Dietrich Fürst: Raumplanung. Herausforderungen des deutschen Institutionensystems. Detmold (Planungswissenschaftliche Studien zu Raumordnung und Regionalentwicklung 1) 2010. 268 S.

Raumordnungspolitik ist in Deutschland in den letzten Jahren zumindest auf Bundes- und Landesebene zur Nebensache geworden. Beim zuständigen Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen ist Raumplanung nur noch auf der Referatsebene angesiedelt, was als deutlicher Hinweis auf den derzeit geringen Stellenwert dieses Politikfeldes gewertet werden kann. Nach der Erarbeitung von neuen raumordnungspolitischen Leitbildern und Handlungsstrategien Mitte der 2000er Jahre ist die Raumplanung bundespolitisch heute fast nicht mehr zu erkennen.

Auch auf der Ebene der Länder hat die Raumplanung vielfach an Bedeutung verloren. Beispielhaft sei auf das bevölkerungsreichste Land Nordrhein-Westfalen verwiesen, in dem es zwar eine lange Tradition der räumlichen Planung gibt, in der die formalisierte Landesplanung heute aber nur noch bei Einzelvorhaben wie der umstrittenen Genehmigung von Steinkohlekraftwerken oder großflächigen Einzelhandelseinrichtungen in Erscheinung tritt. So wird in Nordrhein-Westfalen seit über zehn Jahren in immer wieder neuen Anläufen an einem neuen Landesentwicklungsplan gearbeitet, ohne dass Anfang 2011 erkennbar ist, was für ein Ergebnis dabei herauskommen wird.

In einer solchen Zeit der weitgehenden Bedeutungslosigkeit eines Politikfeldes zumindest auf Bundes- und Landesebene ist jetzt ein neues Buch zur Raumplanung erschienen, in dem der Hannoveraner Planungswissenschaftler Dietrich Fürst das Institutionensystem der deutschen Raumordnungspolitik umfassend darstellt und untersucht. Fürst hat dieses Politikfeld bereits seit Jahren und Jahrzehnten grundsätzlich und kritisch aus einer eher politik- bzw. verwaltungswissenschaftlichen Sicht begleitet und sich dazu auch schon in zahlreichen Veröffentlichungen geäußert. Das letzte anspruchsvolle und umfassende Werk zu den politischen und verwaltungspolitischen Grundlagen dieses Politikfeldes aus dem Jahr 1993 stammte auch bereits von ihm und Ernst Hasso Ritter. Er ist also ein außerordentlicher Kenner der Szene, der jetzt nach seiner Emeritierung als Hochschullehrer eine wohl begründete und schonungslose Analyse des Politikfeldes Raumplanung vorgelegt hat. Erschienen ist das Buch als erster Band einer neuen Schriftenreihe, in denen universitätsübergreifend unter dem Titel "Planungswissenschaftliche Studien zu Raumordnung und Regionalentwicklung" Beiträge zu diesem Themenfeld erscheinen werden.

Mit seinem neuen Buch will Fürst nach eigenem Anspruch die "Diskrepanz zwischen den hohen Erwartungen, die an Raumplanung aus theoretischer Sicht vielfach gestellt werden, und den praktischen Schwierigkeiten, diesen gerecht zu werden" (S. 13) untersuchen. Dazu analysiert er aktuell und umfassend das Institutionensystem der Raumplanung. Er unterscheidet zwischen der Aufbauorganisation, also der Strukturierung einer Organisation, und der Ablauforganisation, also der Gestaltung von Verfahren und Prozessen in der Organisation. Beide Organisationsformen stellt er systematisch für die Bundes-, Landes- und Regionalebene vor. Interessant ist, dass sich auf der regionalen Ebene heute ein breites Spektrum an Organisationsformen und Verfahrensweisen findet, die teilweise auch für neue Governance-Formen stehen. Im Ergebnis verweist Fürst allerdings auf die schwierige Rolle der Querschnittsaufgabe Raumplanung, die geringe Attraktivität dieses Politikfeldes, die Umsetzungsprobleme gegenüber den Kommunen und Fachplanungen, die Einflussnahme anderer Entscheidungen auf dieses Politikfeld sowie das unzureichende Instrumentarium der Raumplanung. In seinem Schlusskapitel klingt dann an, dass neben den Fragen zur Institutionalisierung auch eine stärkere Berücksichtigung der handelnden Personen einen Erklärungsansatz für die Defizite der Raumplanung bieten könnte. Dies könnte neben den Institutionen bezogenen Ursachen eine weitere interessante Ursache für die Diskrepanz zwischen Anspruch und sichtbaren Ergebnissen der Raumplanung sein, die noch weiter untersucht werden könnte.

Das Buch will nach eigenem Anspruch kein Lehrbuch sein. Trotz des systematischen Aufbaus, der zunächst den Eindruck eines Lehrbuchs vermittelt, erfüllt es nach meiner Einschätzung diese Funktion auch nicht, weil es zum einen drei klare Fragestellungen zur Wirksamkeit der Raumplanung verfolgt und auch beantwortet. Zum anderen ist es für ein Lehrbuch sprachlich zu anspruchsvoll. So werden die Diskrepanzen zwischen dem Anspruch und der Realität der Raumplanung sicherlich präzise und exakt herausgearbeitet, doch dabei sind einige Formulierungen stellenweise recht schwerfällig und akademisch, so dass sie keine Begeisterung für dieses Politikfeld wecken können. Nun ist es allerdings auch nicht der Anspruch dieses Buches, für die Anliegen der Raumplanung zu werben. Doch bleibt der Eindruck, dass zwischen der augenblicklichen Bedeutungslosigkeit dieses Politikfeldes und der teils technokratischen Sprache, die dieses Politikfeld bestimmt, eine weitere Erklärung für den geringen Stellenwert der Raumplanung liegen könnte.

Für einen Leser, der die Raumplanungsdebatte schon länger verfolgt, bietet das Buch zahlreiche Aha-Erlebnisse - für einen Leser, der sich bisher nicht mit Raumplanung beschäftigt hat, wird letztendlich keine Werbung für dieses Politikfeld betrieben. Dies war dann aber auch nicht das Ziel des Autors.

Claus-C. Wiegandt

Quelle: Erdkunde, 65. Jahrgang, 2011, Heft 2, S. 225-226

 

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