Heather Rogers: Green Gone Wrong: How Our Economy Is Undermining the Environmental Revolution. New York u.a. 2010. 272 S.

Mit dem ›Ergrünen‹ des Kapitalismus, d.h. der zunehmenden Berücksichtigung ökologischer Aspekte durch die Unternehmen, und der wachsenden Bedeutung ökologischen Konsums im Umwelthandeln der Subjekte sei die gesellschaftliche Bearbeitung der ökolo-gischen Krise im globalen Norden in eine neue Phase getreten. Diese "new green wave" (4) sei überwiegend im Konsumbereich angesiedelt und komme damit dem verbreiteten Mangel an Verzichtsbereitschaft entgegen.

Dem mit vernünftigem Konsum einhergehenden Versprechen, die globalen Umweltprobleme relativ bequem zu lösen, erteilt Verf. jedoch eine deutliche Absage. Als investigative Journalistin nimmt sie in verschiedenen Regionen der Erde ein "critical assessment of solutions to ecological crisis" (7) vor und legt deren Schwachstellen und Widersprüche offen. Grüner Konsum als vorrangige Krisenbearbei-tungsstrategie nähre die Illusion, es genügten einige Veränderungen des Lebensstils, um die drohenden Umweltkatastrophen abzuwenden (206). Die Entscheidung, dem Markt und den individuell Konsumierenden die Lösung der ökologischen Krise zu überantworten, sei jedoch die Ursache für das Versagen bei einem Großteil der von ihr analysierten Beispiele grüner Produkte. Statt eines "natural" oder "green capitalism" bedürfe es daher einer grundlegenden Infragestellung der sozialen, politischen und ökonomischen Strukturen, die die kulturelle Praxis des v.a. westlichen Massenkonsums historisch hervorbrachten und stützen. Der unumgängliche "systemic change" (193) erfordere allerdings auch eine Alternative zur gegenwärtig verkürzten Form der Demokratie - wirkliche Partizipation, "to experience ourselves as actors in political life" (205).

Im umfangreichen analytischen Teil prüft Verf. derzeit verfügbare Alternativen bzw. grüne Produkte in den Bereichen Nahrungsmittel, Wohnen und Transport auf ihren tatsächlichen Umweltnutzen. Der programmatische Charakter des Buchs wird hier zurück-genommen zugunsten ›dichter Beschreibungen‹ im Stil eines Ökokrimis mit reichlich gut recherchiertem Detailwissen. - Im Bereich Nahrungsmittel zeigt Verf., wie schwer es kleinen nordamerikanischen Öko-Landwirten fällt, gegen große industrielle Landwirt-schaftsunternehmen, die gleichwohl als "organic" zertifiziert sind, zu konkurrieren. Primär kritisiert sie die Lobbypolitik der Agrarkonzerne, die zur Verwässerung der offiziellen Standards für ökologischen Anbau und zur direkten Benachteiligung kleinerer Landwirte führt. Letztlich bewirke gerade die Verbreitung ökologischen Konsums eine verschärfte KonkurrenzunddieSchwächungderlokalenBio-Bauern.GlobaleAuswirkungenverdeut-licht Verf. anhand der in Paraguay expandierenden ökologischen Zuckerrohrplantagen. Nicht selten wird z.B. zur Anlage dieser Bio-Plantagen entwaldet und die tatsächlichen Anbaubedingungen seien letztlich unkontrollierbar, zumal die Zertifizierung aufgrund von Verquickungen der privaten Zertifizierungsagenturen mit ihren Kunden hochgradig unzuverlässig sei. Zudem ist gemäß offiziellen US-Standards z.B. der auf Kosten der Biodiversität betriebene Anbau von Monokulturen nicht einmal explizit verboten.

Im Transportsektor untersucht und kritisiert Verf. die Produktion von Palmöl als Biodiesel auf Borneo, die verzögernde Produktpolitik der "Big Three" (GM, Ford und Chrysler) hinsichtlich ökologischer Automobilität und die Praxis des CO2-Ausgleichs bei Flugreisen ("Carbon Offsets"). Stellen Biodiesel und CO2-Ausgleich ohnehin keine wirklichen Alter-nativen dar, so sei das weitgehende Fehlen von "Eco-Automobiles" auf die ökonomische Rationalität der Konzerne und Konsumierenden zurückzuführen. Solange keine politische Regulierung existiere, die es rentabel mache, sparsamere Autos zu produzieren und zu kaufen, würden die Imperative kapitalistischer Marktwirtschaft deren Einführung weiterhin verhindern. Insofern stünden nicht technische Hindernisse einer ökologisch verträglicheren individuellenMobilitätentgegen,sondernpolitisch-ökonomische.

Als Exempel wegweisender Öko-Architektur gilt Verf. der ökologisch restrukturierte Stadtteil Vauban in Freiburg. Es bildet die positive Kontrastfolie zu den Negativbeispielen der anderen Bereiche, seien doch hier lebbare Alternativen zwischen den Extremen von Öko-Luxus und Öko-Askese Wirklichkeit geworden (72f). Aus einem ehemaligen Militär-gelände habe sich Vauban sowohl selbstorganisiert und als auch geplant zu einem Quartiermit einer hohen Dichte energieeffizienter Architektur, intelligenter Flächenplanung und daher u.a. nahezu automobilfrei entwickelt. Zwar kommen auch die sozialen Kämpfe z.B. zwischen der früh agierenden Siedlungs-Initiative sowie lokaler Politik und Verwaltung um die Nutzung frei gewordener Flächen zur Sprache, die das Projekt erst ermöglichten - die Darstellung von Umweltschutz und -politik in der Bundesrepublik wirkt dann aber doch merkwürdig konfliktarm. Verf. hält fest, dass auch im Wohnbereich die technischen Lösungen vorhanden wären, während überwiegend der politische Wille fehle. Den wieder-holt auftauchenden Hinweis auf fehlenden politischen Willen führt Verf. am Ende weiter aus: Gemeint ist nicht nur eine abstrakte Führungsleistung der politischen und ökono-mischen Eliten, sondern eine partizipierende, sich einmischende Öffentlichkeit, die sich zunächst einmal über bestehende Alternativen und deren Verhinderung informiert (207).

Allerdings liefert Verf. trotz Hervorhebung der sozialen und politisch-ökonomischen Aspekte ökologischer Probleme keine theoretisch ausgereifte Darstellung der Zusammen-hänge von staatlicher Umweltpolitik, kapitalistischer Wirtschaft und Zivilgesellschaft bzw. sozialer Bewegung. Zudem tut sich eine Kluft auf zwischen der progressiven Einschätzung desCharaktersderökologischenKrise,die einen Systemwandel unausweichlich erscheinen lässt,und den empfohlenen Handlungsansätzen wie umweltverträgliche kooperative Landwirtschaft, politische und fiskalische Regulierungen usw. Darin liegt aber auch eine Stärke: anhand konkreter Praktiken an den gegenwärtigen Bedingungen anzusetzen und nicht bloß eine weitere abstrakte ökologische Kapitalismuskritik zu formulieren. Ihrem Anspruch, eine kritische Untersuchung vermeintlicher ökologischer Alternativen zu liefern, kommt Verf. allemal nach.

Thomas Barth (Weimar/Jena)

Quelle: Das Argument, 53. Jahrgang, 2011, S. 627-629

 

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