Isabell Diehm u. Argyro Panagiotopoulou (Hg.): Bildungsbedingungen in europäischen Migrationsgesellschaften. Ergebnisse qualitativer Studien in Vor- und Grundschule. Wiesbaden 2011. 191 S.

Der Titel könnte falsche Erwartungen wecken. Erst der Untertitel macht klar, dass kein Vergleich von Bildungssystemen zu erwarten ist. Vielmehr werden meist kleine Szenen aus dem Unterrichts- und Erziehungsalltag geschildert und analysiert, wofür Verf. die ethnographische Methode verwenden. Marianna Jäger zeigt am Beispiel der Schüler- und Lehreräußerungen über einen Primarschüler aus schulfernem Milieu, wie ein Kind durch die täglich darin bestätigten Schulnormen in den Außenseiterstatus gerät. Diese Fallstudie aus einer Schweizer Primarschule ist vom nationalen Kontext unabhängig. Christos Govaris gibt dagegen einen Einblick in die bildungspolitische Beantwortung der Migration in Griechenland, wo zumindest in Lehrplänen die kulturelle Pluralisierung durch Migration zur Kenntnis genommen wird.

Die interkulturellen Programmformeln sind aber wie hierzulande in der Tendenz überwiegend kulturalistisch (53). Auf mehrere Feldaufenthalte in finnischen Vor- und Grundschulen stützt sich Wiebke Hortsch, die u.a. anhand von Szenen aus dem Finnischunterricht demonstriert, wie Kinder mit Migrationshintergrund dort gefördert werden. Sie bestätigt, was vom finnischen Bildungssystem bekannt ist: die Kooperation aller pädagogischen Fachkräfte und die Inklusion schwacher Schüler/innen. Außerdem wird deutlich, wie wichtig gute Anschlüsse der Grundschule an die Vorschule sind. Aufschlussreich ist, dass bei uns zum Teil verpönte Methoden (Vorlesen im Chor etc.) offenbar durchaus mit einem fortschrittlichen Bildungssystem kompatibel sind. Nadine Christmann kommentiert Szenen aus einer luxemburger Vorschulklasse, mit denen sie den positiven Umgang einer Lehrerin mit sprachlicher Pluralität demonstriert. Christina Huf informiert über "Politiken und Praktiken im Umgang mit kultureller und sprachlicher Diversität im englischen Bildungssystem". Demnach ist zwar seit Anfang der 1990er Jahre eine eher assimilationistische Tendenz vorherrschend. Aber die geforderte Beherrschung der Landessprache wird wenigstens konsequent von der Vorschule an gefördert. Maßgebend dafür ist die unter der Labour-Regierung durchgeführte Reform der frühkindlichen Bildung (›Foundation Stage‹) und das Programm der National Literacy Strategy. Sie schildert das methodisch angeleitete Lesenlernen mit Bilderbüchern. Ihre Beobachtungen in einer Primary School illustrieren die für deutsche Verhältnisse vorbildliche interkulturelle Orientierung (dreisprachige Beschriftungen, Teamteaching, Kooperation mit den Nursery Schools, dreisprachige Elterninformationen). Mikael Luciak schildert die Situation von Romakindern mit Migrationshintergrund an österreichischen Volksschulen, was dieselben Systemdefizite offenbart wie in Deutschland. "Ethnisierende Differenzinszenierungen im Kindergartenalltag" möchte Melanie Kuhn am Beispiel der pantomimischen Umsetzung des Kinderlieds "Wir fliegen um die ganze Welt" verdeutlichen. Claudia Machold stellt zwei kurze Fernsehfilme zur frühkindlichen Bildung aus Nordirland gegenüber, um problematische und unproblematische Darstellungsweisen von Differenz aufzuzeigen. Eine Kurzdarstellung des Umgangs mit Vielfalt an kanadischen Schulen von Jessica Löser beschließt den Band.

Die Beiträge sind heterogen, was den methodischen Zugang generell, den Anteil von Theorie und Empirie und damit den Umfang betrifft. Einen Vergleich zwischen europäischen Bildungsverhältnissen, wie ihn der Titel verspricht, ermöglicht nur ein Teil der Texte. Es stellt sich erneut die Frage nach dem Nutzen solcher Sammelbände. Einige Beiträge mit den Miniaturen aus dem pädagogischen Alltag bieten allerdings ausgezeichnete Lernanlässe für die Aus- und Fortbildung.
Georg Auernheimer (Traunstein)

Quelle: Das Argument, 53. Jahrgang, 2011, S. 612

 

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