Kirsten Zimmermann-Schulze: Ländliche Siedlungen in Estland. Deutschbaltische Güter und die historisch-agrarische Kulturlandschaft. Stuttgart 2004 (Mitteilungen der Geographischen Gesellschaft in Hamburg 96). 315 S.

Die vorliegende Dissertation befasst sich mit der historischen Geographie von Landbesiedlungen in Estland. In ihrer Dissertation untersucht die Verfasserin das Schicksal der ehemaligen deutschbaltischen Güter vor und nach der Agrarreform von 1919 in Estland, eines Brückenstaates zwischen Ost- und Westeuropa. So stellt die Arbeit gleichzeitig einen Beitrag zur Kulturlandschaftskunde dar, da die historische Geographie innerhalb der Kulturlandschaftsforschung eine sehr wichtige Stellung einnimmt.

Zu den charakteristischen Elementen der estnischen Kulturlandschaft gehören die Gutshöfe der Deutschbalten und deren Herrenhäuser mit Parkanlagen sowie die von ihnen errichteten Steinkirchen. Die detaillierten Untersuchungsgebiete der Dissertation umfassen jedoch nur Nordestland bzw. das ehemalige Gouvernement Estland. Der Aufbau der Untersuchung ist für diese Art von Abhandlungen traditionell zu nennen. Das Buch enthält eine deutsche und eine estnische Zusammenfassung sowie mehrere Anhänge. Historische Literatur und Archivmaterialien hat die Verfasserin selbst aus dem Russischen übersetzt, bei der Übersetzung der estnischen Quellen hingegen haben estnische Wissenschaftler geholfen. Die Verfasserin benutzt parallel sowohl historische deutsche als auch estnische Ortsnamen. Für die bekannteren Ortsnamen gibt sie eine Konkordanz auf Deutsch, Estnisch, Russisch und Lettisch (S. 282-283). Hier sind jedoch einige Präzisierungen erforderlich: Kingissepp ist kein lettischer Name, sondern eine sowjetrussische Benennung (1952-1988) für Arensburg; Pleskau lautet auf Lettisch Pleskava; Reval auf Russisch Revel (bis 1918) und Tallin (in der Sowjetzeit), Walk auf Estnisch Valga und Walk als Landkreis Valgamaa. In das Literaturverzeichnis sind auch Untersuchungen estnischer Historiker, Volkskundler und Agrarökonomen aufgenommen. Die wichtigsten Siedlungsforscher für Estland waren Paul Johansen, Eva Scheibe, Gea Troska und Gustav Ränk. Die zumeist zitierte Autorin Gea Troska ist Geografin, eine Absolventin der Universität Dorpat/Tartu. Die Publikation enthält 32 Karten, 28 Abbildungen und 18 Tabellen, doch mangelt es an einer Übersichtskarte für das heutige Estland. Und eine der geologischen Karten stammt aus dem Jahre 1911! Was für ein Unterschied besteht zwischen der Abbildung 7 und der Karte 9? Bei beiden handelt es sich doch um Karten. Letztendlich muss man in die Folgerung der Verfasserin einwilligen, dass eine einzige, für Estland typische Dorfform nicht besteht, die physischgeographischen Bedingungen jedoch maßgebend für die Gestalt der Siedlung waren. Mit den hier vorgebrachten Bemerkungen soll die grundlegende Bedeutung des Werkes keineswegs in Abrede gestellt werden. Die Leistung der Verfasserin verdient zweifelsohne unsere Anerkennung.

Autor: Ott Kurs

 

Quelle: Die Erde, 137. Jahrgang, 2006, Heft 4, S. 380-381

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