Lars Schoultz: That Infernal Little Cuban Republic: The United States and the Cuban
Revolution. Chapel Hill 2011. 745 S.

In der internationalen Politik stellt das Verhältnis zwischen der Supermacht USA und
dem sozialistischen Inselstaat Kuba eine Besonderheit dar. Der Großteil des Buches ist den
verschiedenen US-Administrationen seit der Revolution von 1959 gewidmet, in deren Folge
eine Vielzahl auch us-amerikanischer Unternehmen enteignet und nationalisiert wurden.

Seither haben beide Staaten keine direkten diplomatischen Beziehungen. In 14 Kapiteln
werden die Interessenlagen, Motive und Politikmuster der Präsidenten und weiterer wichtiger
Akteure in den USA beschrieben. Verf. knüpft bei seiner Leitfrage explizit an den griechischen
Historiker Thucydides an, der beobachtet hatte: »the strong will do what they want,
and the weak will accept what they must.« So »how have Cubans managed to get away with
it?« (4). Er spürt dieser Frage nach, indem er anhand teilweise erstmals zugänglichen Archivmaterials »Washington’s mental image of Cuba« (2) rekonstruiert. Das Buch ist mit über 250 Seiten Fußnoten, die aus Kongressanhörungen, Briefen an Abgeordnete, Fernsehreden, CIA-Memoranden u.a. zitieren, das empirisch fundierteste Werk über die gesamte Periode der Beziehungen zwischen den USA und Kuba. Es bietet durch die zahlreichen Zitate und Dialoge ein lebendiges und differenziertes Bild der US-Politik, ebenso eine historische Einbettung und zugleich eine amüsant zu lesende Lektüre. Der Ton ist jedoch distanziert und sachlich. Zugleich meidet Verf. keine kritischen Schlussfolgerungen, wie diejenige, die USA hätten gegen Kuba u.a. Strategien eines »state-sponsored terrorism« (170ff) verfolgt. Die der US-Kuba-Politik zugrunde liegenden Befindlichkeiten bringt aber wohl am pointiertesten das Zitat des Präsidenten Theodor Roosevelt von 1906 zum Ausdruck, das auch den Titel des Buches ziert: »I am so angry with that infernal little Cuban republic that I would like to wipe its people off the face of the earth. All we have wanted from them was that they would behave themselves and be prosperous and happy so that we would not have to interfere. And now, lo and behold, they have started an utterly unjustifiable and pointless revolution.«

Verf. startet seine historische Beschreibung bereits in den 1820er Jahren. Damals habe
sich das besondere Image Kubas in den USA herausgebildet, als die USA begannen, aus
geostrategischen Gründen das Treiben von Piraten im Hafenbereich von Havanna zu
kontrollieren (13). Zentral war später die Unterstützung der USA beim Unabhängigkeitskampf
der Kubaner gegen die spanische Kolonialmacht (1895-98). Der Intervention der
USA zum Ende des Krieges – zugleich ihr erster Überseekrieg – folgte eine militärische
Besatzung, die erst endete, als die kubanische Verfassung einen Zusatz aufnahm (›Platt-
Amendment‹), der den USA das Recht zugestand, bei Gefährdung von Ordnung und
Eigentum intervenieren zu dürfen. Es wurden zudem mehrere amerikanische Militärbasen
eingerichtet – Guantanamo ist noch heute in ihrer Gewalt.

Ausdruck der besonderen us-kubanischen Beziehungen ist bspw. die seit 50 Jahren
andauernde Wirtschaftsblockade gegenüber der Insel, deren Genese von der Reduzierung
der Zuckerquote 1960, über Reiseverbote von US-Bürgern 1961 bis zur aktiven Verhinderung
vom Handel von Drittländern mit Kuba en detail geschildert wird (200ff). Zugleich
– und auch darin liegt eine Stärke des Buches –werden Grenzen der imperialen Politik
aufgezeigt: das Gesuch der Kennedy-Administration, NATO-Staaten daran zu hindern,
Schiffe unter ihrer Flagge nach Kuba reisen zu lassen, wurde abgelehnt (205), auch die
erheblichen Kosten und Widersprüche der Kuba-Politik werden aufgezeigt.

Gewinnbringend ist das Buch vor allem durch seine Differenzierung: so wird der ›monolithische Akteur‹ der US-Regierung in seine unterschiedlichen und z.T. widersprüchlichen Bestandteile dekonstruiert. Beispielsweise wurde nach der von den USA geplanten und unterstützten Schweinebucht-Invasion 1961 von Kubaexperten und Beratern konstatiert, dass ein erhoffter Aufstand auf der Insel sehr unwahrscheinlich sei, so von Seiten des CIA-Vizedirektors Ray Cline: »All available evidence indicates that the prospects for a spontaneous uprising against Castro without outside help are extremely small and that, if one should occur, its chances of success would be nil.« (182) Eine zweite Frage des Buches lautet also »why the United States doggedly pursued one of the most unproductive policies in the history of U.S. foreign relations – a policy that has included everything [...]« (10). Verf. schildert zahlreiche interessante Fälle, in denen Experten und Kommissionen seit den 1960er Jahren eine Änderung der aggressiven Politik gegen Kuba empfahlen, und zeigt wie letztendlich immer wieder aus einer Kombination geschickter Lobby-Arbeit und innenpolitischer Erwägung im Kalten Krieg gegen derartige Initiativen entschieden wurde. Bis zum heutigen Tage herrscht in Sachen Kuba-Politik »Washington’s uplifting mentality « (557) vor. Dessen sichtbare Kulmination war in der Ära von US-Präsident George W. Bush die Einrichtung einer Kommission zur Unterstützung einer Transition in Kuba, für die sogar ein eigenes Amt geschaffen wurde. Wie seine Vorgänger und Nachfolger lehnte Bush direkte Gespräche mit der kubanischen Regierung bekanntlich ab und sah für die Zukunft vor: »you’ll see the United States do exactly what we should: Go down and lift those people up« (553). Für den Verf. ist »the mere existence of a commission for Assistance to a Free Cuba […] proof that the United States still cannot concede to Cubans the right of self-determination« (567).

Nicht thematisiert wird hingegen, ob und inwiefern die Kuba-Politik der USA ein generelles
Muster imperialistischen Handelns kennzeichnet. Doch insofern in Kuba keine hinreichend
relevanten Ressourcen auszubeuten sind, könnte die beschriebene ›civilizing mission‹
tatsächlich eine zentrale Triebkraft der US-Politik gegen Kuba sein.
Edgar Göll, Berlin

Quelle: Das Argument, 54. Jahrgang, 2012, S. 314-315

 

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