Georg Glasze, Annika Mattissek (Hg.): Handbuch Diskurs und Raum. Theorien und Methoden für die Humangeographie sowie die sozial- und kulturwissenschaftliche Raumforschung. Bielefeld 2009. 338 S.

Raumtheoretische Diskussionen in der Humangeographie wurden und werden maßgeblich durch sozialwissenschaftliche Theorieimporte inspiriert. Waren dies in den 1980er Jahren die handlungs-, strukturations- und systemtheoretischen Ansätze, so ist es in jüngerer Vergangenheit die Diskurstheorie, welche die konstruktivistische Wende in der Geographie entscheidend mit prägt. Die poststrukturalistische Diskursforschung ist dabei ein sozialwissenschaftlicher Theorieimport, der insbesondere im Zuge der Neuen Kulturgeographie in fachwissenschaftlichen Debatten an Bedeutung gewonnen hat.

Vor diesem Hintergrund ist es sehr begrüßenswert, dass nun endlich die Potenziale der Diskursforschung einer breiten Fachöffentlichkeit in Form eines Handbuches nahegebracht werden. Es richtet sich sowohl an Geograph(inn)en als auch an interdisziplinäre Diskursforscher(innen), die daran interessiert sind, Raum und Diskurstheorie zu verknüpfen. Die sehr heterogenen Einzelbeiträge, die einen Überblick über die verschiedenen theoretischen und methodischen Felder der Diskursforschung innerhalb der Geographie bieten, werden ausführlich von Georg Glasze und Annika Mattissek (in Teilen unterstützt von Paul Reuber, Robert Pütz und Hans Gebhardt) eingeleitet. Dieser Beitrag liefert einen detaillierten Einblick in die Grundsätze und Potenziale einer diskurstheoretischen Perspektive. Den Gewinn einer diskurstheoretischen Humangeographie sehen die Autor(inn)en insbesondere darin, Raum sowohl als Ergebnis als auch als Bestandteil sozialer Wirklichkeiten zu fassen. Darüber hinaus stellt die systematische Berücksichtigung (politischer) Machtverhältnisse bei der gesellschaftlichen Bedeutungskonstitution ein zusätzliches Erkenntnispotenzial der Diskursforschung dar. Mit Hilfe einer solchen theoretisch- konzeptionellen Grundlegung können "traditionellere" Fragestellungen der Humangeographie um eine politische Perspektive erweitert werden. Die Einleitung offenbart gleichzeitig auch die Komplexität des Handbuches, das einerseits den Gewinn einer systematischen Raumdiskussion für die Diskursforschung und andererseits den Gewinn einer Diskursforschung für die Humangeographie herausarbeiten möchte. Um diese Vielschichtigkeit zu systematisieren, hätte es ein Mehr an Orientierungshilfe gebraucht. Die komplexen und anspruchsvollen theoretischen Vorarbeiten von Michel Foucault, Henri Lefebvre, Ernesto Laclau, Doreen Massey (um nur einige zu nennen) geben dem Handbuch zum einen eine bemerkenswerte konzeptionelle Differenziertheit und Tiefe. Zum anderen bleibt es den Leser(inn)en überlassen, die Zusammenhänge, aber auch die Widersprüche und diskursiven Brüche, vor allem im Hinblick auf die Raumkonzeptionalisierungen der humangeographischen Diskursforschung zu ergründen. Dies ist vor allem darin begründet, dass die diversen, in den einzelnen Beiträgen thematisierten Raumkonzepte kaum einen gemeinsamen Bedeutungskern haben (vgl. Hard 2008: 263). Das Handbuch gliedert sich in drei Teilbereiche: in die theoretisch-konzeptionellen Grundlagen verschiedener diskurstheoretischer Ansätze (Teil A), in die Konzeptionalisierungen von Raum (Teil B) und in methodische Beispiele (Teil C). Im Teil A diskutiert Anke Strüver in ihrem Beitrag Wissen, Macht und Subjekt als zentrale Begriffe der Foucaultschen Diskurstheorie. Das Zusammenspiel von Diskurs und Subjekt (soziale Ebene) sowie von Körper und Raum (materielle Ebene) wird am Beispiel der Neubewertung von Körperlichkeit und Sportlichkeit erläutert. Henning Füller und Nadine Marquardt stellen in ihrem Beitrag den Gouvernementalitätsansatz vor. Dieser operiert mit einem komplexen und machtdurchzogenen Begriff des Regierens, der auf Foucault zurückgeht und unter anderem auch die Lenkungs- oder Disziplinierungsfunktion materieller Gegebenheiten auf das Verhalten von Menschen