Theodor Bergmann: Der 100-jährige Krieg um Israel. Eine internationalistische Position zum Nahostkonflikt. Hamburg 2011. 88 S.

Die jüngsten Kontroversen in der Partei Die Linke um eine adäquate Haltung gegenüber den Konfliktparteien im Nahen Osten sind oftmals mehr von Emotionen als von politischem Sachverstand getragen. Dieses Buch kommt damit zur rechten Zeit. Verf., Jahrgang 1916, versteht vom Thema erheblich mehr als die meisten: 17-jährig musste er in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina emigrieren, wo er zumeist in der Landwirtschaft arbeitete. Schon 1936 kehrte er nach Europa zurück, ging zuerst in die Tschechoslowakei und später nach Schweden, 1946 dann nach Westdeutschland, aber Israel und der Nahe Osten haben ihn nicht mehr losgelassen.

 

 Verf. sieht verschiedene, einander teilweise überlagernde Konflikte: Der Zionismus griff als jüdische Nationalbewegung auf historische Traditionen zurück, sei jedoch ohne den immer mörderischer werdenden Antisemitismus nicht denkbar gewesen. Innerhalb des Zionismus und der jüdischen Gemeinschaft in Palästina existierten Klassengegensätze, und diese waren noch viel stärker in der arabischen Nationalbewegung ausgeprägt. Der jüdisch-arabische Gegensatz hätte trotz der heftigen Auseinandersetzungen um das Land in rationale Bahnen gelenkt werden können, hätten die Großmächte und ihre eigennüt zigen Interessen nicht zur Eskalation entscheidend beigetragen: zuerst die britische Kolonialmacht, die von anfänglicher Begünstigung der Zionisten zur Unterstützung der reaktionärsten arabischen Regimes überging, später die USA und die Sowjetunion. An letzterer übt Verf. deutliche Kritik: Sie und die meisten ihrer Verbündeten, darunter auch die DDR, hätten nach 1945 mit Recht die Anerkennung der Grenzen in Europa gefordert, seien aber zur Anerkennung der Existenz Israels zwar in Worten, doch nicht in Taten bereit gewesen. Deutsche Linke neigten allzu oft dazu, diese Fakten zu ignorieren oder zu vergessen. "So bleibt die aktuelle Debatte fast frei von Kenntnis und Verständnis einer erst kürzlich vergangenen Geschichte." (66)

Verf. räumt darüber hinaus mit der Legende auf, wonach Israel eine Beinahe-Supermacht im Nahen Osten sei. Im Gegenteil, er sieht das Land als schwach und verwundbar. Seinen politischen Eliten könne das militärische Machtdenken noch teuer zu stehen kommen. Die Hamas als Gegenspieler sei noch weit reaktionärer. Ihre Unterstützer in Teheran verkörperten religiösen und nationalistischen Fanatismus, gekoppelt mit Antikommunismus und Judenhass. In scharfen Worten wendet sich Verf. gegen Illusionen unter deutschen Linken, die auf die Hamas ›setzen‹ und sogar dem Regime in Teheran einen Antiimperialismus zuschreiben. Solche Meinungen, die nur in eine politische Sackgasse führten, gibt es sogar unter israelischen Intellektuellen, wie er an Beispielen zeigt. Andere israelische Ex-Linke wie der Historiker Benny Morris sind inzwischen zu den Ultrarechten übergelaufen und befürworten die unmenschliche und abenteuerliche Idee eines ›Transfers‹, also der Vertreibung der Araber aus Israel wie aus den besetzten Gebieten. Verf. sieht die Vertreter dieser Auffassungen als unfreiwillige geistige Brüder islamistischer Extremisten, die davon phantasieren, die Israelis ins Meer zu treiben. Dahinter stünden harte Machtinteressen: "Der Iran will zur regionalen Vormacht werden, der Irak-Krieg der USA hat diese Entwicklung gefördert. Er finanziert und bewaffnet die Hamas und die Hisbollah gegen Israel und unterstützt schiitische Milzen im Irak. Teheran will durch den Kampf gegen Israel die arabischen
Länder, die fast ausnahmslos nicht der Schia folgen, hinter sich scharen." (72)

 Für Verf. sind die ›nationalen‹ Forderungen der jeweils ›eigenen‹ Bourgeoisie als Ausdruck von Klasseninteressen zu enthüllen; darin aber habe die Linke fast überall versagt. Ebenso habe sie es oft versäumt, nationale Unabhängigkeitsbewegungen auf ihren sozialen Inhalt zu befragen. Schließlich: "Nicht jeder Gegner der kapitalistischen Führungsmächte kann unsere Solidarität erhalten". Kritische Solidarität sei hingegen mit allen Kräften innerhalb Israels sowie unter den Palästinensern zu üben, die auf einen Frieden hinarbeiten (80). Die arabischen Aufnahmeländer hätten sich niemals bemüht, die vertriebenen Palästinenser nach 1948 wirklich zu unterstützen und die Flüchtlinge so in ihre Gesellschaft einzugliedern, wie dies beide deutsche Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg tun mussten; auch an diese Tatsache sei zu erinnern. Die Lösung des Konfliktes, so das Fazit, müsse "von innen kommen, aus dem Zusammenwirken der Arbeiter und Bauern in beiden Völkern", denn: "Die aktuellen Regierungen in Jerusalem und Gaza sind nicht willens, Frieden zu schließen. Sozialisten dürfen keine der beiden Regierungen in ihrer Intransigenz und ihren maximalistischen Forderungen unterstützen. Daher muss die Mehrheit in beiden Völkern die Regierungen auswechseln. Diese Mehrheit zu sammeln und zu führen ist die Aufgabe von sozialistischen Organisationen in beiden Ländern." (83) So utopisch diese Perspektive derzeit erscheint, so nötig ist es, an sie zu erinnern. Denn die Fortschreibung der gegenwärtigen Zustände bedeutet immer neuen Krieg.
Mario Keßler (Potsdam/Berlin)

Quelle: Das Argument, 53. Jahrgang, 2011, S. 633-634

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