Ariel Salleh (Hg.): Eco-Sufficiency & Global Justice. Women Write Political Ecology. London, New York u. North Melbourne 2009. 324 S.

Einsatzpunkt des Sammelbands sind die Folgen des "othering", des Zum-Anderen- Erklärens von "Körpern und Ökosystemen" (IX). Verf. liefern kritische Analysen - indem sie das Herabwürdigen des ›Andersartigen‹ oder die Unfähigkeit zum ›Anderen‹ thematisieren, was stets hierarchische Dualismen wie etwa ›Geist‹/›Materie‹ hervorbringt - und zeigen zugleich feministische Zukunftsperspektiven auf.

Hg. knüpft dabei an den globalisierungskritischen Aufruf "Cancel the debt" an, wobei sie drei Schulden-Ebenen unterscheidet (4f): "social debt" (durch kapitalistische Ausbeutung von Arbeitskraft), "ecological debt" (durch Ausbeutung der natürlichen Ressourcen des Südens durch den Norden) und "embodied debt" (durch Ausbeutung unbezahlter reproduktiver Arbeit). Ziel sei ein schuldenfreies, ein öko-suffizientes Leben und Wirtschaften.

Einige historisch angelegte Aufsätze kritisieren das lineare Fortschrittsdenken bei unbegrenztem Wachstum. In einer begrenzten Welt könne dies nur auf Kosten anderer realisiert werden. So analysiert Silvia Federici die Entwertung weiblicher Arbeit. Im 16. und 17. Jh. verlieren Frauen im Zuge der Kolonialisierung, des aufkommenden Merkantilismus und der Bevölkerungspolitik die Kontrolle über Fruchtbarkeit und Geburt. Viele Hebammen werden als Hexen verbrannt. In der heraufziehenden Industriegesellschaft wird das, was Frauen tun, nicht mehr als Arbeit bezeichnet und bewertet, sondern Frauen werden definiert als "mothers, wives, daughters, widows - hiding their status as workers, while giving men free access to their bodies and labour, and the bodies and labour of their children" (53). Ewa Charkiewicz erzählt die Geschichte des in ökonomischen Fragen entscheidenden "He" als von vornherein mit der Ausbeutung des Anderen verknüpft: "The oldest legal codes point out that the law making sovereign - he, who decides - established himself by regulating interactions with nature und access to resources, sexuality (marriage), economic relations (property rights, damage claims)" (76). Auf suffizientes Leben orientiert sei, nach einer Ökonomie jenseits des Kapitalismus zu fragen, die die "livelihoods" der vom System Verdrängten und Verlassenen sichert.

Zohl de Ishtar schildert eindrucksvoll die Folgen der US-Militärpräsenz auf den Marshallinseln, wo zwischen 1946 und 1958 insgesamt 67 Atombombentests durchgeführt wurden - und die noch bis mindestens 2066 vertraglich gesichert ist. Für die lokale Bevölkerung führte die nukleare Verschmutzung unmittelbar zu Krankheit, Missbildungen, Tod und Kontamination der Gemeingüter und in der Folge zu gesellschaftlichem Verfall. Hier kulminieren die sozialen und ökologischen Schulden westlicher ›Entwicklung‹ zu einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Enteignung der matrilinearen Subsistenzwirtschaft und die Zerstörung von Lebensgrundlagen zugunsten us-amerikanischer Sicherheit ist bis heute ungesühnt - trotz Entschädigungsforderungen in Milliardenhöhe. Anlass zur Hoffnung hingegen geben Ansätze eines "Deliberative Water Management" (140f), wie es von Andrea Moales und Patricia E. Perkins anhand von Erfahrungen von Frauen in Brasilien präsentiert wird. Auf der Grundlage ökofeministischer Analyse, die die Ausbeutung der natürlichen Welt und die Unterdrückung von Frauen miteinander verknüpft sieht, beziehen sich Verf. auf Vandana Shiva - ihr Ansatz einer "Demokratie des Lebendigen" schließt "Wasserdemokratie" ein - und Mary Mellor. Menschlichkeit sei demnach nicht nur auf die physische Umwelt angewiesen, sondern beide müssten als verbunden und interdependent betrachtet werden. Dennoch stößt die Aushandlungspraxis deliberativer Demokratie immer wieder auf Barrieren. Zwar werden bislang ungehörte Stimmen auch in ländlichen Gebieten inzwischen stärker einbezogen, doch haben v.a. arme und mit dem Alltagsnotwendigen ringende Frauen bis heute kaum Zeit für politisches Engagement.

Mehrere Verf. schlagen Wege vor, die Ökonomie ›vom Kopf auf die Füße‹ zu stellen: sie soll den menschlichen Bedarfen dienen und den Haushalt zum Zentrum haben. So legt Sabine U. O'Hara zentrale Aspekte der Feministischen Ökologischen Ökonomie dar. Die ökonomische Strömung der Ökologischen Ökonomie behandele die ökosystemaren Funktionen und ihren Wert für den menschlichen Haushalt eher als noch einzubeziehenden blinden Fleck. Die ökologische Strömung - vertreten etwa durch Herman Daly, Robert Costanza und O'Hara selbst - fokussiere auf Ökosystemfunktionen mit dem Ziel, die Produktion von Gütern und Verteilung von Ressourcen in weniger destruktiver Weise zu managen. Erst die Feministische Ökologische Ökonomie jedoch mache verborgene Ökosysteme und soziale Funktionen sichtbar, indem sie "the interrelatedness of economic actors, the importance of family and community in reproduction, and the centrality of unmeasured non-monetised work in maintaining homes" berücksichtigt (189f).

