Peter Scholl-Latour: Die Angst des weißen Mannes. Ein Abgesang. Berlin 2009. 458 S.

Dass Herr Peter Scholl-Latour, dessen Feder der deutschsprachige Populärjournalismus ohnehin schon so viel Überflüssiges zu verdanken hat, sich auch noch zu diesem Abgesang auf die Vormachtstellung des "weißen Mannes" hinreißen lassen musste, hängt sicher mit Komplettismusphantasien zusammen. Denn zum einen stellt das anzuzeigende Werk das dreißigste - und ggf. ja dann auch mal letzte - Buch des Sensationsjournalisten dar, zum anderen entstand es zu einem wesentlichen Teil aber auch, weil über Ost-Timor noch etwas geschrieben werden musste.

Dieser Staat hatte es doch tatsächlich gewagt, unabhängig zu werden, nachdem Scholl-Latour seine Weltkomplettbereisung nach dem Motto "Ich war schon überall" eigentlich abgeschlossen haben wollte. Ziel seiner Reisen, so vermutet DAS PARLAMENT (Nr. 53/2009), sei es vor allem auch gewesen, überall dort schon einmal hingereist zu sein, wo des Menschen Fuß schon mal war, und ergänzt, dazu hätte außer Ost-Timor nur noch "Peterchens Mondfahrt" gehört. Entsprechend viel Raum widmet der Autor daher der kleinen, zur Komplettierung für ihn aber ungemein wichtigen Sunda-Insel im ersten von insgesamt 8 Hauptkapiteln, die wohl in Anlehnung an den portugiesischen Nationaldichter, Luis Vaz de Camões (und hoffentlich nicht mit Blick auf homerische Werke der Antike) nicht gerade bescheiden nicht als Kapitel, sondern als "Gesänge" bezeichnet werden. Danach behandelt der Abgesang Bali, Ozeanien, Java, die Philippinen, China, Kasachstan und Kirgistan in einer Reihenfolge, die sich aus den Zufälligkeiten der Reiserouten des Journalisten ergibt.

Des Autors Ausführungen sind indes nicht ganz frei von "Enthüllungen" ethnologischer Zusammenhänge, die auch wie früher bereits (Dittmann, ERDKUNDE 4/63, 2009) leider auf Fälschungen und Bewertungen nicht ganz verzichten wollen. So schreibt er, dass nun "selbst die Mestizen" Mittelamerikas ihr aztekisches Erbe bemerkt hätten, nennt den venezolanischen Staatschef, Chavez, einen Zambo, freut sich aber darüber, dass Boliviens Staatschef, Evo Morales, noch ein "reiner Indianer" (S. 435) sei und betont dabei beruhigend, dass Indien weiterhin stabil sei, "trotz der zunehmenden Aufsässigkeit von 150 Millionen Muselmanen" (S. 434), wobei er sich noch nachträglich darüber freut, wie Frauen der französischen Touamotou-Inseln im Pazifik "ihre goldbraunen Hüften in suggestiverem Rhythmus zu bewegen verstanden als jede orientalische Bauchtänzerin" (S. 126). Interessant bis entlarvend sind auch die Informationen, die der "letzte Welterklärer" (DER SPIEGEL) über seine Familie ins Werk einfließen lässt: So erfährt der Leser, dass die Küstenwache der Malediven doch sehr unfreundlich sei, hatte sie doch seinem Sohn auf dessen Weltumsegelungsboot die Kalashnikov konfisziert, obgleich diese ihm der fürsorgliche Herr Papa doch noch extra "bei Freunden in Beirut" besorgt hatte. Erschreckend ist ja nicht allein, dass Scholl-Latour heutzutage so etwas schreibt, sondern dass populäre Klischees dieser Art eine breite und dankbare Leserschaft finden, seine Polit- und Ethnoplattitüden haben ihn schließlich zu "Deutschlands erfolgreichstem Sachbuchautor gemacht" (PROPYLÄEN Verlag) - wahrscheinlich gleich nach Karl May.

Wirklich erschrecken den weitgereisten Journalisten aber die evolutionären Untergangsszenarien von Speziesveränderungen wie "Fettleibigkeit - selbst in China", oder "androgynem Wuchs bei Frauen" (S. 447), die seelische Verwundung von Soldaten, die nie "im Feuer standen" und sogar das Ausschalten von "gewissen Hirnfunktionen" durch eine Zunahme verweichlichender elektronischer Kriegsführung (S. 448).

Düstere Prophezeiungen und schreckliche Weltuntergangsszenarien ist man ja in mehrfachem Sinne vom "letzten Welterklärer" gewöhnt, was ihn jedoch aktuell erschreckt, bleibt diffus. Der Zerfall der ehemaligen Kolonialreiche von Frankreich und Großbritannien, die zunehmende Hispanisierung Nordamerikas und die Verlagerung zukünftiger Weltbedeutung auf den pazifischen statt atlantischen Raum allein können es nicht sein. So dass der Verdacht des TAGESSPIEGEL (8.2.2010), es könne auch die Furcht vor dem Verschwinden und vor allem dem Vermischen der weißen Hautfarbe sein, nicht als ganz unzutreffend abgetan werden kann. Dafür spricht vor allem die eigentlich geniale Parallelisierung des Verschwindens der Vorherrschaft des weißen Mannes mit dem Untergang des portugiesischen Kolonialreiches, die sich wie ein roter Faden durch den Abgesang zieht. Folgerichtig sieht der Journalist im Farbengemisch der brasilianischen Bevölkerung ein Omen des Aussehens der künftigen Weltbevölkerung - eine Erkenntnis, zu der der gebürtige Bochumer Scholl-Latour allerdings sicher nicht bis nach Ost-Timor hätte reisen müssen.
Andreas Dittmann

Quelle: Erdkunde, 65. Jahrgang, 2011, Heft 2, S. 224-225

 

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