Henriette Meynen (Hg.): Festungsstadt Köln. Das Bollwerk im Westen. Köln (Fortis Colonia 1) 2010. 544 S.  

Die Herausgeberin des eindrucksvollen Werks über die "Festungsstadt Köln. Das Bollwerk im Westen", Henriette Meynen, war über viele Jahrzehnte bis zu ihrer Pensionierung in der städtischen Denkmalpflege tätig. Im Zusammenhang einer Besprechung in einer geographischen Zeitschrift reicht dieser Hinweis auf eine überragende Fachkompetenz im kunsthistorischen Bereich nicht aus. Er muss ergänzt werden durch Daten zu ihrer Qualifikation als Historische Geographin. Sie wurde am Geographischen Institut der Universität Bonn über die Entwicklung des Kölner Stadtteils Ehrenfeld promoviert und war fast ein Vierteljahrhundert als Lehrbeauftragte für Historische Geographie ebenfalls in Bonn tätig.

 

Meynen hat bereits zahlreiche Veröffentlichungen zur Kölner Festungsgeschichte vorgelegt, in denen sie immer wieder ihrer Verwunderung Ausdruck verlieh, dass nur wenige Kölner einigermaßen befriedigend über die Festungsbauten und -anlagen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts im Gebiet der Stadt Köln Bescheid wüssten. Bereits 1987 fasste sie knapp die wichtigsten Gründe für diese Defizite im Bewusstsein der Bevölkerung zusammen. 1. Die Festung ist als Ganzes heute nicht mehr fassbar. 2. Bei der Kölner Festung bestand nirgends eine Verquickung von städtischer, ziviler und militärischer Bausubstanz. 3. Die komplizierte Struktur war auch vor dem Ersten Weltkrieg wegen umfassender Tarnungen und Aussparungen auf den Stadtplänen kaum zu erkennen. 4. Die Festungssysteme waren nur kurzlebig, da die Verteidigungslinien mehrfach verschoben wurden. 5. Es handelte sich um keinen überschaubaren Verteidigungsschutz wie bei einer mittelalterlichen Stadtmauer, sondern um komplizierte aufgelockerte Systeme mit vielen Einzelwerken. 6. Die überwiegende Mehrzahl aller einschlägigen Bauten und Anlagen wurden zerstört oder umgenutzt; darüber hinaus spielte der Verfall eine große Rolle.

Die hier zu besprechende Veröffentlichung ist der Band 1 der Schriftenreihe von Fortis Colonia e.V. Dieser Verein "setzt sich für die Anerkennung, Bewahrung und sinnvolle Nutzung der noch erhaltenen einzigartigen Bauwerke und der anderen ablesbaren Spuren der einstigen Festungseigenschaft der Stadt ein" (Klappentext). Diese Aufgabenbeschreibung könnte nun irrtümlicherweise erwarten lassen, dass es sich bei dem Buch hauptsächlich um ein Werk der Denkmalpflege handele. Dem ist nicht so, wie eindeutig aus der Einleitung der Herausgeberin und dem Blick in das Inhaltsverzeichnis hervorgeht. Auf kürzere Ausführungen zu der Zeit vor 1800 folgen sehr detaillierte Fachbeiträge zu der Entstehung der preußischen Festung Köln und ihrer Weiterentwicklung nach der Reichsgründung. Die Geschichte vom Ende des Ersten Weltkriegs bis heute wird demgegenüber nur relativ knapp behandelt. Die Hauptkapitel tragen folgende Überschriften: Die neupreußische Befestigung Kölns 1915-1973; Die neudeutsche Befestigung Kölns 1873-1914; Die Kölner Rheinbefestigung; Die militärische Infrastruktur; Soldaten und Zivilisten. Eingerahmt werden diese Hauptkapitel durch "Vorwort", "Einführung" und "Allgemeines" am Beginn des Buches und "Entwicklung und Wertung" sowie einem umfangreichen "Anhang" am Ende.