berücksichtigt. Anke Strüver und Claudia Wucherpfennig setzen sich mit dem Performativitätsansatz nach der Sprechakttheorie von John L. Austin und deren diskurstheoretischer Erweiterung durch Judith Butler auseinander. Mit dem ‚performative turn' wird eine Re-Sozialisierung und Re-Materialisierung der sprachlich-diskursiven Konstruktion von Wirklichkeit verfolgt und am Beispiel der gesellschaftlichen Herstellung von Subjektidentitäten diskutiert. Bernd Belina und Iris Dzudzek sprechen sich für eine ideologiekritische Diskursanalyse aus. Zentraler Erkenntnisgegenstand ist dabei der "vergessene" Zusammenhang zwischen scheinbar unab hängigen Diskursen und den sie eigentlich konstituierenden gesellschaftlichen Zusammenhängen. Anschließend befassen sich Georg Glasze und Annika Mattissek ausführlich mit der Hegemonieund Diskurstheorie von Laclau und Mouffe. Mit radikal konstruktivistischen Konzepten von Identität und Gesellschaft verfolgen Laclau und Mouffe das Ziel, Un-Logiken und Brüche hegemonialer Diskurse aufzuzeigen und diese diskursiven Verwerfungen in einem explizit normativen Ansatz für die Gestaltung und Entwicklung von Gesellschaft nutzbar zu machen. Judith Miggelbrink und Antje Schlottmann diskutieren im letzten Beitrag des ersten Teils, entlang welcher möglichen Pfade über diskurstheoretische Analysen von Bildern nachgedacht werden kann. Zusammengefasst bietet der erste Teil des Handbuches einen guten Überblick über einige zentrale theoretisch-konzeptionelle Ansätze der Diskursforschung. Wünschenswert wäre jedoch eine stärkere Verzahnung der jeweiligen theoretisch-konzeptionellen Grundlagen mit den sich daraus ableitenden Raumkonzeptionen gewesen. So wird nicht bei allen Beiträgen hinreichend deutlich, worin der Gewinn der gewählten theoretischen Zugänge für die daraus ableitbaren humangeographischen Fragestellungen liegt. Der zweite Teil des Handbuches (B) wendet sich explizit einer diskurstheoretischen Konzeptionalisierung von Raum zu und diskutiert dies sowohl hinsichtlich der Potenziale für humangeographische Fragestellungen als auch hinsichtlich konzeptioneller Impulse, die eine diskurstheoretisch informierte Humangeographie für die interdisziplinäre Diskursforschung bieten kann. Verena Schreiber zeigt im ersten Beitrag, an welchen Stellen in der Diskurstheorie von Michel Foucault "Raumangebote" ins Spiel kommen. Im Mittelpunkt des Aufsatzes stehen Konzepte und Ideen, in denen räumliche Bezüge und Begriffe auftreten. Daran anschließend nähert sich Georg Glasze dem Laclauschen Raumbegriff über einen akademischen Dissens zwischen Laclau und seinen Schülern einerseits und der gesellschaftskritischen Geographin Doreen Massey andererseits. Glasze konzediert, dass der Laclausche Raumbegriff als politisch konstituiert verstanden werden kann, dass jedoch raumbezogene Diskurse nur dann als Erklärung herangezogen werden sollten, wenn in einem territorialen - und nicht in einem nichträumlichen - Sinne, Identitäten konstruiert werden. Sybille Bauriedl kritisiert das Fehlen eines diskurstheoretisch fundierten und differenzierten Raumbegriffs. Mit Bezug zu Doreen Massey und weiteren Geograph(inn)en identifiziert und begründet sie relevante Raumkategorien für die Diskursforschung. Ein Fazit des Beitrags ist, dass Raum als sozial konstituiert und relational verstanden werden muss. Diskursforschung kann Raum und ebenso diskursiv hervorgebrachte geographische und politische Maßstäblichkeit dann als Ausdruck von Machtinteressen und gesellschaftlichen Normierungen verstehen. An dieser Stelle offenbart sich jedoch auch die Schwierigkeit, die offensichtlich sehr unterschiedlichen Raumverständnisse innerhalb der humangeographischen Diskursforschung zu identifizieren und zu systematisieren. Im empirisch-methodisch orientierten Teil C geben Iris Dzudzek, Georg Glasze, Annika Mattissek und Henning Schirmel einen Einblick in die Theorie und Praxis lexikometrischer Analyseverfahren. Als Verfahrenstechniken werden u.a. Frequenzanalyse, Konkordanzanalyse, Kookkurrenzanalyse