Jörg Gertel: Globalisierte Nahrungskrisen. Bruchzone Kairo. Bielefeld 2010. 455 S.

Im Zuge von Prozessen der Globalisierung des Lebensmittelhandels, einer wachsenden Weltbevölkerung sowie eines zunehmenden Anteils städtischer Bevölkerung (weltweit mittlerweile über 50 %) sind immer mehr Menschen von einer Nahrungsmittelversorgung abhängig, die nicht mehr im direkten Umfeld produziert wird. Hierbei stellt sich die Frage, wie gerade die Bevölkerung in den rasant wachsenden Millionenstädten der Entwicklungsländer versorgt werden kann, ohne zu stark in externe Abhängigkeiten zu geraten und anfällig für Nahrungskrisen zu sein.

Vor diesem Hintergrund widmet sich Jörg Gertel mit seinem Buch "Globalisierte Nahrungskrisen - Bruchzone Kairo" einem gesellschaftlich höchst relevanten Thema, welches grundsätzlich weit über die Grenzen Ägyptens und Afrikas hinaus von Bedeutung ist. Hierbei verfolgt Gertel folgende Ziele: 1) die Analyse des komplexen, in globale Verflechtungen eingebundenen urbanen Nahrungssystems Kairos aus holistischer Perspektive, 2) die Untersuchung der Konsequenzen von Liberalisierungs- und Privatisierungsmaßnahmen der ägyptischen Politik seit den 1970er Jahren, 3) die Entwicklung eines Konzepts zum Verständnis urbaner Nahrungskrisen im Kontext globaler Entwicklungsprozesse und 4) die Diskussion bisheriger Ansätze der Entwicklungsforschung und Politik aus einer dekonstruktivistischen Perspektive. Nach einer Einleitung beginnt Gertel mit einer generellen Diskussion aktueller Konzepte zu urbanen Nahrungssystemen, Krisen, Verwundbarkeit und Risiken. Auch wenn die m.E. ebenfalls relevante Diskussion zu Lebensmittelwertschöpfungsketten nur angerissen wird, gibt dieser Teil der Arbeit einen insgesamt gelungenen Überblick über zentrale Ansätze zu Problemstellungen der globalen Nahrungsversorgung. Die folgenden Kapitel: ,Produktion', ,Austausch', ,Versorgung', ,Reproduktion' beziehen sich auf den Untersuchungsgegenstand Kairo, bevor in einem letzten Kapitel generelle Ableitungen und Ausführungen zu globalisierten Nahrungskrisen erfolgen. Insgesamt überzeugt das Werk zunächst aufgrund der umfangreichen Kenntnisse, die der Autor als langjähriger Kenner der vor Ort herrschenden Verhältnisse vermittelt. Hierbei stellt Gertel seine Erkenntnisse ausführlich in den historischen Kontext und belegt seine Ausführungen an zahlreichen, facettenreichen Einzelbeispielen. Gleichzeitig zeigt Gertel durch verschiedene, auch methodisch-konzeptionell anregende, Typisierungen (etwa von Händlern und Wohnsituationen), wie die Empirie erkenntnisleitend einzuordnen ist. Anzumerken bleibt allerdings, dass die verwendeten quantitativen Primärdaten aus den 1990er Jahren stammen und einige seitdem stattgefundene Entwicklungen wie die Verbreitung von Supermärkten nicht erfassen. Spannend an Gertels Buch ist insbesondere die Darstellung der Zusammenhänge zwischen abstrakten global-wirtschaftlichen Entwicklungen und den realen Auswirkungen für die Bevölkerung einer afrikanischen Großstadt. So beschreibt Gertel einprägsam die Bedeutung Ägyptens als Abnehmer von Überschussproduktionen amerikanischer Großkonzerne (etwa bei Getreide und Geflügel) und die damit verbundenen Risiken. Abschließend kommt Gertel u.a. zu folgenden Ergebnissen: In Kairo herrscht Nahrungsunsicherheit, die durch globale Abhängigkeiten geprägt wird und von der einzelne Gruppen (vor allem "städtische Arme", Frauen, Kinder und Ältere) besonders betroffen sind. Hierbei ist es der ägyptischen Regierung nicht gelungen, diese Ungleichheiten auszugleichen oder durch eine Stabilisierung der Einkommen Risiken zu verringern. Auch ist in Zukunft eher eine Verschärfung der Situation zu erwarten. Gertel sieht Kairo als "paradigmatisches Beispiel" für viele Metropolen des Globalen Südens, die zunehmend durch Armut und Nahrungsunsicherheit gekennzeichnet sind und bei denen öffentliche und private Interventionen bisher oft erfolglos blieben. Die differenzierte Analyse urbaner Nahrungssysteme im globalen Kontext trägt zum Verständnis von Nahrungsunsicherheit bei und zeigt neue Perspektiven auf.
Peter Dannenberg (Berlin)  

Quelle: Die Erde, 143. Jahrgang, 2012, Heft 1-2, S. 48 

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