Die Publikation ist sehr anspruchsvoll gestaltet, was die potenten neben dem Titelblatt genannten Förderer ermöglicht haben. Sie enthält zahlreiche meist bunte Photos, Zeichnungen, Pläne und Karten. Besonders eindrucksvoll sind die großformatigen extra für die Publikation angefertigten dokumentarischen Photos aus der Gegenwart. Sehr aufschlussreich sind auch die vielen auf der Basis von älteren Materialien erstellten Situationsskizzen. Die insgesamt zwölf Mitarbeiter sind ehemalige Berufsoffiziere, die meist nach ihrem Ausscheiden noch ein Studium abgeschlossen haben, sowie Wissenschaftler, die unterschiedliche Positionen innehaben bzw. innehatten. Was die vertretenen Fächer betrifft, handelt es sich durchwegs um Kunsthistoriker oder Historiker. Eine Ausnahme stellt Bernhard Wacker dar, der einen Magisterabschluss im Fach Historische Geographie der Universität Bonn aufweist.

Während die meisten Beiträge sich primär auf die militärischen Bauten und Anlagen konzentrieren, bildet der Aufsatz von Dieter Klein-Meynen über das Leben in der Festungs- und Garnisonsstadt Köln eine Ausnahme. Dort steht die Sozial- und Bevölkerungsgeschichte im Mittelpunkt. Von diesem Beitrag lassen sich aufschlussreiche Verbindungen zu den Ausführungen im Kapitel über die militärische Infrastruktur zu den Kasernen, Werkshallen, Depots, sonstigen militärischen Bauten wie z.B. den Garnisonsbäckereien, Exerzierplätzen und Schießständen, Munitionslagern, Straßenbahnen und Flugplätzen herstellen. Das Literaturverzeichnis, die Anmerkungen und die Quellenzusammenstellung finden sich im Anhang.

Allgemeinere geographisch orientierte Fragen spricht die Herausgeberin Henriette Meynen sowohl in ihrer sehr instruktiven Einführung als auch in mehreren Spezialbeiträgen an (über Rayonbestimmungen, die architektonische Gestaltung der Festungswerke, die festungsbedingten Auswirkungen auf das Stadtbild sowie die Nachfolgewirkungen der Festungsbauten). Der Historische Geograph Bernhard Wacker hat fünf Beiträge aus seinem Forschungsbereich beigesteuert: 1. Die römische und mittelalterliche Stadtbefestigung Kölns. 2. Die Festung Köln innerhalb des preußischen Festungssystems. 3. Die neupreußische Befestigung und die Stadtentwicklung. 4. Das Hinausschieben der Verteidigungslinien und die Stadtentwicklung. 5. Die Stadtentwicklung unter dem Einfluss der Befestigung 1873-1914.

Im Mittelpunkt des Buches steht die Festungsgeschichte. In eindrucksvoller Weise wird dabei das hochgesteckte Ziel erreicht, Gestalt und Funktion aller Festungsanlagen für jede Bauphase zu beschreiben und optisch darzustellen. Dies gelingt unabhängig von dem heutigen schwer zu vermittelnden konkreten Befund in Form von Festungsräumen, Ziegelgemäuern, Erdhügeln, Grüngürteln sowie einschlägigen Straßenbezeichnungen und Straßenverläufen. Sehr hilfreich sind dabei die großformatigen Ausschnitte aus einer farbigen detailstarken Rekonstruktion von André Brauch.

Während die Festungsanlagen der Stadt Köln also erstmalig sowohl im großen Zusammenhang als auch im Detail in einer anspruchsvollen Veröffentlichung vorgestellt wurden, dürfen Hinweise auf Themenfelder nicht fehlen, die in dem Buch nur angerissen werden konnten. Dies soll nicht als Kritik verstanden werden, sondern als eine Hilfestellung bei der Vermeidung einer unangebrachten Erwartungshaltung. Die Verbindung zur Stadtgeschichte ist nicht sehr eng, wobei dies teilweise auf die Rücksichtnahme auf vorhandene oder in Bearbeitung befindliche Spezialveröffentlichungen zurückzuführen ist. Auch die mehrmals angesprochene "Einordnung und Wertung der Kölner Festungswerke in die europäische Festungsbaugeschichte" wird nur rudimentär geleistet, so dass die Bezeichnung "stärkste Festung im Westen des preußischen Reiches" etwas isoliert im Raum steht. Nur knapp behandelt wird auch die Entwicklung der Kölner Festungswerke nach dem Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart unter besonderer Berücksichtigung der Auswirkungen auf die städtischen Strukturen.

