Franz Mauelshagen: Klimageschichte der Neuzeit. 1500-1900. Darmstadt 2010. 144 S.

Bei der Historischen Klimatologie handelt es sich um einen sehr interdisziplinär ausgerichteten Forschungsbereich, der bei weitem nicht nur auf das Arbeitsgebiet der Geographie beschränkt werden kann. Daher sollte man Veröffentlichungen aus diesem Gebiet dahin gehend kritisch betrachten, ob diese jener Interdisziplinarität gerecht werden, insbesondere dann, wenn es sich um ein Werk mit Überblickscharakter handelt. In diesem Fall hat der Umwelthistoriker Franz Mauelshagen einen kompakten Überblick über die Klimageschichte der Neuzeit vorgelegt, der sich an ein geschichtswissenschaftlich orientiertes und interessiertes Publikum richtet.

Das Buch ist in sieben Kapitel gegliedert, beginnend mit einer kurzen Einführung in die Grundlagen der Klimatologie, gefolgt von einem Überblick über das Forschungsgebiet der Historischen Klimatologie und deren Geschichte. Daran anschließend wird das Thema Klimarekonstruktion behandelt und im Folgenden die Klimaentwicklung zwischen 1500 und 1900 vorgestellt. Weitere Kapitel befassen sich mit der Sozioökonomie der "Kleinen Eiszeit", dem Zusammenhang von sozialen Konflikten und natürlichen Ressourcen und schließlich der Rolle der Naturkatastrophen im Klimawandel.

Erfreulich ist, dass die Notwendigkeit einer interdisziplinären Herangehensweise zur Erforschung der Klimageschichte nachdrücklich unterstrichen wird. Anhand einiger Beispiele wird verdeutlicht, welche Beiträge verschiedene Wissenschaften hierzu leisten können, jedoch die Rolle der Geographie wird dabei leider nur vereinzelt explizit erwähnt. Da historisch Interessierte, Lehrende und Forschende zur eigentlichen Zielgruppe dieses Buches gehören, muss es nicht verwundern, dass die Rolle der Geschichtswissenschaften in der historisch-klimatologischen Forschung darin einen breiten Raum einnimmt. Ein wenig widersprüchlich zur Hervorhebung der Interdisziplinarität wirkt jedoch der Versuch, die Klimageschichte als Teildisziplin der Geschichtswissenschaften zu vereinnahmen. Hingegen weist Mauelshagen ebenso zu Recht darauf hin, dass innerhalb der Geschichtswissenschaften Berührungsängste gegenüber dem Themenbereich Klima und Witterung auch heutzutage noch recht verbreitet sind. Dies trifft bedauerlicherweise sogar auf die Teildisziplin Umweltgeschichte zu, von welcher man eigentlich erwarten würde, dass diese gegenüber der Klimageschichte aufgeschlossen wäre.

Positiv hervorzuheben ist, dass Klimageschichte in diesem Buch nicht nur als Klimarekonstruktion verstanden wird, sondern vor allem auch die historische Klimafolgenforschung und die Wissensgeschichte des Klimas darin ihren verdienten Platz finden. Insbesondere auf den zuletzt genannten Gebieten besteht noch viel Forschungsbedarf, während die Forschung auf dem Gebiet der Klimarekonstruktion bereits sehr weit fortgeschritten ist. Zielgruppengemäß wurde ein Schwerpunkt auf die Auswertung historischer Überlieferungen gelegt. Leider finden dabei nur historische Originalquellen Beachtung und nicht die historische (Sekundär-)Literatur (z. B. aus dem Bereich Ortsgeschichte), deren Rolle in der historisch-klimatologischen Forschung anscheinend wegen ihres vermeintlich geringeren Quellenwertes zu Unrecht unterschätzt wird.

Der entscheidende Pluspunkt in diesem Überblickswerk ist jedoch, dass vor den Gefahren eines Klimadeterminismus gewarnt wird. Klima wird nicht nur als reines Naturphänomen verstanden, es wird verdeutlicht, dass die Wechselwirkungen zwischen Witterung und Klima auf der einen und Mensch und Gesellschaft auf der anderen Seite äußerst komplex sind. Verkürzte Schlussfolgerungen und Scheinkorrelationen in diesem Wechselspiel, die in der Forschung schon häufig auftraten, werden zu Recht kritisiert. In diesem Zusammenhang wird auch die Forschungsgeschichte der Historischen Klimatologie in einem kritischen Licht betrachtet.

Die ausführliche Behandlung des komplizierten Zusammenwirkens von Klima, Witterung, Bevölkerungsbewegungen, sozio-ökonomischen Lebensverhältnissen und historischen Ereignissen ist auch aus geographischer Perspektive von enormer Relevanz. Darüber hinaus wird erfreulicherweise auch eine Verbindung zu aktuellen und zukünftigen Problemen und Herausforderungen des "Global Change" hergestellt. Allerdings wird der Bereich Klima insbesondere in den letzten drei Kapiteln häufiger verlassen. Prinzipiell sind diese Exkurse zur Verdeutlichung der Komplexität in der Interaktion Klima-Mensch durchaus sinnvoll, doch ggf. hätten diese ein wenig komprimierter sein können. Neben den Mensch-Umwelt-Beziehungen wird auch natürlichen Einflussfaktoren auf das Klima (u. a. Vulkanismus, Sonnenaktivität) Beachtung geschenkt.

Das Buch richtet sich an ein breitgefächertes Publikum und ist daher in einer leichtverständlichen Sprache geschrieben, selbst die gelegentliche Verwendung von Umgangssprache wirkt dabei nicht störend. Eine deutliche Schwachstelle ist hingegen in den Graphiken und Tabellen zu sehen, da diese teilweise unübersichtlich oder sogar wegen fehlender Beschriftung schwierig zuzuordnen sind.

Insbesondere für (Klima-)Geographen mit historisch ausgerichteten Forschungsinteressen ist dieser kompakte Überblick über die Klimageschichte ausdrücklich zu empfehlen. Das Buch kann trotz seiner Fokussierung auf die Geschichtswissenschaften als ideale Ergänzung zu wichtigen bestehenden Veröffentlichungen aus dem Bereich der Historischen Klimatologie betrachtet werden, da insbesondere die Chancen, aber auch die Risiken und Fallstricke in der historisch-klimatologischen Forschung angesprochen werden.
Johannes Hofmeister

Quelle: Erdkunde, 65. Jahrgang, 2011, Heft 1, S. 94-95

 

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