Bettina Lösch u. Andreas Thimmel (Hg.): Kritische politische Bildung. Ein Handbuch. Schwalbach/Ts. (Reihe »Politik und Bildung«, Bd. 54, Wochenschau) 2010. 542 S.

In der heute ohnehin randständigen politischen Bildung ist die kritische Richtung marginalisiert. Dem wirkt von der Wissenschaft her dieses Handbuch nachhaltig entgegen. 48 Autorinnen und Autoren kommen mit 43 durchweg lesenswerten Beiträgen in diesem thematisch ungemein breit gefächerten Sammelband zu Wort. Unter »kritisch« wird gemäß einem weit gefassten Politik- und Demokratieverständnis konzeptionell Unterschiedliches versammelt. Die thematische Vielfalt und die unterschiedlichen theoretischen Zugänge sind Stärke und Schwäche zugleich.

Stärke, weil die beträchtliche Auffächerung politischer Bildung deutlich und mit viel argumentativem Material gestützt wird. Der Informationsgehalt ist enorm, die theoretische Fundierung beträchtlich. Dem Band kann nicht Einseitigkeit und perspektivische Verengung attestiert werden, es sei denn, eine gesellschaftskritische Perspektive wird als solche der Einseitigkeit geziehen. Groß ist das Anregungspotenzial für weiterführende Überlegungen und Forschungen. Schwäche dagegen ist, dass mit Vielfalt notwendigerweise Verkürzungen einhergehen. Schwäche ist auch, dass das Adjektiv »kritisch« bis zur Konturlosigkeit verwendet und allgemein nur als programmatische Ausrichtung und wissenschaftstheoretisch als Abgrenzungskriterium gegenüber anderen Ansätzen verstanden wird (7). Konzeptionelle Schwäche ist zudem, dass nicht deutlich zwischen formaler und nonformaler und zwischen Jugend- und Erwachsenenbildung differenziert wird. Letztere wird explizit nur von Christine Zeuner analysiert. Der universitäre Bereich wird ausgeklammert. Es fehlt v.a. ein Beitrag, der die Gewinnung von Teilnehmern im Bereich der auf dem Freiwilligkeitsprinzip beruhenden nonformalen Bildung untersucht. Ebenso fehlt die Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Wirkung dieser Bildung und den Erwartungen an sie. Die überwiegende Mehrheit der Beiträge lässt sich jedoch für die unterschiedlichen Bildungsbereiche heranziehen.

Die Beiträge sind in vier Blöcke gruppiert. Die beiden ersten – »Grundlagen und Erfordernis kritischer politischer Bildung« und »Kritische Sozialwissenschaften als theoretische Bezugspunkte« – sind den gesellschaftstheoretischen Grundlagen der politischen Bildung gewidmet. Im dritten wird ein »reflexiver Blick auf didaktische und pädagogische Praxis« geworfen, der vierte beleuchtet »institutionelle Kontexte politischer Bildung«. Wird zwischen Praxis, Empirie und Theorie unterschieden, liegt das Schwergewicht des Bandes auf letzterer. Das gereicht ihm angesichts der vorherrschenden Theorielosigkeit zum Vorteil. Der praktischen Umsetzung von Theoriebezügen und aus ihnen abgeleiteter Reflexion konkreter Praxis wird jedoch in den Theoriebeiträgen kein Platz eingeräumt.

Eingangs setzt sich Klaus-Peter Hufer mit Emanzipation als Leitidee politischer Bildung auseinander, bei der es um »das Subjekt, seine Selbstbefreiung durch Selbstaufklärung« (22) geht. Diese Position wird den Leitideen einer individualisierten, neoliberalen Gesellschaft und Ökonomie mit ihren egoistischen und sozialdarwinistisch verkürzten ›Selbst‹-Konstruktionen entgegengesetzt. Damit ist die theoretische ›Stoßrichtung‹ des ganzen Bandes umschrieben. ›Klassiker‹ wie Foucault (Stefanie Graefe), Bourdieu (Helmut Bremer) und Gramsci (Andreas Merkens) werden als theoretische Bezugspunkte in je eigenen Beiträgen angesprochen. Kapitalismuskritik am Beispiel der Transformation von Bildung zum Produktionsfaktor thematisiert Ralf Ptak. Ein kritisches Demokratieverständnis wird von der Herausgeberin für die politische Bildung reklamiert. Ansätze für radikalere Gesellschafts- und Herrschaftskritik bieten die Aufsätze von Ulrich Brand »Der Staat als soziales Verhältnis« (145-56) und Alex Demirovic »Bildung und Gesellschaftskritik«. Dagegen steht bei Albert Scherr »Subjektivität als Schlüsselbegriff« (303-14) nur die Anregung zur Auseinandersetzung mit »alternativen Verstehens- und Handlungsmöglichkeiten« (313) und bei Carsten Bünger die Aufforderung, »die Möglichkeiten politischen Handelns anhand der subjektkritischen Analysen zu überprüfen und neu zu fassen« (323), im Vordergrund. Kritik ist auch bei der Auseinandersetzung mit den verschiedenen Gebieten und institutionellen Kontexten politischer Bildung unterschiedlich akzentuiert. Frank Nonnenmacher stellt sogar den Beutelsbacher Konsens differenziert und demokratiepolitisch motiviert in Frage (466f) und tritt für Handlungsorientierung ein. Die vielfach als Schranke für politische Bildung gesehene Aktionsorientierung wird etwa von Klaus Moegling in »Kritische Politikdidaktik und Unterrichtsmethoden« (367-75) positiv angesprochen. Gegen die Entpolitisierung des Partizipationsbegriffs argumentiert Benedikt Widmaier (480). Im Abschnitt über die institutionellen Kontexte vermisst man die Auseinandersetzung mit Großorganisationen wie Volkshochschulen oder der Weiterbildungseinrichtung »Arbeit und Leben«, ebenso am Ende eine Zusammenfassung, die Chancen und Möglichkeiten kritischer politischer Bildung diskutiert.
Wilhelm Filla (Wien)

Quelle: Das Argument, 54. Jahrgang, 2012, S. 278-280

 

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