Christa Müller (Hg.): Urban Gardening. Christa Müller (Hg.): Urban GardeningÜber die Rückkehr der Gärten in die Stadt.  München 2011. 349 S.

Urban Gardening ist omnipräsent in den Medien - von niedersächsischen Lokalradiostationen bis hin zu einer mehr als 20 Artikel umfassenden Themenseite der ZEIT ONLINE. Es ist zweifelsohne eines der angenehmsten, friedlichsten und potentiell konsensfähigsten unter den grünen Themen unserer Zeit. Einen in diesem Kontext außerordentlich breit diskutierten Beitrag zur Urban Gardening-Diskussion liefert das vorliegende, von Christa Müller herausgegebene Werk, das 22 Aufsätze von 26 Autoren beinhaltet und sich in vier Kapitel gliedert.

 

Die Herausgeberin ist Soziologin und führt die Geschäfte der in diesem Feld wohl bekannten Stiftung Interkultur, deren Ziel die Förderung, Vernetzung und Erforschung interkultureller  Gemeinschaftsgärten ist. Die anderen Autorinnen und Autoren stammen aus unterschiedlichen Disziplinen und haben mit ihren jeweiligen Perspektiven und Expertisen die Aufgabe, das Thema in seiner Komplexität verschiedenartig zu beleuchten und Bezüge herzustellen (vgl. S. 10). Dabei soll die Diagnose gewagt werden, "dass in den westlichen Großstädten ein neues Verständnis von Urbanität entsteht und die "neuen urbanen Gärten" mit ihren Kulturen des Selbermachens und der Re-Etablierung von Nahbezügen hierbei eine Vorreiterrolle spielen." (ebd.) Das Ziel ist hoch gesteckt.

Nach zwei einführenden Beiträgen von Christa Müller und Karin Werner, die einen Bogen von der Bandbreite an Formen des Urban Gardening über alternative Ernährung und Entschleunigung bis hin zur Kommunalpolitik schlagen, widmet sich Cordula Kropp der postmodernen Überwindung von funktionsräumlichen Gegensätzen, die sich in der städtebaulichen Moderne manifestiert haben. Anschließend beschäftigt sich Niko Paech in einem sehr lesenswerten Beitrag mit Postwachstums-Ökonomien und nimmt damit tatsächlich eine Perspektive jenseits des Mainstreams ein. Der Beitrag von Bastian Lange zur "kreativen Stadt" kennzeichnet sich hingegen durch seine äußerst periphere Bezugnahme auf die Urban Gardening-Diskussion. Die folgenden Beiträge greifen verschiedene Aspekte, wie beispielsweise die Nutzung öffentlicher Räume, heraus und diskutieren diese an Hand verschiedener Fallbeispiele. Erst das dritte Kapitel "Die Lebendigkeit des Gartens: Ein lebenswissenschaftliches Plädoyer", das mit einem einzigen Beitrag gefüllt wird, sticht heraus: Andreas Weber macht sich Gedanken zu Gärten und Menschen und erarbeitet dabei folgende These: "Das Paradies, so lernen wir im Garten, das Paradies gehört dem Menschen - wenn er es nicht zu beherrschen sucht, sondern sich unauffällig, lauschend, antwortend daruntermischt." (S. 249). Nüchterner nähert sich Veronika Bennholdt-Thomson der "Ökonomie des Gebens" an und setzt der "sinn(lich)entleerten industriellen" Nahrungsmittelproduktion die "lebendige Kraft der Natur" argumentativ entgegen (S. 257). Den vier Autoren des darauf folgenden Aufsatzes zu Guerilla Gardening, Ella von der Haide, Severin Halder, Julia Jahnke und Carolin Mees, gelingt ein ausgesprochen guter Überblick über Begrifflichkeiten und Inhalte des in Deutschland noch sehr jungen Phänomens. Auch Daniela Kälbers Beitrag über die urbane Landwirtschaft in Kuba und die dortige, explizite Förderung durch die Politik ist äußerst interessant, da die bisherige Orientierung auf die New Yorker Community Gardens um eine lateinamerikanische Perspektive erweitert wird. Dass Urban Gardening auch ein Teil der jungen wie ambitionierten Transition Town-Bewegung sein kann, wird beim Aufsatz von Martin Held erläutert. Ebenfalls positiv hervorzuheben ist die entstehungsgeschichtlich orientierte Typologie von Community Gardens in Berlin von Elisabeth Meyer-Renschhausen, die von Schrebergärten, Hausbesetzer-Gärten, Kinderbauernhöfen bis hin zu modernen Gemeinschaftsgärten amerikanischen Vorbilds reicht.

Das Ziel, möglichst viele Einblicke in die Thematik zu gewähren, wurde erfüllt. In seiner Gesamtheit stellt das vorliegende Werk ein essayistisches Potpourri dar, das multiperspektivisch, exemplarisch und fast ausschließlich deskriptiv das Urban Gardening verhandelt. Viele illustre Fallbeispiele reihen sich aneinander, kurze Chronologien der Entstehung einzelner Gärten, die hinsichtlich ihrer Größe, Lage und beteiligten Akteure, deren Ideale, Motive und Probleme variieren und damit die ganze Vielfalt und Komplexität des Themas skizzieren. Eine analytische Sicht ist nur vereinzelt zu erkennen, beispielsweise bei Niko Paech und Elisabeth Meyer-Renschhausen. Auch auf Tabellen und Grafiken wird weitestgehend verzichtet, dafür enthält das Buch mehrere illustrative Farbphotographien.

