Frank Uekötter: Am Ende der Gewissheiten. Die ökologische Frage im 21. Jahrhundert. Frankfurt/M 2011. 301 S.

Verf. diagnostiziert eine »schleichende Krise« der deutschen Umweltbewegung, die sich trotz eines grünen Konsenses in der Bundesrepublik und konstant hoher Mitgliederzahlen der Umweltverbände u.a. am Ausbleiben politischer Erfolge, »nachlassendem Engagement der Basis« und »allgemeiner Ratlosigkeit über mögliche Antworten« zeige (16). Die zentrale Frage laute daher: »Wie kann eine Umweltbewegung aussehen, die den Realitäten des 21. Jahrhunderts gewachsen ist: die die Menschen begeistert, ohne sie mit vorgestanzten Lösungen zu bevormunden; die unbequeme Wahrheiten nicht scheut, ohne sich in utopischen Forderungen zu verlieren; die lokales Handeln ermöglicht, ohne die globalen Zusammenhänge zu verleugnen?« (20)

 

Ein Blick in die Geschichte der »deutschen Umweltbewegungen« (37) zeige zunächst, dass die »Stagnation der ökologischen Debatte [...] mit dem Alpdruck einer unbewältigten Vergangenheit zusammenhängt« (138). Denn seit den 1980er Jahren, als »in der Bundesrepublik ein international einzigartiger Boom des Ökologischen« (112) zu verzeichnen war, hätten sich die Themen »erstaunlich wenig verändert« (116) und ebenso die Argumente und Herangehensweisen. Zu oft würden Lösungsansätze weiterhin lediglich »aus den naturwissenschaftlich-technischen Gegebenheiten entwickelt« (136). So sei etwa bei der Feinstaubproblematik das Festhalten am umweltpolitischen Reflex der 1980er Jahre (Abgasfilter) noch immer nicht zielführend. Auch wenn wesentliche Herangehensweisen sicherlich gleich geblieben sind, wäre allerdings zu fragen, ob es v.a. thematisch nicht doch auch erhebliche Verschiebungen (etwa vom Waldsterben über das Ozonloch zu Klimawandel und Nachhaltigkeit) gegeben hat. – Seine historischen Fallstudien zu acht ökologischen Problemfeldern (u.a. Klima, Atomkraft, Waldschäden, Öko-Landbau, Grüne Gentechnik, Feinstaub) bringen Verf. dazu, überkommene Gewissheiten der Umweltbewegung zu hinterfragen. So plädiert er dafür, bisherige Tabus zu thematisieren, etwa dass viele Umweltprobleme schlichtweg nicht zu lösen seien: Probleme wie Feinstaub, Bodenerosion, Artensterben oder Klimawandel »erfordern ein langfristiges Management, das die jeweiligen Probleme in gewissen Grenzen hält, ohne Aussicht auf endgültige Lösungen« (199).

Abschließend präsentiert Verf. zwölf Thesen für eine zukunftsfähige Umweltbewegung. Einige der Vorschläge überzeugen auf Anhieb: etwa die Vielfalt der Problemlagen nicht der dominierenden Klimadebatte unterzuordnen, die zentrale Bedeutung des Lebensstils anzuerkennen statt auf Verschmutzungsprobleme zu orientieren sowie stets an den konkreten Erfahrungen der Menschen anzusetzen. Andere sind in der Bewegung altbekannt, etwa dass die Abarbeitung an politischen Details nötig sei (was bereits etliche Debatten um lähmende Professionalisierung nach sich zog) oder dass die Umweltbewegung ein »soziales Gewissen« (240) brauche (wobei Verf. nicht danach fragt, warum große Teile offenbar keines besitzen). Daneben findet sich Überraschendes, etwa die zweifelhafte Aufforderung, »Deregulierung als Chance« (242) zu begreifen, da damit Einfachheit, Transparenz und tatsächliche Vollziehbarkeit von Regulierungen gegenüber eventuellen juristischen Erfolgen der Umweltbewegung präferiert würde.

