Johanna Klatt u. Franz Walter: Entbehrliche der Bürgergesellschaft? Sozial Benachteiligte und Engagement (unter Mitarbeit von David Bebnowski, Oliver D'Antonio, Ivonne Kroll, Michael Lühmann, Felix M. Steiner u. Christian Woltering). Bielefeld 2011. 247 S.

Seitdem nicht mehr zu leugnen ist, dass ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung in den neoliberal verfassten Gesellschaften für die Kapitalakkumulation überflüssig ist, lässt sich vielleicht noch darüber rätseln, ob dieser Teil die Funktion einer "industriellen Reservearmee " erfüllen kann. Strittig ist allerdings, wie diese Menschen mit ihrem Leben umgehen. Das bürgerliche Feuilleton vermutet, dass sie es sich in der Hängematte des Sozialstaates gemütlich machen (worin es von einigen Professoren unterstützt wird). Genüsslich wird über eine "neue Unterschicht" oder über ein "abgehängtes Prekariat" die Nase gerümpft, denn aus dieser Perspektive ist klar, warum es diese "Kultur der Armut" gibt: es liegt an den Leuten selbst.

Sie haben gar nicht den Willen, ihre Situation zu verändern, weshalb es gilt, sie zu fordern und nicht zu fördern. Bei dieser Selbstgewissheit wundert es nicht, dass andere und vor allem fundiertere Perspektiven auf die Situation der Ausgegrenzten erst gar nicht zur Kenntnis genommen werden (wie z.B. die immer noch beeindruckende Untersuchung des "situativen bzw. strukturellen Elends" in Bourdieus Elend der Welt). Die vorliegende Untersuchung über die "Entbehrlichen" versucht - positiv formuliert - einen Mittelweg zwischen beiden Positionen, kritisch formuliert, drückt sie sich um eine klare Positionierung, denn der undiskutierte theoretische Rahmen der Untersuchung beinhaltet ein Konzept von Zivil- oder Bürgergesellschaft (beides wird synonym gebraucht), das normativ gesetzt wird: "Es besteht also durchaus Grund zu der Besorgnis, dass die neuen Formen von Engagement bereits bestehende Ungleichheiten hinsichtlich des Einkommens- und Bildungsgrades von Bürgern erweitern. Dies hängt wiederum stark mit den Anforderungen zusammen, die die neuen Formen an das Individuum stellen." (42)

Sieht man vom einleitenden Text von Franz Walter (Direktor des Göttinger Instituts für Demokratieforschung) ab, enthält der Band einen klassischen Forschungsbericht, wie er auch an das auftraggebende Bundesministerium gegangen sein dürfte. Im ersten Kapitel erläutert das Autorenteam sein Forschungsvorhaben. Es stellt fest, dass die bisherigen empirischen Untersuchungen über die Aktivitäten der Bürger in der Bürger- bzw. Zivilgesellschaft zwar viele Erkenntnisse gebracht haben, aber durch ihre Fokussierung auf Organisationen und Aktionen ein konservativer bzw. parzellierter Blick vorherrschte. Was bislang fehle, sei eine qualitative Analyse der "sozial unterprivilegierten Bevölkerungsmilieus". Mit zwei Fragen werde Neuland in der "Zivilgesellschaftsforschung" (40) betreten: (1) Wie stehen diese Milieus zur Bürgergesellschaft? (2) Welche Aktivitäten entfalten diese Milieus in Bezug auf  bürgerschaftliches Engagement? "Der Ausgangspunkt dieser Studie sind daher Bürger, die aufgrund ihres  Einkommens, ihres Bildungsstandes und ihres Wohnorts eine relativ homogene Gruppe bilden und durch ihre Stellung als partiell oder vielfach von einer Mehrheitsgesellschaft exkludiert beschrieben werden können." (49) Das Einkommen dieser Gruppe soll weniger als 60% des durchschnittlichen Haushaltseinkommens betragen, auch sollte der höchste erlangte Bildungsabschluss nicht über der Mittleren Reife liegen.

Im zweiten und dritten Kapitel wird das methodische Vorgehen beschrieben. Insgesamt wurden in Gruppen- und Einzelinterviews 74 Personen befragt, die in vier "sozialen Brennpunkten" leben, und zwar in Göttingen, Kassel und Leipzig. Es handelt sich dabei um drei monofunktionale Wohnsiedlungen und einen funktionsgemischten Altbau-Stadtteil. Die Leitfäden zu den Fokusgruppen und den Einzelinterviews sind im Anhang wiedergegeben, ansonsten werden nur spärliche Angaben über das methodische Vorgehen gemacht, was manchmal ärgerlich ist, so z.B. wenn nur wenig über die besondere Qualität der Gruppendiskussion ausgesagt wird: es werden immer nur Einzelaussagen zitiert.