Wenn diese Aufgabe geleistet worden wäre, hätte auch die entscheidende Frage nach der Erlebbarkeit der früheren Festung in der heutigen Zeit besser beantwortet werden können. Ob die Aussage im Klappentext, die Auswirkungen auf das heutige Stadtbild seien aktuelles Thema dieses Standardwerks, wirklich berechtigt ist, erscheint fraglich. Das Buch ist kein Leitfaden für die Denkmalpflege und schon gar nicht für die Kulturlandschaftspflege. Welche Aufgaben hier zu leisten sind, geht aus zahlreichen einschlägigen Veröffentlichungen und Vorträgen der Herausgeberin Henriette Meynen hervor. Es verwundert etwas, dass aus diesem reichen Fundus an Erkenntnissen und berechtigten Wünschen für den richtigen Umgang mit den Relikten dieser spezifischen Vergangenheit nur relativ wenig Eingang in das Buch gefunden hat.

Unter Hinweis auf die sehr anregende Veröffentlichung von Matthias Burger über die ‚Bundesfestung Ulm. Deutschlands größtes Festungsensemble. Ulm 2006' geht es dabei um die Wiederherstellung der Erlebbarkeit, die Vermittlung der Vorstellung von dem historisch-städtebaulichen Wert der Festungswerke und die Hinführung der Bevölkerung zu einem ausgewogenen Verhältnis beim Umgang zwischen Erhaltung und Nutzung. In diesem Zusammenhang weist Burger mit Nachdruck darauf hin, dass es sich nicht nur um Bauten handle, sondern auch um begrünte Erdwerke, Wälle und Gräben. Diese bauliche Gesamtheit gilt es immer im Auge zu behalten. Während in der Zwischenkriegszeit die zentralen Themen Schließung, Umgestaltung oder Erhaltung hießen, und in der Kriegs- und Nachkriegszeit Nützlichkeitserwägungen die zentrale Rolle spielten, kann die Zeit zwischen 1955 und 1975 als die Phase der Beseitigungsmentalität bezeichnet werden. Erst seit dem Europäischen Jahr der Denkmalpflege 1975 begann man allmählich die Festungsanlagen als Kulturdenkmal zu entdecken. Diese Ansätze verstärkten sich allmählich und mündeten in die gegenwärtigen Aktivitäten der zahlreichen Interessenten für die Geschichte, Gegenwart und Zukunft der vielgestaltigen Teilelemente der Festungsanlagen im Bereich der Stadt Köln.

Abschließend bleibt nochmals festzuhalten, dass in einem sehr aufwändig gestalteten und von zahlreichen Fachleuten in mühseliger Detailarbeit erstellten Buch das Ziel erreicht wurde, die Gesamtanlage der Festungsstadt Köln wieder greifbar zu machen und den Zusammenhang der zahlreichen Einzelelemente in Text und Bild wiederherzustellen. Sicherlich wird diese Bestandsaufnahme der Geschichtswissenschaft im weiteren Sinne eine vorzügliche Grundlage für die erfolgreiche gezielte Arbeit der Denkmal- und Kulturlandschaftspflege darstellen. Noch wichtiger erscheint aber die nun gegebene Möglichkeit, die weitgehend abgehängte Festungsgeschichte wieder in eine enge Verbindung zur allgemeinen Stadtgeschichte zu bringen und die Bevölkerung zu sensibilisieren.
Klaus Fehn

Quelle: Erdkunde, 65. Jahrgang, 2011, Heft 4, S. 421-423

 

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