Jörg Becker: Erdbeerpflücker, Jörg Becker: ErdbeerpflückerSpargelstecher, Erntehelfer: polnische Saisonarbeiter in Deutschland - temporäre Arbeitsmigration im neuen Europa. Bielefeld 2010. 256 S.

Jedes Jahr pünktlich zur Spargelzeit setzen die öffentlichen Debatten um den massenhaften Einsatz vorwiegend polnischer Erntehelfer/-innen in der deutschen Landwirtschaft ein. Seit der Einführung der Saisonarbeitsvereinbarungen Anfang der 1990er Jahre stieg die Zahl der Verträge von rund 130.000 auf Spitzenwerte von über 300.000 an, und Polen war und ist das bedeutsamste Herkunftsland (BAMF 2009). Kritiker der Saisonmigration, die den stärkeren Einsatz deutscher Langzeitarbeitsloser fordern, stehen dabei der Landwirtschaftslobby gegenüber, die auf die Zuverlässigkeit und Flexibilität der ausländischen Arbeitskräfte hinweist, ohne die die (hand)arbeitsintensive Produktion von Spargel oder Erdbeeren schlicht unmöglich wäre.

Beiden Positionen ist gemeinsam, dass sie die saisonale Migration ausschließlich aus der deutschen Perspektive heraus beleuchten. Die Motivation, Migrationsverläufe und Folgen der Saisonarbeit für die Migrant/-innen sowie die Strukturierung der Beziehungen zwischen Herkunfts- und Zielländern der Saisonmigration hingegen werden komplett ausgeblendet.

Die Migrationsforschung mag dabei ihren Anteil haben, denn sie wandelte sich nach dem Anwerbestopp 1973 verstärkt zu einer "eher sozialtechnologisch orientierten Integrationsforschung" (S. 13), wie Jörg Becker in seinem 2010 erschienenen Buch "Erdbeerpflücker, Spargelstecher, Erntehelfer. Polnische Saisonarbeiter in Deutschland - temporäre Arbeitsmigration im neuen Europa" einleitend feststellt. Da die Integrationsfrage bei saisonalen Migrant/-innen nicht auftaucht, standen sie bis dato kaum im Fokus der deutschsprachigen Migrations- und Integrationsforschung. Diese ist derzeit im Wandel, denn gerade die geographische Migrationsforschung entstieg in den vergangenen Jahren den containerräumlichen Ansätzen und öffnete sich theorie- und methodenkritisch neuen Perspektiven, um auch bislang weniger beleuchtete Fragen und Phänomene einer "adäquaten sozialwissenschaftlichen Analyse zugänglich zu machen" (S. 14).

Die Saisonarbeitsmigration polnischer Migrant/-innen ist für Jörg Becker so etwas wie ein Ankerbeispiel für die "Neupositionierung der sozialwissenschaftlichen Migrationsforschung" (S. 14). Seine Studie ordnet er als explorative empirische Arbeit ein, die gleichwohl theoretisch reflektiert ist. Seine Kernfragen behandeln (laut Klappentext) die "spezifischen politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen, auf die die (vor allem polnischen) Saisonarbeiter treffen, und die im Migrationsprozess entstehenden Migrantennetzwerke". Während der erste Teil dieser Fragestellung vorwiegend durch die Analyse von Sekundärmaterial und Expertengesprächen beantwortet wird, untersucht Jörg Becker die Kontextbedingungen der Migration und die Bedeutung von Migrant/-innennetzwerken durch quantitative und qualitative Erhebungen, vorwiegend auf einem großen Erdbeerhof in Schleswig-Holstein sowie in landwirtschaftlichen Betrieben am Niederrhein. Zur Analyse des Zusammenhangs zwischen betrieblichen Entwicklungsstrategien und dem Einsatz von Saisonkräften diente eine standardisierte Betriebsbefragung ausgewählter Betriebe. Die empirischen Untersuchungen wurden im Jahr 2002 durchgeführt. Letzte Arbeiten am Manuskript erfolgten offensichtlich 2006, was die Aktualität der Darstellung an vielen Stellen einschränkt.

Die Publikation ist in fünf Kapitel organisiert. Nach der Einleitung folgt ein breit angelegtes Theoriekapitel, danach eine sehr ausführliche Darstellung der Migrationsentwicklung aus Polen sowie der politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen der Saisonarbeitsmigration. Im anschließenden vierten Kapitel werden die empirischen Ergebnisse vorgestellt. Eine recht knappe Zusammenfassung beendet diese Publikation.