und multivariate Analysen von Differenzbeziehungen vorgestellt und mit kurzen Beispielen veranschaulicht. Tilo Felgenhauer stellt in seinem Beitrag die Argumentationstheorie vor, die als Ausschnittsanalyse von argumentativen Passagen eine Ergänzung zur diskurstheoretischen Textanalyse darstellt. Anhand mehrerer geographischer Themenfelder wird verdeutlicht, wie raumbezogene Argumentationsmuster zu speziellen Welt- und Raumkonstruktionen führen und damit implizit Raumgewissheiten verbreiten. Die von Annika Mattissek vorgestellte Mikroanalyse zielt auf die Identifikation sprachlicher Formen, die über die jeweilige Aussage hinaus auf Vieldeutigkeiten, Widersprüchlichkeiten und Kontexte verweisen. Inwiefern kodierende Verfahren qualitativer Inhaltsanalysen für die Diskurstheorie fruchtbar gemacht werden können, zeigt der Aufsatz von Georg Glasze, Shadia Husseini und Jörg Mose. Diskurstheoretische Inhaltsanalysen zielen auf das Herausarbeiten der Verknüpfungen von Elementen, die in einem zweiten Schritt u.a. auf Häufigkeiten und Korrelationen untersucht werden. Durch eine Interpretation dieser ‚Artikulationen' werden dann diskursive Regeln der Bedeutungskonstitution abgeleitet. Der letzte Beitrag von Jörg Mose und Anke Strüver zeigt den hohen Stellenwert von Karten für Diskurse und in Diskursen auf und liefert anhand mehrerer Beispiele erste Ansätze, wie diese auf der Basis qualitativer Interpretationsver fahren analysiert werden können. Die in Teil C vorgestellten methodologischen und methodischen Zugänge zeigen ein klares Arbeitsprogramm einer diskurstheoretisch informierten Humangeographie. Die Beiträge geben eine Anleitung, wie sowohl auf der Makroebene eines Textvergleichs über lange Zeiträume als auch auf der Mikroebene einzelner Aussagen die diskursiven Konstruktionen von Bedeutungen, Wahrheiten und Wirklichkeiten beobachtet und analysiert werden können. Dabei wird allerdings nicht immer ganz deutlich, worin das Spezifische diskurstheoretischer Methoden in Abgrenzung zu anderen quantitativen und qualitativen Methoden der Sozialforschung liegt. In der Adaption bestehender Analyseverfahren wird zwar versucht, an die epistemologischen Grundlagen der Diskurstheorie anzuschließen. Dabei werden aber die eigenen Beobachtungen nicht durchgängig als Produkte machtdurchzogener Wissensbeziehungen und hegemonialer Deutungsweisen verstanden. Diese eingeschränkte und teilweise fehlende Reflexion der eigenen Perspektive bei der Analyse sozialer Phänomene zieht sich als ‚Geburtsfehler' durch die gesellschaftskritische Diskurstheorie. Es besteht die Gefahr, dass er sich auch auf eine diskurstheoretisch vorgehende Humangeographie vererbt (Redepenning 2006). Diese Erwägungen sollten jedoch nicht davon ablenken, dass die Beiträge der Autorinnen und Autoren des Handbuches einen sehr breiten und ertragreichen Einblick in die Potenziale der humangeographischen Diskursforschung und ihrer Grundlagen liefern. Gleichzeitig werden in dem Handbuch auch die Herausforderungen und damit die "Baustellen" einer humangeographischen Diskursforschung offen gelegt. Mit dem Handbuch liegt, wie Georg Glasze und Annika Mattissek es selbst formulieren, ein vorläufiges Zwischenfazit humangeographischer Diskursforschung vor. Zweifellos ist zu erwarten, dass dieser innovative sozialwissenschaftliche Theorieimport auch weiterhin die raumtheoretischen Debatten und die Forschungsfragen in der Geographie fruchtbar erweitern wird.
Julia Meschkank, Katharina Mohring, Julian Röpcke, Manfred Rolfes (Potsdam)

Hard, G. (2008): Der Spatial Turn, von der Geographie her beobachtet. - In: Döring, J. und T. Thielemann (Hrsg.): Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften. - Bielefeld: 263-316
Redepenning, M. (2006): Wozu Raum? Systemtheorie, critical geopolitics und raumbezogene Semantiken. - Beiträge zur Regionalen Geographie Europas 62. - Leipzig  

Quelle: Die Erde, 143. Jahrgang, 2012, Heft 1-2, S. 128-130

 

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