Christian Schwick, Jochen Jaeger, René Bertiller, Felix Kienast: Zersiedelung der Schweiz - unaufhaltsam? Quantitative Analyse 1935 bis 2002 und Folgerungen für die Raumplanung. Bern 2010. 114 S.

"Verkommt die Schweiz zur Großagglomeration?" - das fragte vor einigen Jahren der Artikel einer großen schweizerischen Tageszeitung. Dahinter stand der Gedanke der zunehmenden Zersiedelung eines Landes, das sich vor allem im Tourismus als heile "Heidi-Welt" darstellt. Das Gegenteil davon wird im Geleitwort, i Vorwort und auch in der Einleitung skizziert und durch die vier farbigen Karten für 1935, 1960, 1980 und 2002 dokumentiert. Die seit rund drei Jahrzehnten anhaltende Kritik am sogenannten "Landschaftsverbrauch" benennt das Problem, das jedoch wegen der wenig griffigen Gesetzgebung nicht gemeistert wurde.

Das Raumplanungsgesetz des Bundes ist sehr allgemein gehalten und gibt die Verantwortung an die Kantone mit ihren "Richtplänen" (Landnutzungsplänen) ab. Da die Kompetenz zur Überbauung oder Nichtüberbauung jedoch bei den Gemeinden liegt, werden durch lokalen Interessensfilz kantonale Vorstellungen unterlaufen. Letztlich steht das Wirtschaftswachstum im Vordergrund, das sich im Flächenbedarf ausdrückt und das eine "kontraproduktive Konkurrenz zwischen den Gemeinden sowie zwischen den Kantonen um Arbeitsplätze, Steuerzahler und Einwohner" (S. 87) generiert. Da die visuelle Wahrnehmung von Zersiedlung und Landschaftszerschneidung subjektiv ist, bedarf es "neuer Messgrössen" (S. 14ff.). Das klar gegliederte und sehr gut dokumentierte Buch weist folgende Kapitel auf: 1. Einleitung (S. 13ff.); 2. Methode (S. 21ff.); 3. Zersiedelung (S. 35ff.); 4. Entwicklung der Zersiedelung (S. 41ff.); 5. Zersiedelung in ausgewählten Regionen (S. 53ff.); 6. Szenarien zur künftigen Entwicklung (S. 67ff.); 7. Zersiedelung im Zusammenhang mit Landschaftszerschneidung und anderen Landschaftsveränderungen (S. 77ff.); 8. Folgerungen (S. 83ff.). Es schließen sich Zusammenfassung, Literaturverzeichnis und Anhang an. Im Anhang (S. 103ff.) finden sich die Formeln für die neuen Messgrössen für die Zersiedelung, die im Text - Kap. 2.2 (S. 24ff.) - abgeleitet und begründet werden. Der Text bedient verschiedene Maßstabsbereiche - die fünf Großlandschaften der Schweiz, die 50 so genannten Agglomerationen, die Kantone und die Bezirke (diese vor allem durch die Tabellen im Anhang dokumentiert). Mit sechs Szenarien wird auch in die Zukunft geschaut. Das Verfasserteam ist sich bewusst, dass die Zersiedelung voranschreiten wird und dem Ziel einer nachhaltigen Nutzung entgegensteht. Im Kap. 8.2 Konkrete Massnahmen zur Eindämmung der künftigen Zersiedelung (S. 85ff.) werden elf Maßnahmen vorgestellt, die an sich dem gesunden Menschenverstand entspringen könnten. Die auch graphisch und bildlich dokumentierten Raumbeispiele aus verschiedenen Teilen der Schweiz belegen jedoch, dass es daran offensichtlich mangelt. Dass weder diese Maßnahmen noch die Messgrößen Allheilmittel sind, weiß auch das Autorenteam. Es verweist auf Differenzierungmöglichkeiten und -notwendigkeiten, z. B. durch regionsspezifische Ziel-, Grenz- und Richtwerte zur Steuerung der Zersiedelung (S. 99) oder auf die Steuerungsinstrumente Regulierung, Planung, Anreize, Partizipation, Information bzw. Erziehung (S. 90f.). Mit der vorgelegten Methodik wird ein sehr überzeugendes, weil objektives Instrument zur Kennzeichnung der Zersiedelung vorgelegt, dem zu wünschen ist, dass davon auf allen politischen und planerischen Entscheidungsebenen reger Gebrauch gemacht wird. Die Methodik ist, wie auch das gesamte Buch, wegen des Ansatzes und der Klarheit der Darstellung dafür sehr geeignet. Das Werk gehört nicht nur auf diverse Verwaltungsebenen zwischen Bund und Gemeinde, sondern auch in Fachbibliotheken und in die Hände der Studierenden, um deren künftige Lebensraumentwicklung es schließlich geht. Das Buch zeichnet sich durch hohe fachli che Kompetenz aus. Dies belegen die Definitionen, der Einsatz der planerisch-geographischen Terminologie und die ausgewählten Raumbeispiele. Dem Team ist ein großer Wurf gelungen.
Hartmut Leser (Basel)

Quelle: Die Erde, 143. Jahrgang, 2012, Heft 1-2, S. 133-134

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