Ein weiteres Thema ist der Zusammenhang zwischen Energienachfrage und Ausbeutung der Natur. Meike Spitzner legt dar "How Global Warming is Gendered" (218). So identifizieren sich z.B. in Europa mehr Männer kulturell mit energieintensiven Technologien, während etwa Frauenorganisationen bei den internationalen Klimaverhandlungen marginal oder gar nicht präsent sind. Ein erster transformativer Schritt wäre daher, geschlechtsspezifische Daten zu erheben und zu analysieren, um z.B. den relativ geringen Beitrag der geschlechterkonnotierten Sorge-Ökonomie zum Klimawandel zu demonstrieren. Leigh Brownhill und Terisa E. Turner stellen die "Abuja Declaration for Energy Sovereignty" vor. Nigerianische Frauen haben 1999 eine breite Widerstandsbewegung gegen das Verbrennen von Naturgas von Shell Oil initiiert, die 2006 die Abuja Declaration als Modell für eine demokratische Kontrolle natürlicher Ressourcen - das Konzept der Energiesouveränität bzw. Energieautonomie - verabschiedet hat. Darin wird u.a. gefordert, ähnliche weltweit stattfindende Kämpfe zu verknüpfen und der lokalen Energieproduktion Vorrang vor der exportorientierten zu geben, ohne dass alternative Energieproduktion zu weiterer Verarmung beiträgt. Ökonomisch seien fairer Handel und direkte Abkommen zwischen Verbrauchenden und Produzierenden erforderlich; politisch ein globales Moratorium der Rohstoffgewinnung samt Reparationen und ökologischer Restauration.

Mary Mellor stellt die Kernkonzepte der "Ecofeminist Political Economy" und der (bislang hegemonialen) "Politics of Money" gegenüber: z.B. "subsistence - market value", "sufficiency - unlimited consumption" und "eco-systems, wild nature - exploitable resources"  (253). Eine anders konzipierte Ökonomie wird umrissen: "A provisioning economy would start from the embodiment and embeddedness of human lives, from the life of the body and the ecosystem, from women's work and the vitality of the natural world" (264). Leo Podlashuc stellt die Saving-Bewegung vor. Im Unterschied zum deutschen "sparen" ist "saving" mehrdeutig und meint auch "retten" und "etwas für die Zukunft beiseite legen". Saving bezieht sich nicht auf die Pflicht zur Sparsamkeit, sondern auf das Recht, etwas übrig zu behalten. Dies ist der zentrale Gedanke von Shack/Slum Dwellers International (SDI), einer transnationalen sozialen Bewegung des Südens, in der Savings nicht individuell angelegt sind, sondern im atomisierten Milieu der Armut soziale Solidarität hervorbringen, indem sie gemeinschaftlich erbracht und geteilt werden. Salleh erweitert abschließend die in der Feministischen Politischen Ökonomie entwickelte Idee der reproduktiven Arbeit "in order to analyse the nature of ecological work - provisioning activities, that are at once economic, sustainable and autonomous" (291) wie z.B. Hausarbeit, kleinbäuerliche Arbeit und regenerative Arbeit. Sie erachtet das "meta-industrielle" Vor-Sorgen (provisioning) u.a. deshalb als öko-suffizient, weil Kosten nicht durch Schulden externalisiert werden. Die Ansätze von Vor-Sorgen und metabolischem Wert (metabolic value) - letzterer knüpft an die eigentliche Bedeutung von Arbeit als Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur an und orientiert sich im Unterschied zum Geldwert an Stoff- statt an Geldkreisläufen - sollten durch die Theoriebildung im globalen Norden intellektuell und politisch gestärkt werden. Dabei wären drei Ziele zu fokussieren (307): ökologische Nachhaltigkeit (die die materiell-energetische Interdependenz von Spezies, Geschlechtern und Generationen schützt), sozial-ökonomische Gerechtigkeit (die den metabolischen Wert und die Souveränität der gemeinschaftlichen "livelihood" schützt) und kulturelle Autonomie (die die Vielfalt ökonomischer und sozialer Praktiken schützt).

Um dies zu erreichen, ist eine Präzisierung der in dieser inspirierenden Anthologie noch lose verbundenen Bezugnahmen auf "Öko-Suffizienz" erforderlich. Denn der Begriff mäandert zwischen konventionellen konsumbezogenen Suffizienzansätzen und emanzipatorischen wie dem Saving-Ansatz. Auch wirkt diese "von Frauen geschriebene" Politische Ökologie insofern unpolitisch, als aus den ökonomie- und entwicklungskritischen Aufsätzen kaum politische Schritte ableitbar sind. Zudem bleibt das, was globale Gerechtigkeit ausmachen und bewirken soll, merkwürdig blass. Hier wäre hilfreich, die Arbeiten von Nancy Fraser - "halbierte Gerechtigkeit" und v.a. ihre Unterscheidung zwischen affirmativen und transformativen Gerechtigkeitskonzepten - einzubeziehen.
Uta von Winterfeld (Wuppertal)

Quelle: Das Argument, 53. Jahrgang, 2011, S. 477-479

 

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