Die Stärke des Buchs liegt darin, die Problem- und Akteurskonstellationen der ökologischen
Debatte detailliert historisch nachzuzeichnen. Allein dass der Fokus dabei auf die Bewegung gelegt und mit Fragen von Strategie und Praxis verbunden wird, ist innerhalb der sozialwissenschaftlichen Umweltforschung beachtlich. Dabei zeigen sich jedoch theoretische Defizite. So will Verf. mit dem Begriff »Umweltbewegungen« der enormen Heterogenität der Bewegung gerecht werden. Folgerichtig fallen darunter nicht nur die »zivilgesellschaftlichen Verbände«, sondern »sämtliche Bestrebungen, die auf eine Veränderung bestehender Strukturen im Mensch-Natur-Verhältnis zielen« (39). Diese durchaus überzeugende Perspektive erkennt an, dass eine Trennung von Staat und Bewegung kaum möglich ist – exemplarisch zeigt sich das bei der Gründung des Bundesverbands der Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) 1972, die maßgeblich auf die Initiative des Innenministeriums zurückgeht. Sie wird jedoch nicht durchgehalten, wenn andernorts die Zivilgesellschaft als von Politik und Verwaltung getrennte Sphäre erscheint und entsprechend eine »unabhängige Umweltbewegung« (229) gefordert wird.

Ferner versucht Verf. die »ökologische Revolution« – also den »Aufschwung der ökologischen Debatte« (101) seit den 1970er Jahren – zu erklären, wobei er die gängigen Erklärungsmodelle (Problemdruckthese und Postmaterialismusthese) für unzureichend hält. Das spezifisch Neue der ökologischen Revolution sei die »Vernetzung vormals getrennter Bestrebungen«, die u.a. »Natur- und Heimatfreunde, Landschaftsplaner und Vogelschützer, Kläranlagenbauer und Filtertechniker, Mediziner und Biologen« zusammenbrachte (108). Stabilisiert worden sei dieses Netzwerk durch das theoretische Konzept Umwelt/Ökologie sowie Institutionen wie das Umweltbundesamt. Allerdings verwundert, dass der Ansatz der Vernetzung im Buch sonst keine Rolle spielt (auch nicht in der Strategiediskussion) und Verf. letztlich auf eine Mischung der zuvor kritisierten Erklärungsmodelle sowie »ein starkes Moment des Zufalls« (110) rekurriert. Neben den genannten Ansätzen kritisiert Verf. marxistische Konzepte (teilweise polemisch: »Die Ökologisierung [der Linken] half, die Legitimationsprobleme des Spätmarxismus zu übertünchen«, 107), auch wenn er deren gesellschaftspolitische Impulse für die Gesamtdebatte anerkennt. Dass aber keinerlei inhaltliche Auseinandersetzung stattfindet (einzig Marx‘ Stoffwechsel-Konzept aus dem Kapital wird gestreift), ist umso bedauerlicher, als Anschlüsse an ökomarxistische Arbeiten (z.B. von James O’Connor) durchaus möglich wären. Denn der Tenor des Buches könnte auch so formuliert werden: die Problembearbeitungskapazität westlich-kapitalistischer Gesellschaften einschließlich ihrer Umweltbewegungen ist strukturell begrenzt. Folglich können ökologische Probleme lediglich zeitlich und räumlich verschoben, aber nicht gelöst werden. Verf. leitet daraus ab, dass bestimmte ökologische Probleme prinzipiell unlösbar seien. Eine alternative Schlussfolgerung wäre, auf die Überwindung der kapitalistischen Naturverhältnisse und damit verbundener Begrenzungen zu zielen. Dies hält Verf. jedoch für überholt, wobei er allerdings übersieht, dass historisch-spezifische gesellschaftliche (Kräfte-)Verhältnisse stets bestimmte strategische Ausrichtungen der Bewegung und politische Lösungsansätze wahrscheinlicher machen als andere. Seine Appelle an offene Kommunikation, Dialogfähigkeit, gemeinsame Suchprozesse und also
letztlich die Vernunft der Akteure zielen somit an wesentlichen Problemen vorbei.
Thomas Barth (Weimar/Jena)

Quelle: Das Argument, 54. Jahrgang, 2012, S. 302-304

 

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