Das (mit über 50 Seiten umfangreichste) vierte Kapitel erzählt facettenreich das "Leben im Viertel", indem es die Einstellungen der Menschen und deren "Handlungslogiken" darstellt. Es geht dabei um die Beantwortung von zwei Fragen: "1. Wie sind die Einstellungen und Kenntnisse der Befragten zur Zivil- und Bürgergesellschaft im  Allgemeinen sowie in ihren modernen Ausprägungen im Besonderen beschaffen? 2. Lassen sich möglicherweise moderne Formen bürgerschaftlicher Aktivität, d.h. informelle und individuelle Aktivitäten und Engagements vorfinden?" (91) Die Antworten auf diese Fragen werden mit Zitaten aus den Erhebungen konkretisiert. Auf diese Weise wird vieles noch einmal verdeutlicht, was wir aus anderen Untersuchungen kennen: bei Ausgegrenzten herrscht eine hohe Arbeitsorientierung vor, was aber von den Autoren nicht formuliert wird. Das Leben auf Hartz IV-Niveau wird als entwürdigend erlebt, (überlebens-)wichtig sind die familiären und gegebenenfalls Freundesnetze. Diese sollten besonders beachtet werden, da von ihnen aus möglicherweise Relationen zu zivilgesellschaftlichen Feldern hergestellt werden können. Gesellschaft als "großes Ganzes" interessiert nicht. Das interessanteste Ergebnis ist, dass die Befragten mit den Begriffen "Bürgergesellschaft" und "Bürger" wenig bzw. gar nichts anfangen können. Es scheinen Begriffe aus einer anderen Welt zu sein, die als feindlich erlebt wird. Interessant ist die Interpretation dieses Phänomens durch die Autoren: Es scheint ihnen fast ein Persönlichkeitsdefizit, dass diese Begriffe noch nicht "angekommen" sind. Auch sind die Autoren immer wieder überrascht über das "dichotome Weltbild" (138) der Befragten (was aber aus den Untersuchungen über Arbeiterbewusstsein bekannt sein sollte). Diese Verwunderung setzt sich im fünften Kapitel über die "klassische" und "moderne" Bürgergesellschaft fort. Zwar wird mehrfach konstatiert, dass materielle Sicherheit Voraussetzung für die Realisierung sozialer und kultureller Bedürfnisse ist, aber der Eigensinn milieuspezifischer Aneignungsformen, wie sie z.B. Michael Vester und andere in ihren Untersuchungen vergleichbarer Milieus herausgearbeitet haben, findet sich hier nicht. Was einem derartigen Ansatz am nächsten kommt, ist die Bildung einer Typologie von Bewohnern."Viertelkinder", "Aufstiegsorientierte", "Isolierte", "junge Männer", "jüngere Frauen und Mütter" sowie "Viertelgestalter" werden als Gruppen gekennzeichnet, ohne dass allerdings deren Bildung plausibel aus dem Material nachgewiesen wird. Stattdessen werden abschließend Überlegungen angestellt, wie diese Gruppierungen ihren "Selbstausschluss" (202) überwinden können. Die "pädagogisierende Grundhaltung" des  Untersuchungsteams tritt dabei mehrfach in unterschiedlicher Weise hervor: "Bei aller artikulierten Bedürftigkeit
nach bindungsarmen Beteiligungsmöglichkeiten und bei aller Wertschätzung des eigenen Freiraums wird zugleich deutlich, wie wichtig die Einbindung in feste und geregelte Strukturen ist, um überhaupt in die Welt der Bürgergesellschaft zu gelangen." (203) Besondere Hoffnung wird dabei in die "Viertelgestalter" gesetzt, die sowohl die "Unterschichtsprache" beherrschen als auch Bezüge zur "Bürgergesellschaft" haben. Die darauf bezogenen abschließenden Handlungsempfehlungen lesen sich wie Leitlinien einer Besatzungsmacht, wie mit den Eingeborenen umzugehen sei.

Dieser etwas fade Nachgeschmack bei einer ansonsten sehr differenzierten und ansatzweise einfühlsamen Untersuchung hat sicher auch etwas mit dem einleitenden Artikel von Franz Walter zu tun, in dem unter dem Titel "Die starken Arme legen keine Räder mehr still" die These vertreten wird, dass der "Malocher" abgetreten sei und es nun stattdessen das Prekariat gebe. Dieser Kurzdurchgang durch eine Sozialgeschichte der Bildung von Klassen, die sich zum Schluss in Milieus auflösen, fällt insofern hinter den Stand der Forschung zurück, als weder die Ergebnisse und Befunde von Thompson noch von Vester u.a. rezipiert wurden. Was bleibt, ist eine neue Art klassenloser Gesellschaft, die eher die Gestalt von horizontalen Spaltungen annimmt und die als Zivil- oder Bürgergesellschaft den ideologischen Rahmen der gesamten Untersuchung abgibt.
Timm Kunstreich (Hamburg)

Quelle: Das Argument, 53. Jahrgang, 2011, S. 779-781

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