In der Auswahl der präsentierten Theorien orientiert sich Becker an deren Erklärungsgehalt für das empirische Beispiel. Hierfür wird die beobachtete Migration als temporäre Migration, als Kontrakt- und zirkuläre Wanderung (S. 22) und als deren Hauptcharakteristikum die "erhebliche staatliche Einflussnahme und Normierung" (ebd.) verstanden. Danach werden zunächst gängige Eingliederungskonzepte (etwa von Esser, Hoffmann-Nowotny und Heckmann) vorgestellt, was - wie der Autor selbst in einer Fußnote bemerkt - hinsichtlich ihrer Relevanz für die Erklärung des Phänomens durchaus fragwürdig erscheint. Anschließend wird auf die Ansätze des Transnationalismus und der Fragen von Identität und Migration eingegangen, um schließlich zur Systemtheorie zu gelangen, die der Autor als erklärendes Element favorisiert. Die etwas unverbunden erscheinende Präsentation dieser Theorieelemente wird mit dem Versprechen abgerundet, dass nach der "Entfaltung des empirischen Materials" (S. 56) der Erklärungsgehalt der genannten Theorien festgestellt werden wird.

Das dritte Kapitel befasst sich mit der Entstehung und dem Verlauf der temporären Migration aus Polen nach Deutschland vor dem Hintergrund des gesamten Migrationsgeschehens aus Polen vor und nach 1989. Als klassisch geographische Informationsebene sind hier die Karten hervorzuheben, die die Herkunftsregionen unterschiedlicher Migrant/-innengruppen aus Polen aufzeigen und damit die Daten des polnischen Statistikamtes in einer neuartigen und informativen Weise präsentieren. Leider enden die Ausführungen zeitlich Ende der 1990er Jahre, so dass die für das polnische Migrationssystem so wichtige Zäsur des EU-Beitritts im Mai 2004 ausgeblendet wird.

Ausführlich werden die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen der Saisonarbeiterbeschäftigung in Deutschland beschrieben und anhand von Dokumentanalysen die Hauptargumente des politischen Diskurses zur Saisonarbeit aufgegriffen. Die nachfolgende Analyse der Entwicklung landwirtschaftlicher Betriebsstrukturen kommt zu dem wichtigen und sicherlich richtigen Schluss, dass der Strukturwandel in der deutschen Landwirtschaft ohne die groß angelegte Anwerbung ausländischer Saisonkräfte nicht möglich gewesen wäre. Schade ist hier, dass ein Abgleich der eigenen Erkenntnisse mit vergleichbarer Literatur zu dem Thema (z.B. Dietz 2004) nicht erfolgt, und dass wiederum die Daten- und Ereignisdarstellung zu einem relativ frühen Zeitpunkt endet (2006). So sind einige Aussagen in Bezug auf die Arbeitskostendifferenz polnischer und einheimischer Arbeitskräfte sowie bezüglich der Gesamtbedeutung polnischer Saisonarbeitskräfte im Vergleich zu anderen Herkunftsländern mittlerweile von der Realität überholt.

Kapitel 4 widmet sich der Beschreibung der empirischen Erhebung und der Ergebnisdarstellung. Die Erkenntnisse zur soziodemographischen Struktur der Saisonarbeitsmigrant/-innen decken sich größtenteils mit den Ergebnissen anderer Studien auf diesem Gebiet (z.?B. Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung 2002, Glorius 2009, 2010, Korczynska 2001). Saisonarbeitsmigrant/-innen sind vorwiegend weiblich, mittleren Alters und familiär gebunden. Meist verfügen sie über einen mittleren Bildungsabschluss. Ein Großteil der Arbeitskräfte ist in Polen nicht berufstätig, was die Möglichkeit des flexiblen Arbeitseinsatzes in Deutschland sowie die Motivation, die Saisonarbeit für einen für deutsche Verhältnisse eher bescheidenen Lohn aufzunehmen, erklärt. Auch die aus anderen Studien bekannte Bedeutung sozialer Netzwerke für den Vermittlungsprozess der Saisonarbeitsmigrant/-innen wird durch Beckers Ergebnisse bestätigt. Eine vertiefende Betrachtung dieser Netzwerke durch eine Netzwerkanalyse (S. 147-155) ist zwar methodisch durchaus interessant, verspricht aber bereits im Vorfeld wenig neue Erkenntnisse, was sich im Ergebnis dann auch bestätigt. Die Differenzierung der Nähe und Intensität zwischen verschiedenen Netzwerkpunkten, insbesondere die von Granovetter (1982) beschriebene "strenght of weak ties", zeigt sich in diesem Beispiel nicht, denn Netzwerke sind hier weniger migrationsspezifisch als vielmehr Element einer Rekrutierungsstrategie (S. 157).

