revolution.

Auch im umfangreichsten zweiten Band, der die Periode zwischen den Weltkriegen darstellt, rückt im letzten Kapitel die Welt außerhalb Europas und Nordamerikas in den Vordergrund in der Gestalt von Mahatma Gandhi und Mao Zedong. Carl Schmitt und Antonio Gramsci treten als Repräsentanten zweier epochaler Denkrichtungen hervor: eines unbefangenen Radikalismus einerseits und einer Kombination von Bürokratismus und Aktivismus andererseits, die in der Legitimierung des Nazismus eine große Rolle spielte. Rudolf Hilferding bekommt ein eigenes Kapitel. Noch überraschender ist aber die Bedeutung, die Deppe Walter Lippman, dem ehedem so einflussreichen Journalisten, zuspricht. John Maynard Keynes gehört dagegen unvermeidlich in diesen Zusammenhang. Im Kapitel über die Frankfurter Schule tritt überraschend Max Horkheimer mit seinen frühen Positionsbestimmungen als der zentrale politische Denker hervor. Das Elend unserer Zeit betreffe die gesellschaftliche Struktur, und darum bilde "die Theorie der Gesellschaft den Inhalt des heutigen Materialismus" (2, 340). "Theorie" ist selbstverständlich "kritische Theorie". In Kontrast zu Georg Lukács und vielen anderen radikalen politischen Denkern halten Horkheimer und seine Kollegen Distanz zu jedem parteipolitisch geprägten Marxismus. Kritische Theorie bedeute kritisches Verhalten in allen Richtungen. Die Frankfurter Schule kulminiert eigentlich in Adornos hier nicht erwähnter Negativer Dialektik (1966).

Deren distanzierte Haltung ist Deppe grundlegend fremd. Sein akademischer Lehrer Abendroth, zentral in Deutschland, aber außerhalb Deutschlands weniger bekannt als Adorno (oder Arendt, Beauvoir, Che Guevara ...), ist hier Gegenstand eines Kapitels im Band über den Kalten Krieg. Abendroth war Rechtsgelehrter, aber auch politischer Aktivist. Politisch bewegte er sich zwischen den verschiedenen linkssozialistischen und kommunistischen Alternativen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat er vergeblich auf eine marxistische Renaissance in der SPD gehofft und war nach 1961 überhaupt nicht parteipolitisch engagiert. Abendroth und Adorno bilden die eigentlichen Kontraste in dieser Darstellung, und doch sind beide politische Denker. Während Adorno immer den Abstand zu allen politischen Richtungen, aber eigentlich auch zu allen konkreten gesellschaftlichen Problemen hielt, ist Abendroth unermüdlich, politische Lösungen größerer und kleinerer Gesellschaftsprobleme zu suchen. Der eine ist mehr Theoretiker, der andere mehr Praktiker; der eine sucht Überblick und damit Abstand, der andere nimmt Teil am Weben und Wirken des Lebens.

Deppes Politisches Denken im 20. Jahrhundert ist ein Riesenwerk und hat gewiss eine gewaltige Anstrengung erfordert. Die Literaturangaben in jedem Band sind sehr umfassend und beweisen wie die Fußnoten und direkten Zitate im Text seine Belesenheit. Die Darstellung des politischen, ökonomischen und sozialen Hintergrunds ist mehr als ausführlich, am Ende des Werkes bleibt sie eigentlich Hauptsache. In dieser Hinsicht ist dies gewiss eine Fundgrube für jeden Leser, der sich für die politischen und ideologischen Entwicklungen des 20. Jh. interessiert. Die einzelnen Theoretiker sind sachlich, aber auch engagiert behandelt. Am freiesten bewegt sich Deppe in den Fußnoten, wo er auch eigene Erinnungen wiedergibt: "Ich erinnere mich, dass T.W. Adorno Anfang der 60er Jahre in einer Vorlesung sagte: ›Wenn ich den Namen Lukács höre, höre ich die Ketten des Stalinismus rasseln.‹" (2, 328f) Auch über die Probleme, die Lise Abendroth mit ihrem am Ende kränkelnden Mann hatte, weiß er Bescheid.

Von einem Werk in vier Bänden will man gern alles haben. Die Welt außerhalb Europas und Nordamerkas ist gewiss nicht abwesend, aber immer doch stiefmütterlich behandelt. Auch Gandhi, Mao, Che haben hier eigentlich nur Nebenrollen im großen westlichen Rollenspiel. Ursache ist vor allem die Begrenzung, die Deppe mit den meisten westlichen Gelehrten teilt: nicht genug sprachliche und sachliche Kompetenz, um etwas Grundsätzliches über das politische Denken auf anderen Kontinenten zu sagen. Auch die Frauenforschung wird nicht genug hervorgehoben. Simone de Beauvoir teilt ein Kapitel mit Jean-Paul Sartre; aber nicht einmal dort wird ihr Denken über le deuzième sexe zur Hauptsache. Zumal im letzten Band wird angesichts des Aufblühens des Feminismus und der Gender-Theorien zu wenig über Frauenforschung gesagt. Oft vermisse ich auch ein näheres Ringen mit dem politischen Denken im strengeren Sinne: mit Menschen- und Gesellschaftsbild und mit Geschichtsauffassung der verschiedenen Hauptpersonen. Aber hier ist Deppe eigentlich konsequent: im Zentrum stehen die ideologischen Verwicklungen in ihrem Zusammenhang mit den politischen und sozialen Verhältnissen. So gesehen ist dies gewiss eine hervorragende Leistung.
Sven-Eric Liedman (Göteborg)

Quelle: Das Argument, 53. Jahrgang, 2011, S. 433-436

 

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