Zwar wird das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Akzentuierungen diskutiert, allerdings weisen die Beiträge, über das Gesamtwerk betrachtet, eine latente bis quälende Redundanz auf. Dass Urban Gardening für Gesundheit, lebenswerte Städte, sozialen Zusammenhalt, Lebensqualität, Entschleunigung und die Auflösung von Gegensätzen steht, lässt sich de facto in jedem Beitrag, teilweise mehrfach, nachlesen. Dass sich Urban Gardening häufig gegen den Kapitalismus, die Agrar- und Saatgutindustrie, das Diktat des Konsums, die Schnelligkeit, die Globalisierung und Ausgrenzung sozialer Gruppen richtet, fügt sich ebenfalls in eine argumentative Möbiusschleife ein.

Vereinzelt werden Probleme mit Behörden und Grundstückseigentümern skizziert, genauere Einsichten in die vielschichtigen Problemlagen gibt es allerdings kaum. Stattdessen werden die vielen positive Effekte des städtischen Gärtnerns immer wieder aufgezeigt und es wird ein Bild gezeichnet von grüneren, bunteren, sozialeren und glücklicheren Städten. Urban Gardening erscheint als ein Allheilmittel, das wie eine Naturmedizin gegen unzählig viele Symptome eines (aus ganzheitlicher Perspektive) kranken Systems gleichzeitig wirkt. Auch wenn der Rezensent diese Auffassung persönlich sehr gerne teilt, ist es doch die wissenschaftliche, gewissermaßen schulmedizinische, Objektivität, die häufig fehlt und den Gesamteindruck trübt.

Dabei wird mehr als einmal deutlich, wie sich die Motive überlagern - sowohl bei den GärtnerInnen als auch bei den AutorInnen des vorliegenden Bandes. Die persönliche Begeisterung für das Urban Gardening wird in vielen mehr oder weniger explizit deutlich: Während beispielsweise Carmen Dams "ein besonders sympathisches Projekt" (S. 170) beschreibt, bekennen sich Ella von der Haide et al. direkt zu ihrem Zugang, der "sowohl privat-aktivistisch als auch wissenschaftlich-empirisch" ist (S. 266). Diese Begeisterung überträgt sich auf geneigte LeserInnen und mag zur Weiterbeschäftigung mit dem Thema motivieren. Die gleiche Begeisterung könnte bei Lesern, die einen Anspruch auf Objektivität und Neutralität legen, zu Irritationen führen. Die Grenzen zwischen Forschern und Aktivisten sind fließend. Die Identifikation mit der Urban Gardening-Bewegung, ihre inspirierende Wirkung und ein immanenter Idealismus sind klar erkennbare Bestandteile der Kette, an der sich die meisten Beiträge aufreihen. Es ist fraglich, ob bei 22 Beiträgen nicht die eine oder andere kritische Sichtweise, empirische Belege für die zahlreichen positiven Wirkungen des Gärtnerns oder eine Systematisierung der Phänomene und Prozesse unterzubringen gewesen wäre.

Was die bisherige Debatte bisweilen kennzeichnet, ist die Unklarheit über Formen und Bezeichnungen dieser neuen Gartenbewegung. Allerdings leistet auch der vorliegende Band in diesem Bereich keine Pionierarbeit. Die unterschiedlichen, mehr oder weniger neuen Formen des Urban Gardening werden sogar gelegentlich gleichgesetzt: Gemeinschaftsgärten sind dann synonym mit Interkulturellen Gärten (S. 166, u.a.) oder auch mit Guerilla Gardening. Eine Entwirrung des begrifflichen Durcheinanders gelingt leider nicht. Lediglich in den Beiträgen von Ella von der Haide et al. und Elisabeth Meyer-Renschhausen lassen sich brauchbare Ansätze zur Begriffsdiskussion finden.

Positiv hervorzuheben ist, dass dieses Buch eine deutsche Diskussion auf breiter Front eröffnet und den Lesern einen sehr guten Überblick über die bisher vor allem amerikanische Diskussion bietet. Auch für die Publicity des Themas leistet es damit einen klar erkennbaren Wert. Durch die außerordentlich breite mediale Rezeption dieses Buchs wurde das Thema einer breiteren Öffentlichkeit überhaupt erst bekannt, wovon perspektivisch sowohl die gärtnerischen Bewegungen als auch die begleitende Forschung profitieren könnten. Von dem etwas angestaubten und fragwürdigen Image des Obst- und Gemüseanbaus in Kleingärten emanzipiert sich dieses Werk und präsentiert anschaulich das moderne Urban Gardening als eine idealistisch-politische Strömung, die dem Zeitgeist weiter Teile der Gesellschaft entspricht. Urban Gardening strebt nach Höherem als der profanen Stillung des Hungers, so wie es das traditionell in Zeiten und Räumen des Mangels und der Not tat und tut.

Das vorliegende Werk ist mit Sicherheit einer der wichtigen Wegbereiter der deutschen Urban Gardening-Bewegung und Impulsgeber für mediale und fachöffentliche Diskussionen. Darüber hinaus liefert es zahlreiche Ansätze für weitergehende empirische Analysen, z.B. hinsichtlich den Möglichkeiten und Grenzen von Selbstversorgung und zivilgesellschaftlicher Stadtentwicklung und dem Umgang mit räumlichen Nutzungskonflikten. Unter dem Strich ist das vorliegende Werk eine multiperspektivische, essayistische Annährung an die Thematik, die sich primär an die interessierte Fachöffentlichkeit richtet und sekundär an Studierende und Wissenschaftler, die einen lebendigen Einstieg und Überblick in und über Urban Gardening suchen. Lesenswert ist es in jedem Fall.
Martin Sondermann

Quelle: Erdkunde, 65. Jahrgang, 2011, Heft 3, S. 316-318

 

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