Die anschließende Passage widmet sich dem qualitativen Untersuchungsteil. Er umfasst narrative Interviews mit insgesamt 15 polnischen Saisonmigrant/-innen, von denen vier für die Publikation aufbereitet wurden. Die Integration dieses Methodenbausteins hat zum Ziel, die Verarbeitung des Migrationserlebnisses aus der Innenperspektive der Migrant/-innen zu verstehen. Die vier Fallbeispiele, ausgesucht nach dem Aspekt größtmöglicher Streuung, werden zunächst fallbezogen dargestellt und analysiert. Dann werden in einem strukturellen Vergleich verschiedene Typen herausgearbeitet, die die Unterschiede in der Deutung und Bewältigung der Pendelmigrationserfahrung aufzeigen. Die theoretische Unterfütterung dieser Typisierung bezieht sich auf handlungs- und systemtheoretische Ansätze und orientiert sich an der im Erzählten vorgefundenen Gewichtung zwischen Verhalten bzw. Erleben und Handeln. Die drei Typen, die Jörg Becker aus den vier Interviews entwickelt (der reflexive Typ, der normative Typ, der positiv selektive Typ) können schlüssig in diese Matrix eingeordnet werden. Allerdings werden die weiteren elf narrativen Interviews keiner derartigen Zuordnung unterzogen, so dass die Verallgemeinerungsfähigkeit der Analyseergebnisse unklar bleibt. Da auch kein Versuch unternommen wird, die Konsequenzen der unterschiedlichen Deutungs- und Verarbeitungsmuster der Migrant/-innen aufzuzeigen, bleibt dieser Untersuchungsschritt wenig mehr als eine akademische Übung.

Die Zusammenfassung greift die Ergebnisse der unterschiedlichen Empirieteile nochmals auf und stellt sie in einen Zusammenhang zu den zuvor abgehandelten Theorien - weniger jedoch in einen Zusammenhang zueinander. Ebenso wenig wird ein Ausblick auf mögliche weitere Entwicklungen unternommen. In der Gesamtwürdigung muss man feststellen, dass die Publikation dort am stärksten ist, wo sie die strukturellen Hintergründe des polnisch-deutschen Saisonmigrationssystems und seine Abhängigkeit von politischen Aushandlungsprozessen analysiert. Auf diesem Gebiet würden sich sicherlich weiterführende Untersuchungen anbieten. Getrübt wird dieser positive Befund durch die Tatsache, dass die politische Debatte nur bis zum Jahr 2006 verfolgt wird, so dass die großräumigen Veränderungen des polnischen Migrationssystems nach 2004 nicht berücksichtigt wurden. Diese Veränderungen betreffen auch die Saisonarbeitsmigration, die sich seither auch auf andere europäische Zielländer konzentriert, wo sie auf konkurrierende Migrationstraditionen, Migrant/-innengruppen und Aushandlungsprozesse trifft. Diese Beziehungen sind in der europäischen vergleichenden Migrationsforschung durchaus bereits aufgegriffen worden (z.B. Michalon & Morice 2009, Kepinska 2008). Eine Spiegelung der eigenen Ergebnisse mit jenen überregionalen Erfahrungen hätte einer aktuellen Publikation mit dem Untertitel "temporäre Arbeitsmigration im neuen Europa" gut zu Gesicht gestanden.


Literatur

BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) (2009): Migrationsbericht 2008 des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Nürnberg.

Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung (2002): Situation der ausländischen Arbeitnehmer und ihrer Familienangehöriger in der Bundesrepublik Deutschland, Repräsentativuntersuchung 2001, Teil B: Polnische Werkvertragsarbeitnehmer, Gastarbeitnehmer und Saisonarbeitnehmer in der gesamten Bundesrepublik, Forschungsbericht im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung. Offenbach/München.

Glorius, B. (2009): La migration pendulaire de la main-d'oeuvre entre la Pologne et l'Allemagne. In: Etudes Rurales 182, 139-152.

Glorius, B. (2010): Die neuen Sachsengänger: Pendelmigration polnischer Erntehelfer nach Sachsen. In: Migration und Soziale Arbeit 2, 110-117.

Granovetter, M. (1973): The strength of weak ties. In: American Journal of Sociology 78(6), 1360-1380.

Kepinska, E. (2008): Migracje sezonowe z Polski do Niemiec. Warschau.

Korczynska, J. (2001): Individuelle Kosten und Nutzen der Saisonarbeit der Polen in Deutschland. In: Pallaske, C. (Hrsg.): Die Migration von Polen nach Deutschland. Baden-Baden.

Michalon, B. und Morice, A. (Hrsg.) (2009): Travailleurs saisonniers dans l'agriculture européenne. In: Etudes Rurales 182.


Birgit Glorius, Leipzig

Quelle: Geographische Zeitschrift, 100. Jg., 2012,  Heft 1, · S. 62-64

 

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