Axel Borsdorf und Oliver Bender. Allgemeine Siedlungsgeographie. Wien, Köln, Weimar 2010. 457 S.

Borsdorf und Bender legen ein wohltuend in der Fachtradition verankertes Lehrbuch zur Allgemeinen Siedlungsgeographie vor, ohne in ihr zu verharren. So tauchen Themenfelder und Namen auf, die schon beinahe der Fachgeschichte übergeben schienen, die aber zum Verständnis der großen Breite und der vielfältigen methodischen Zugänge dieser geographischen Kerndisziplin unerlässlich sind. Wenn dabei etwa auf die Arbeiten des Tübingers Karl-Heinz Schröder zu bäuerlichen Hausformen rekurriert wird, so ist das sicherlich zum einen den Studiensemestern Axel Borsdorfs in Tübingen geschuldet, zum anderen aber auch eine Referenz an den die Disziplin lange Zeit beherrschenden historisch-genetischen Ansatz; und die aktuelle berufliche Verankerung der beiden Autoren in Innsbruck klingt in gelegentlichen Beispielen aus Österreich und außerdem ist das dortige Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung Förderer des Buches.

 

Nichtsdestoweniger wird den aktuellen Entwicklungen des Objekts Siedlung gebührend Aufmerksamkeit und Platz eingeräumt. So werden etwa Prozesse wie Gentrifikation und Segregation, schrumpfende Stadt und Stadtverfall kompetent und mit hilfreichen Literaturhinweisen behandelt. In Kap. 10 „Die Stadt in Kulturräumen“ werden die die Stadträume prägenden Prozesse anhand von Stadtmodellen einerseits als grundsätzlich und global wirksam herausgestellt, andererseits wird daran zugleich deutlich, dass sie sich doch regional differenziert ausprägen.
 
Die Autoren haben durchweg die Siedlung in einem umfassenden Verständnis im Blick, sei sie eher städtisch oder eher ländlich geprägt oder durch eine Mischung von beidem, was vielerorts zu neuartigen – hybriden – Strukturen führt. Um die Verwobenheit der Prozesse herauszustellen, ist das Einführungskapitel mit „Postsuburbia – die Herausforderung des 21. Jahrhunderts: Von der Stadt-Land-Dichotomie zum Siedlungsarchipel“ überschrieben, und im methodisch-konzeptionellen und disziplingeschichtlichen Kapitel 2 wird Siedlungsgeographie konsequenterweise als integrative Disziplin umrissen.

Dem widerspricht nicht, dass die Autoren, der Fachtradition folgend, in den folgenden drei Kapiteln (Kap. 3–5) eher konventionelle Forschungszugänge zu Siedlungen und deren Ergebnisse darstellen. Es geht darin unter anderem um die Bestimmung des Siedlungsraums im Sinne von Ökumene und die Anpassung von Siedlungen an den Naturraum sowie eine Beschreibung ländlicher Siedlungselemente. Ergänzend wird ein knapper Abriss der ländlichen und städtischen Siedlungsgenese in Mitteleuropa gegeben.

In Kap. 6 sprechen die Autoren die erwähnten aktuellen Prozesse im städtischländlichen Siedlungsraum im Detail an. Vor allem Studierende werden zu schätzen wissen, dass die dafür oftmals mit einer gewissen Beliebigkeit verwendeten Termini wie z.B. Sub-, Peri- und Desurbanisierung verlässlich definiert werden. Immer wieder bieten zudem eingeschobene tabellarische Übersichten zu zentralen Begriffen und Prozessen gute Hilfen für das systematische Lernen gerade mit Blick auf Prüfungen.

Es folgen danach eher synthetisierende Kapitel zu Siedlungsfunktionen, Siedlungsgliederung und Siedlungsklassifikationen (Kap. 7), zur Zentralitätsforschung mit ausführlicher Würdigung der Theorie der Zentralen Orte von Walter Christaller (Kap. 8) und zur Angewandten Siedlungsgeographie (Kap. 9). In letzterem Kapitel wird erfreulicherweise der wiederholt in Lehrbüchern beschriebenen Stadtplanung auch die oftmals vernachlässigte Dorferneuerung beigestellt.

Das letzte große Kapitel 11 skizziert ausgewählte aktuelle Forschungsfelder, darunter den semiotischen Ansatz als Rekurs auf die so genannte Neue Kulturgeographie, Metropolisierungsprozesse und den globalen Aufstieg von Gated Communities. Mit dem Verweis auf die Stadtökologie wird sogar der Bezug zur Physischen Geographie hergestellt und in Kap. 12 werden Aufgaben für eine „Siedlungsgeographie in der Welt von morgen“ skizziert.

Zusammenfassend liegt ein stimmig gegliedertes, zentrale Begriffe verlässlich definierendes, dazu gut zu lesendes und zentrale Literatur für die weiterführende Lektüre nachweisendes Lehrbuch vor, das Studierende der Geographie und benachbarter Fächer das ganze Studium hindurch begleiten kann. Aber auch die in der Siedlungsgeographie verankerte FachkollegIn wird Gewinn daraus ziehen, denn der eigene Zugang wird in einen größeren Rahmen gestellt.
Winfried Schenk, Bonn

Berichte zur deutschen Landeskunde, Bd. 85, H.2, 2011, S. 202-203

 

bitte beachten Sie auch die Rezension von Günter Mertins

http://www.raumnachrichten.de/rezensionen/1763-siedlungsgeographie

 

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