Manfred Kühn und Susen Fischer, unter Mitarb. v. Roland Fröhlich: Strategische Stadtplanung. Strategiebildung in schrumpfenden Städten aus planungs- und politikwissenschaftlicher Perspektive. Detmold 2010. 191 S.

In der planungstheoretischen Debatte hat in den letzten Jahren die strategische Planung eine Renaissance erlebt. Nach der grundlegenden Habilitationsschrift von Thorsten Wichmann und den anregenden Beiträgen von Ernst-Hasso Ritter bzw. Uwe Altrock ist jetzt ein weiteres Werk zu diesem Thema mit dem Titel Strategische Stadtplanung erschienen. Es handelt sich um einen erweiterten Abschlussbericht zu einem DFG-Projekt, das zwischen 2007 und 2009 vom Leibnitz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) durchgeführt wurde.

 

Im Kern ging es in diesem Forschungsprojekt um den Umgang mit strategischen Konzepten in den fünf schrumpfenden Mittelstädten Cottbus, Dessau, Görlitz, Stralsund und Wittenberge, in denen Projekte und Leitbilder miteinander verbunden werden. Diesen fünf ostdeutschen Städten ist gemeinsam, dass sie seit der Wiedervereinigung durch einen deutlichen Verlust an Einwohnern und Beschäftigten gekennzeichnet sind. Sie stehen jeweils vor der Aufgabe, den einschneidenden Strukturwandel mit einer hohen Arbeitslosigkeit bewältigen zu müssen. Zudem sind einige der fünf Mittelstädte durch ihre periphere Lage in Ostdeutschland besonders gefordert.

Die Autoren fragen in dem Buch, welchen Stellenwert eine übergreifende Stadtentwicklungspolitik für den Umgang mit diesen Herausforderungen in den letzten 20 Jahren eingenommen hat. Den Autoren geht es um die Analyse der kommunalpolitischen Strategiebildung zur Bewältigung des Strukturwandels und der städtischen Schrumpfungsprozesse. Dazu haben sie in den fünf Städten insgesamt 57 Experteninterviews geführt. Zudem haben sie zwei Workshops durchgeführt, um mit Experten aus Praxis und Wissenschaft ihre Befunde zu reflektieren.

Die empirischen Ergebnisse machen den größten Teil des Buchs aus und können mit ihrer soliden Aufbereitung der fünf Fallstudien überzeugen. Der Leser erfährt hier einiges über die einzelnen Städte in Ostdeutschland und den Umgang in diesen Städten mit übergeordneten Planungskonzepten. Die Querauswertungen der fünf Fallstudien machen Aussagen zur Rolle von Leitbildern, zum Stellenwert von Projekten, zum Wechselspiel zwischen diesen beiden Elementen, zum Einsatz der integrierten Stadtentwicklungskonzepte sowie zur Rolle der Akteure. Sie sind gelungen und machen diesen Teil des Buchs lesenswert.

Weniger überzeugend ist nach meiner Einschätzung aber das normative Modell der strategischen Stadtplanung, das gleich zu Beginn des Buchs am Ende des einleitenden Abschnitts vorgestellt wird. Es handelt sich bei diesem Modell nicht etwa um den "dritten Weg" zwischen dem "Modell der integrierten Entwicklungsplanung" und dem "Modell des Inkrementalismus", der von Theorie und Praxis gefordert wird. Vielmehr sehen die Autoren strategische Stadtplanung als ein "normatives Analyseinstrumentarium", in dem sie sowohl Leitbilder und Projekte als auch integrierte Entwicklungskonzepte, Stärken-Schwächen-Analysen und Evaluierungen fassen. Auf diese Weise vermengen sie nahezu alle Elemente der räumlichen Planung und setzen den Begriff der strategischen Planung in einen ganz anderen Zusammenhang. Sie verschieben den Begriff zu einer Forschungsperspektive, die für einen konstruktiven Umgang mit Planungsstrategien zwischen den großen Plänen und den kleinen Schritten für die Städte und Gemeinden nicht hilfreich sein kann. Diese Besetzung des Begriffs der strategischen Planung trägt aus meiner Sicht nicht zu einer Klärung bei.

Weiterhin muss sich das Buch an einer zweiten Stelle Kritik gefallen lassen. So sind nach meiner Einschätzung nicht alle Kapitel sinnvoll aufeinander bezogen. Es gibt Wiederholungen etwa zwischen dem ersten und dem zweiten Abschnitt. Gleichzeitig verwirren Ausführungen im zweiten Abschnitt über strategische Planungsansätze in Manchester und Bilbao, in Sachsen-Anhalt und Brandenburg, die eher einen Fremdkörper in den Ausführungen als eine wirkliche Bereicherung für die weiteren Argumentationslinien darstellen. Der Leser erhält den Eindruck, dass einzelne Abschnitte nicht sorgfältig genug aufeinander abgestimmt sind.

Sieht man von diesen beiden Kritikpunkten ab und hält sich an die Auswertung der fünf Fallbeispiele, erhält man einen interessanten Einblick in die Planungspraxis ostdeutscher Mittelstädte. Es wird sehr schön deutlich, wie lokale Bedingungen zu unterschiedlichen Ausprägungen bei der Verwendung von Stadtentwicklungskonzepten führen und dies auch personenbezogen zu erklären ist.
Claus-C. Wiegandt

Quelle: Erdkunde, 66. Jahrgang, 2012, Heft 1, S. 88

 

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