Walden Bello: Politik des Hungers. Berlin 2010. 199 S.

Der Soziologieprofessor an der University of the Philippines und Träger des Alternativen Nobelpreises befasst sich in seinem neuen Buch, das im Original unter dem Titel Food Wars erschien, mit den Ursachen der jüngsten Nahrungsmittelkrise. Zwischen 2000 und 2008 verdreifachten sich infolge massiver Preiserhöhungen die Kosten für Nahrungsmittelimporte der "am wenigsten entwickelten Länder" der Welt. In Haiti etwa stiegen 2008 die Preise für Reis innerhalb der ersten vier Monate um das Vierfache. Der karibische Inselstaat war nur eines von etwa 30 Ländern, in denen 2007/08 "Hungerrevolten" stattfanden, weil Reis, Getreide, Speiseöl und Seife für viele unbezahlbar geworden waren.

 

Walden Bellos zentrale These lautet, die Verdrängung (klein-)bäuerlicher Produktion zugunsten am Weltmarkt orientierter agrarindustrieller Konglomerate sei ursächlich für die Krise. Ein Vierteljahrhundert neoliberaler Strukturanpassung habe zu einer "weitreichenden Destabilisierung und Transformation der ländlichen Verhältnisse" (25) geführt. Jedoch ließen sich kleinbäuerliche ProduzentInnen nicht so widerstandslos durch die Agrarindustrie verdrängen, wie es Politökonomen vorhergesagt hätten.

In sieben Kapiteln analysiert der Autor Ursachen und Folgen der Preiskrise, stellt Widerstand und Alternativen dar. Zunächst skizziert er die Entstehung und Ausbreitung des Kapitalismus beginnend im England des 17. Jahrhunderts über die französischen Revolution und die Kolonialisierung bis hin zum Bretton- Woods-Abkommen. Anders als im Ursprungsland Großbritannien habe die kapitalistische Entwicklung jedoch nicht zu einer (fast) vollständigen Verdrängung der bäuerlichen Anbauweise geführt.

In den folgenden Kapiteln illustriert Bello an empirischen Beispielen, wie Strukturanpassung und Liberalisierung zu Preiskrisen bei Nahrungsmitteln führten. Der 60-prozentige Anstieg der Maispreise in Mexiko im Frühjahr 2007 (die "Tortilla-Krise") sei eine Folge von Strukturanpassung, erzwungener Handelsliberalisierung sowie umfangreichen Privatisierungen kommunalen Landbesitzes gewesen. Ökonomische Liberalisierung unter Druck von IWF, Weltbank und WTO seien auch ursächlich dafür, dass die Philippinen vom Nettoexporteur zum Nettoimporteur von Reis wurden. Nach den Länderbeispielen Mexiko und Philippinen diskutiert Bello die "Krise der afrikanischen Landwirtschaft" ohne weitergehende Differenzierung für einen gesamten Kontinent. Dadurch entsteht der Eindruck einer Pauschalisierung Afrikas, der darüber hinaus durch den Verweis auf "Bürgerkriege und die Ausbreitung von HIV und AIDS" (94) als Ursachen für die Preiskrise im Nahrungsmittelbereich verstärkt wird. Doch auch hier sei "eine wesentliche Erklärung [...] im Abbau staatlicher Kontrollen und Unterstützungsleistungen zu sehen, wie er sich im Rahmen der Strukturanpassungsprogramme vollzogen hat" (94).

Ein hoher Grad an Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln kennzeichnet die besondere Situation in China. Nach Bellos Auffassung drohe dieser jedoch im Zuge der Handelsliberalisierung durch den WTO-Beitritt abzusinken. Entgegen anders lautenden Befürchtungen sei Chinas wachsende Nahrungsmittelnachfrage aber nicht für die Preiskrise verantwortlich. Allerdings drohe durch die zunehmende Fleischnachfrage eine ökologische Katastrophe infolge der Abholzung von Wäldern in Brasilien und Argentinien für den Anbau von Soja als Tierfutter.

"Biotreibstoffe" werden prominent als mögliche Ursache der Nahrungskrise diskutiert. Bello argumentiert, Agrotreibstoffe hätten zwar zu Steigerungen der Nahrungsmittelpreise beigetragen, wobei die Vorsilbe "Bio-" euphemistisch die ökologische Verträglichkeit suggeriere. Ihre Hauptursachen seien jedoch "die Strukturanpassung, der Freihandel und die Politik des Transfers von Wertüberschüssen aus der Landwirtschaft in die Industrie" (144).

Abschließend untersucht Bello den bäuerlichen Widerstand gegen die zunehmende Industrialisierung und Globalisierung der Landwirtschaft. Dabei identifi ziert er eine "neue Bauernbewegung", repräsentiert durch den Dachverband La Via Campesina, die "viele Angehörige der globalen Zivilgesellschaft [...] als den Inbegriff von Hingabe, Mut, Fantasie, innovativer Organisierung und Elan" (169) wahrnähmen. Die Bewegung der Bäuerinnen und Bauern habe die der IndustriearbeiterInnen als wichtigste Gegenspielerin des Kapitals abgelöst. Bello stellt drei ihrer Protagonisten in seinem Buch vor: den koreanischen Bauern Lee Kyung Hae, der sich 2003 im Zuge der Proteste gegen das WTO-Ministertreffen das Leben nahm, den Vorkämpfer der französischen Confédération Paysanne José Bové sowie den Mitbegründer der brasilianischen Landlosenbewegung Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra João Pedro Stédile. Ein afrikanisches Beispiel fehlt. Ein Grund dafür könnte sein, dass die "Hungerrevolten" und meisten sozialen Bewegungen in Afrika nicht ins Bild des bäuerlichen Widerstands passen, denn sie werden nicht von AgrarproduzentInnen, sondern von Gewerkschaften und Studierenden getragen und richten sich primär gegen die nationalen Regierungen.

Der Wissenschaftler und Aktivist Bello hat eine gut lesbare Analyse vorgelegt, die zur Pfl ichtlektüre von GlobalisierungskritikerInnen gehört. Es gelingt ihm, überzeugend und anschaulich zu zeigen, dass die gegenwärtige Preiskrise bei Nahrungsmitteln im Kern eine Krise der kapitalistischen Weltwirtschaft ist. Dabei tritt der Autor kompromisslos für Ernährungssouveränität ein und stellt sich auf die Seite der Bauernbewegung. Bello macht es seinen LeserInnen leicht: Er benennt, was richtig (bäuerliche Landwirtschaft) und was falsch (industrielle Agrarproduktion) ist. Freilich stößt der Dualismus von bäuerlich vs. kapitalistisch als analytische Leitdifferenz jedoch an seine Grenzen. Denn auch kleinbäuerliche Produktion unterliegt weltweit kapitalistischer Vergesellschaftung, und Bauern/Bäuerinnen sind nicht notwendigerweise am Erhalt von ökologischer Vielfalt und Ernährungssicherung ihrer lokalen Gemeinschaften orientiert.
Bettina Engels

Quelle: Peripherie, 31. Jahrgang, 2011, Heft 121-122, S. 373-375

 

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