Jana Freihöfer: Karrieren im System der Vereinten Nationen. Das Beispiel hochqualifizierter Deutscher, 1973–2003. Heidelberg (= Heidelberger Geographische Arbeiten 124) 2007. 270 S.

Die Vereinten Nationen und ihre Organe und Sonderorganisationen sind wohl fast Jedem als global agierende Organisation(en) bekannt. An zahlreichen (welt-)politischen Diskursen sind die Vereinten Nationen beteiligt, oftmals auch unter konfliktträchtigen Rahmenbedingungen. In den Hintergrund tritt dabei, dass sich hinter den Vereinten Nationen gleichzeitig ein großer internationaler Arbeitgeber mit mehr als 55.000 Beschäftigten verbirgt. In welcher Weise dieser Arbeitgeber einer Vielzahl von Hochqualifizierten entsprechende Karrierewege öffnet, darauf legt Jana FREIHÖFER ihren Fokus.

Auf der Basis einer sehr umfassenden empirischen Recherche geht sie darin den Berufsverläufen und Karrieremöglichkeiten deutscher UN-Beschäftigter auf den Grund. Dazu wurden die beruflichen Stationen von über 1.500 Deutschen, die zwischen 1973 und 2003 bei den Vereinten Nationen angestellt waren, ausgewertet. Zusätzlich flossen die Angaben von 174 deutschen UN-Beschäftigten in die Analysen ein. Die Daten wurden im Rahmen einer standardisierten Online-Befragung erhoben (Rücklaufquote 35 %). Und schließlich führte die Verfasserin noch 25 Tiefeninterviews mit ausgewählten Angehörigen ihrer Zielgruppe. Die erhobenen Daten gestatten sehr tiefe und differenzierte Einblicke in die beruflichen Karrieren der UN-Beschäftigten. Dabei unterscheidet die Verfasserin, inwieweit einerseits individuelle Eigenschaften und andererseits strukturelle Einflüsse die Karrieren bedingen.

Mit der Anlage ihrer Untersuchung beschreitet Jana FREIHÖFER einen eher traditionellen Weg der Berufs- und Karriereforschung. Berufliche Erfolge oder individuelle Karriereverläufe werden im Kontext eines multivariatenWirkungsgefüges erklärt. Dies wird auch beim Blick auf den theoretischen Rahmen der Arbeit deutlich: Die Verfasserin bezieht sich weitgehend auf Theorieansätze und Vergleichsuntersuchungen, die ihre Wurzeln in der klassischen Arbeitsmarkt-, Karriere- und Migrationsforschung aus der Zeit von den ausgehenden 1970er bis zu den beginnenden 1990er Jahren haben. Dementsprechend liefert die Arbeit nur wenige Anregungen für die theoretischen und konzeptionellen Diskussionen der aktuellen interdisziplinären Arbeitsmarkt-, Karrieren- oder Migrationsforschung.

Die Präsentation der empirischen Ergebnisse folgt in groben Zügen einem modellhaften Berufs- und Karriereverlauf: Zunächst werden die Einstiege in eine berufliche Tätigkeit bei den Vereinten Nationen analysiert. Dabei arbeitet Jana FREIHÖFER beispielweise die sehr unterschiedlichen Rekrutierungsstrategien der Vereinten Nationen differenziert heraus. Sehr ausführlich werden dann die Berufs- und Karriereverläufe der deutschen Angestellten während ihrer aktiven Beschäftigungszeit bei den Vereinten Nationen untersucht. Dazu werden verschiedene Karrieretypen gebildet und die unterschiedlichen Einflüsse auf die Karriereverläufe ermittelt und dimensionalisiert. Interessant sind in diesem Zusammenhang die Erkenntnisse in Bezug auf die Zusammenhänge zwischen regionaler Mobilität und dem beruflichen Erfolg. So lässt sich nicht nachweisen, dass ein hohes Ausmaß an regionaler Mobilität gleichzeitig auch ein Garant für eine berufliche Karriere bei den Vereinten Nationen sein muss. Abschließend befasst sich die Autorin dann mit dem Ausstieg aus einer beruflichen Tätigkeit bei den Vereinten Nationen.

Als Fazit ist festzuhalten, dass die Arbeit insbesondere für diejenigen Leser/innen interessant sein dürfte, die detaillierte Informationen und Erkenntnisse zu Berufs- und Karriereverläufen von Hochqualifizierten erhalten möchten. Auch wer die Vereinten Nationen als Arbeitgeber sowie deren Rekrutierungsstrategien und Personalpolitiken im Hinblick auf deutsche Hochqualifizierte in differenzierte Weise kennen lernen möchte, sollte zu dieser Arbeit greifen. Demgegenüber werden Leser/innen, die nach konzeptionellen Beiträgen oder theoretischen Ergänzungen zu aktuellen, interdisziplinären Diskussionen in der Arbeitsmarkt-, Karriere- oder Migrationsforschung suchen, nicht auf ihre Kosten kommen. Dabei hätten gerade die Tiefeninterviews bei einer weniger schematischen Auswertung sehr gute Ansatzpunkte geboten, um zum Beispiel die aktuellen Diskussionen in der Transmigrationsforschung zu befruchten. Jana FREIHÖFER hat mit deutschen UN-Angestellten eine Gruppe von Hochqualifizierten in den Fokus genommen, die international hoch mobil ist. Mit nur geringen Ergänzungen bei den Themenbereichen der Tiefeninterviews oder einer erweiterten Akzentsetzung bei der Auswertung der Interviews hätten beispielsweise Fragestellungen im Kontext des Konzepts Transnationaler sozialer Räume oder Transnationaler Biographien und Identifikationen bearbeitet werden können. Damit hätte die Arbeit aus einer humangeographischen Perspektive zu einer derzeit aktuellen Diskussion in der interdisziplinären Migrationsforschung beitragen können.
Manfred Rolfes, Potsdam

Berichte zur deutschen Landeskunde, Bd. 84, H.1, 2010, S. 93-95

 

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